• nova

Zuhause ist oft der unsicherste Ort

Häusliche Gewalt während Covid-19

Theresa Herzog

#HUMAN


Durch die Ausgangsbegrenzung zur Eindämmung des Covid-19 Virus droht die Zunahme häuslicher Gewalt. Finanzielle Mittel für Gewaltschutz stellte die Regierung bisher nur unzureichend zur Verfügung. Ein Soforthilfefonds muss her.


#StayAtHome bedeutet für viele ÖsterreicherInnen während der derzeitigen Covid-19 Virus Ausgangsbeschränkung nicht gleich Sicherheit. Für viele wird die Luft in den eigenen vier Wänden derzeit dünn. Ängste um den Job, die Zukunft und die Existenz frustrieren und können leicht in Wut und Gewalt im engsten Kreis umschlagen. Wie es schon in China und Italien der Fall war, warnen auch in Österreich Regierungsmitglieder, SozialwissenschaftlerInnen, Polizei und Gewaltschutzstellen vor einer Zunahme der häuslichen Gewalt während der Ausgangsbeschränkung. Erste Fälle von Männern, die ihre Frauen während der Isolation schwer verletzten und sogar versuchten zu töten, wurden letzte Woche bereits gemeldet.


Photo: Sydney Sims

Isolation verschärft Gewalt


Corona setzt jedoch nicht den Gewaltschutz außer Kraft, denn alle Möglichkeiten des Opferschutzes sind weiterhin gewährleistet. Das versichert auch die Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle Rosa Logar: „Wir haben nicht zu, wir sind für Sie da.“ Laut Logar verzeichnete die Wiener Interventionsstelle letzte Woche bereits einen Anstieg von Betretungsverboten, die von der Polizei gegen Gewalttäter ausgesprochen wurden. Das zeigt jedoch nicht nur, dass Spannungszustände bestehen, sondern auch, dass sich Betroffene Hilfe holen. Das sei ein gutes Zeichen, so Logar, denn besonders während der derzeitigen Krise sei es für Betroffene schwierig, einer Misshandlungssituation zu entkommen. „Die Gesellschaft sagt, bleibt in den eigenen vier Wänden, somit sind die Möglichkeiten, auszuweichen oder zu flüchten eingeschränkt,“ erklärt Logar. „Bei Gewalt in der Familie ist das eigene Zuhause oft der unsicherste Ort“, hebt sie hervor. Daher sei es für Betroffene wichtig, „raus zu können, um sich mit jemandem zu treffen, um zu reden und die Unterstützung von FreundInnen, Bekannten oder Nachbarn zu haben.“


Photo: Kat J.

Die verhängten Maßnahmen zur Ausgangsbeschränkung werden von Gewalttätern auch ausgenutzt, um mehr Macht gegenüber ihren Opfern auszuüben, warnt Logar. Betroffenen werde die Ausweglosigkeit suggeriert, indem man ihnen sagt: „Du darfst nicht rausgehen, du kannst nichts tun.“ Opfer von Gewalt leben in Angst. Sie verlieren das Vertrauen und haben keine Ruhe. „Auch wenn es derzeit keine Gewalt gibt, wissen sie nie, wann der nächste Schlag kommt“, erklärt Logar. Die Coronakrise allein mache eine Person zwar nicht zum Gewalttäter, doch bei Aggressionsproblemen bestehe die Gefahr, dass die Frustration an der Partnerin oder den Kindern ausgelassen wird. Das isolierte Zusammenleben verschärfe die häusliche Situation, in der bereits ein Streit über Kleinigkeiten eskalieren kann.


Messer wegräumen und Nachbarschaftshilfe aktivieren


In Österreich gibt es eine Vielzahl von Beratungsstellen, die telefonisch Hilfe leisten können. Unter der Nummer 142 etwa bietet die Krisenintervention rund um die Uhr eine Telefonseelsorge für Hilfe in allen Lebenslagen. Für Betroffene sei es auch wichtig, selbst Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, sagt Logar. Dazu zählt, das Handy stets aufgeladen bei sich zu haben oder die Möglichkeit zu schaffen, sich in einen Raum wie die Toilette einzusperren, um per Telefon Hilfe rufen zu können. Mögliche Waffen wie Messer, mit denen in Österreich viele schwere Gewalttaten verübt werden, sollen auch möglichst weggeräumt werden. Gewalttätigen müsse vermittelt werden, dass Gewalt ihre Familien und letztlich auch das eigene Leben zerstöre, sagt Logar.


Photo: Noah Buscher

„In dieser angespannten Situation ist es besonders wichtig, aufeinander zu achten und Betroffene nicht im Stich zu lassen, nur weil wir vielleicht weniger von ihnen hören“, sagt Logar. Wenn häusliche Gewalt als Nachbar bemerkt wird, dürfe man nicht untätig bleiben. Worte wie: Ich bin für Sie da. Wenn Sie irgendetwas brauchen, können Sie immer zu mir kommen“ können für Betroffene bereits wertvolle Signale sein. „Es macht es einfacher wenn ich weiß, ich kann zu meiner Nachbarin oder meinem Nachbar gehen und muss nicht erst den Kontakt zur Polizei herstellen, wenn ich in einer brenzligen Position bin, erklärt Logar.


