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Zwei Seiten einer Medaille

Religion und Spiritualität

Patricia Kornfeld

#FEATURE #SPIRITUALITÄT


Wenn zur Weihnachtszeit allmählich Besinnlichkeit ins Haus und Ruhe ins Gemüt einkehren, es draußen immer kälter wird und ein gemütliches Feuer im Ofen knistert, die roten und goldenen, glänzenden oder matten Christbaumkugeln aus der Schachtel geholt werden und der herrliche Duft von frischen Tannennadeln und Keksen den Raum erfüllt, ist das für viele der Höhepunkt des Jahres.


Manche feiern zu Weihnachten die Geburt Jesu, manche das Beisammensein mit Familie und Freunden und manche ganz einfach das Schenken und das Beschenkt werden. Während für einige die religiöse Botschaft – die Menschwerdung Gottes – im Vordergrund steht, beziehen sich andere jedoch eher auf die spirituelle Bedeutung des Weihnachtsfestes.


Photo: Marina Khrapova

Zeit der Besinnung


Religion und Spiritualität besitzen im Advent eine so große Bedeutung, wie zu sonst fast keiner anderen Zeit im Jahr. Advent - das ist Latein und bedeutet Ankunft. „Adventus Domini“ – „Die Ankunft des Herrn“ steht also sinnbildlich für die nahende Begegnung mit Christus zu Heiligabend. Es ist eine Zeit, in der die Menschen sich verstärkt nach innen wenden, zur Ruhe kommen und das vergangene Jahr reflektieren. Früh einsetzende Dunkelheit und weniger Tageslicht machen den Advent zum Moment des Rastens und der inneren Einkehr. Und so besitzt auch Weihnachten einen hohen spirituellen Stellenwert.


„Die Menschen haben das Gefühl, dass da etwas ist, was über den Alltag und auch über andere Feste hinausreicht, was viel mehr ist als das. Es mag unbewusst geschehen, aber eine Art von Gottesbegegnung ist in der festlichen weihnachtlichen Atmosphäre vielfach erlebbar, auch jenseits klassischer Orte wie Kirchen. (…) Die Empfänglichkeit des Menschen für Spirituelles ist zu dieser Zeit besonders ausgeprägt.“, meint der Freiburger Theologe und Weihnachtsforscher Stephan Wahle in diesem Zusammenhang.


Photo: Mohamed Nohassi

Sinn und Tiefe


Wenn man zwei Tage vor Heiligabend realisiert, dass man noch nicht alle Geschenke beisammen hat und sich ins hektische Gewühl auf der Einkaufsstraße stürzt, um Stunden später hundemüde und energielos wieder heim zu kommen, der motivierte Weihnachtsmann im Einkaufszentrum Geschenke verteilt und ein fröhliches HOHOHO wünscht und man nichts mehr sehen kann, außer angestrengte, verbissene Gesichter, Einkaufstaschen und glühende Kreditkarten, ist die Besinnlichkeit schnell passé. Wenn der Nachbar wieder heillos mit der Weihnachtsbeleuchtung übertrieben hat und sein Haus in ein amerikanisches Winter Wonderland verwandelte, vergisst man die spirituelle Bedeutung des Festes über den ganzen Keksen, Lichterketten und Kerzen sehr leicht. Und auch das Jesuskind ist einem dann herzlich egal.


Photo: Niels Steemann

Worin liegen aber die Unterschiede zwischen Religion und Spiritualität? Spiritualität kommt aus dem Lateinischen und ist zu übersetzen mit Atem, Hauch oder Geist. Sie stellt die Befassung mit dem Wichtigen, Transzendenten, Überirdischen und dem Göttlichen dar. Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es allerdings nicht. Laut dem Professor Dr. Jörg Barthel der Theologischen Hochschule Reutlingen ist mit Spiritualität das geistliche Leben bzw. die „Frömmigkeit“ gemeint, womit aber häufig negative Dinge assoziiert werden. Mit dem Begriff Spiritualität „verbindet sich (…) für viele die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Leben, nach etwas, was dem Leben Sinn und Tiefe gibt – auch jenseits der traditionellen Frömmigkeit. (…) Viele Menschen empfinden einen Glauben, bei dem es in erster Linie um das Fürwahrhalten von theologischen Sätzen und organisierte Kirchlichkeit geht, als ungenügend. Sie suchen nach einem spirituellen Lebensstil, der das ganze Leben durchdringt.“ Spiritualität kann demnach ebenso Aspekte, wie das Beten oder Meditieren, beinhalten.


Photo: Justin Main

Religion als Institution


Ebenfalls schwer eingrenzbar ist der Begriff Religion. Im Allgemeinen wird darunter eine große Anzahl kultureller Phänomene zusammengefasst, die allesamt den Glauben an eine oder mehrere Gottheit(en) beinhalten. Im Duden wird Religion u.a. definiert als „(meist von einer größeren Gemeinschaft angenommener) bestimmter, durch Lehre und Satzungen festgelegter Glaube und sein Bekenntnis“ oder als „gläubig verehrende Anerkennung einer alles Sein bestimmenden göttlichen Macht“. Da religiöse Überzeugungen Handlungs- und Glaubensvorstellungen systemhaft miteinander verbinden, kann Religion als Institution verstanden werden, die bei der Suche nach Sinn behilflich ist. Sie gibt verschiedene Konzepte vor und leitet das Individuum daher in eine gewisse Richtung.


Mitunter wird Spiritualität als Grenze zur institutionalisierten Religion aufgefasst, sie strebt aber ebenso nach Gottes- oder Selbsterkenntnis. Üblicherweise vermittelt sie, dass Menschen ihrem Herzen folgen und das tun sollen, was für sie richtig erscheint. Spirituelle Anhänger_innen sollen glauben, woran sie wollen und sich nicht einer vorgegebenen Richtung fügen. Im Gegensatz zur Religion setzt Spiritualität nicht das Mittel der Bestrafung und die Angst vor Konsequenzen „falschen“ Handelns ein, sondern führt den Menschen Ursache und Wirkung vor Augen. Sie macht die Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst, zeigt aber Wege, um in schwierigen Situationen stark und mutig zu bleiben. Zudem zeigt sie, wie mit Ängsten umgegangen werden kann und wie man nach seinen eigenen Wertvorstellungen handelt, auch wenn dies beschwerlich ist. Anhänger_innen sollen ihren eigenen Weg entdecken, die Wahrheit auf eigene Faust erkennen und nicht einen vorgefertigten Pfad einschlagen.


Während sich die Religion von anderen religiösen Ansichten scharf abgrenzt, integriert die Spiritualität all diese Anschauungen, vereint sie und betrachtet die Übereinstimmungen hinsichtlich der göttlichen Botschaft. Sie lehrt zudem, dass Menschen unabhängig von Objekten glücklich sein können, für ihr Glück selbst verantwortlich sind und die Göttlichkeit immer in sich tragen. Religion hingegen setzt die Teilnahme an Veranstaltungen, z.B. dem Gottesdienst, oder die Ausführung bestimmter Riten voraus, um dem Empfang von Glückseligkeit würdig zu sein.

Links

Die Rheinpalz (Dez. 2019) I Interview mit Weihnachtsforscher Stephan Wahle. Popkultur und Religion

Thelogische Hoschule Reutlingen I Interview mit Prof. Dr. Jörg Barthel

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