Hier sei es jedoch auch sehr wichtig, keinen Druck auszuüben. Kommentare wie: „Warum trennst du dich nicht von ihm?“ können Betroffene zusätzlich belasten. Was diese Menschen brauchen, ist Sensibilität sowie bedingungslose Hilfsangebote von Außenstehenden. Gewaltbeziehungen sind oft manipulativ und hindern die Betroffenen daran, sich jemandem anzuvertrauen. Zudem werden besonders in Trennungszeiten schwere Gewalttaten verübt. Deshalb müssen Betroffene in diesen Zeiten besonders geschützt werden.


Photo: Sydney Sims

Es steht und fällt mit den finanziellen Mitteln


Gewaltschutz muss finanziert werden. So begrüßt Logar zwar, dass die Frauenministerin Susanne Raab und Justizministerin Alma Zadic bereits am Sonntag ein Maßnahmenpaket gegen häusliche Gewalt vorgestellt haben, jedoch seien die Mittel für den Opferschutz in Österreich zu niedrig. Es reiche etwa nicht, eine neue telefonische Helpline einzurichten, wenn man diese nicht bewerben und an die Opfer von Gewalt heranbringen kann, sagt Logar. Auch im Akutfall sei finanzielle Unterstützung dringend notwendig, um etwa bei materiellen Schäden eine sichere Türe, einen Schlosswechsel oder ein Telefon, das zerstört wurde, zu bezahlen. Dafür bräuchte es einen Soforthilfefonds - und mit etwa 20.000 Euro für Wien „könnte man schon viel bewirken“, sagt Logar.


Von staatlicher Seite fehle das Bewusstsein dafür, was Gewalt für einen Schaden in der Gesellschaft anrichte, so Logar: „Man kann in der Eindämmung von Gewalt nicht erfolgreich sein, wenn die Mittel nicht ausreichen. So wie man Terrorismus nicht bekämpft, wenn man nur ein bisserl was investiert. 6.000 Opfer von häuslicher und familiärer Gewalt werden jährlich von der Interventionsstelle in Wien betreut. Jedoch könne laut Logar immer nur Krisenhilfe geleistet werden, denn die personellen Kapazitäten reichen nur für 5,5 Stunden pro Fall. Bisher lag das Frauenbudget bei 10 Millionen für alle (!) Frauen in ganz Österreich, wobei die Hälfte davon für Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen verwendet werden. Die türkis-grüne Regierung hatte nach ersten Signalen für eine Vervierfachung, das Budget für Gleichstellung – in dem der Gewaltschutz inkludiert ist – allerdings nur um 2 Millionen erhöht. Logar unterstreicht, dass die Kosten für Gewalt eigentlich vom Sicherheitsbudget gedeckt werden sollten und nicht vom Gleichstellungsbudget. „Mittel, die eigentlich dafür da sein sollen, dass Frauen mehr verdienen, stärker repräsentiert sind und gleichberechtigter werden, gehen zur Hälfte jedoch für die schlimmste Form von Diskriminierung, und zwar Gewalt drauf“, kritisiert Logar.


2018 verzeichnete die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie 18.526 Opfer familiärer Gewalt in Österreich, die von Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut wurden. 84% der unterstützten KlientInnen waren Frauen und Mädchen, 91% der Gefährder waren männlich. Wie Statistiken des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) zeigen, bestand auch bei dem überwiegenden Teil der Frauenmorde im Jahr 2019 – 34 an der Zahl – ein Beziehungs- und familiäres Verhältnis zwischen Täter und Opfer.

Links


Wiener Interventionsstelle: 01/585 32 88 I online


Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555 I online

zentrale Informationsstelle der Österreichischen Frauenhäuser in den Bundesländern und bietet 24 Stunden kostenlose Tipps und Antworten, Beratung in verschiedenen Sprachen möglich


Frauennotruf Wien: 01 71 71 9 I online

rasche Soforthilfe, allgemeine Informationen kostenlos und rund um die Uhr


Frauenhäuser Wien: 05 77 22 I online

anonyme und kostenlose Beratungsgespräche; Schutz durch vorübergehende Wohnmöglichkeit, Tag und Nacht erreichbar


Männerberatung Wien: 01 603 28 28 I online


Polizei: 133 oder 112 – bei akuter Gewalt; Notruf für Gehörlose und SMS an: 0800 133 133


Frauenzentrum der Stadt Wien: 01/408 70 66 I online

berät kostenlos zu Themen wie Scheidung, Trennung, Obsorge, Kontaktrecht und Unterhalt

  • Facebook
  • Instagram
Jetzt kostenlos und unverbindlich registrieren!
 
nov@-Member werden und Einladungen zu Events, exklusiven Infos uvm. erhalten!