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26. Wiener Flüchtlingsball: Raum für Begegnung

Das Wiener Integrationshaus lädt zum Ball

Yago Schneider

#CULTURE


Am Samstag, den 22. Februar 2020 jährt sich der Flüchtlingsball im Wiener Rathaus zum 26. Mal und steht mehr denn je unter dem Zeichen inter – und transkultureller Begegnung von Menschen mit einer Geschichte der Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat. Organisiert wird der Ball vom Wiener Integrationshaus. Ein Blick hinter die Kulissen der sozialen Einrichtung und die neuen Herausforderungen in der Arbeit mit Geflüchteten.


Das Integrationshaus Wien ist eine Institution mit einer lang zurückreichenden Geschichte von Vertreibung und Flucht, die sich bis heute in ihrer Tradition fortsetzt. Bereits der Auftrag zum Bau des bis heute genutzten Gebäudes in der Engerthstraße im 2. Bezirk kam von dem jüdischen Unternehmer und Papierfabrikanten Hugo Bunzl, der mit seiner Firma Bunzl & Biach 1881 eine Niederlassung in Wien eröffnete und hierfür ein Fabrikgebäude errichten ließ. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden sowohl Hugo Bunzl als auch Dr. Karl Jaray, der spätere Architekt, vertrieben, das Gebäude unter nationalsozialistischer Flagge annektiert und Teile der Familien ermordet oder in Konzentrationslager deportiert.



Andrea Eraslan-Weninger, Geschäftsführerin I Photo: Lukas Beck

1995 erhielt das Haus dann seine bis jetzt bestehende Rolle. Das Haus kümmert sich heute in den unterschiedlichsten Funktionen um mehr als 8000 Menschen und besteht aus einem Mitarbeiterstab von knapp 170 engagierten Kolleginnen und Kollegen, die in 39 Sprachen, zusammen mit 250 Freiwilligen, im Bereich rechtlicher, psychosozialer sowie kooperativer Schulung und Ausbildung für ihre Mitglieder tätig sind. Der Verein bietet betreutes Wohnen, Beratung und Kinder- und Jugendbetreuung, die von Kindergärten bis hin zur Jugendarbeitsassistenz reichen.


Das Integrationshaus beherbergt Geflüchtete aus 77 Nationen, wobei der Hauptanteil aus dem Irak, Syrien und Afghanistan kommt. Die Finanzierung dieser herausragenden und vielseitigen Projekte ist eine Mammutaufgabe. So ist der Verein auch auf private Spenden angewiesen (etwa 15% des Gesamtbudgets), weswegen gerade Medien wie die „Gute Zeitung“ eine zentrale Rolle im Fundraising des Integrationshauses einnehmen und mit Unterstützungsaktionen wie „Hilfe - Geschenke!“, die durch den FALTER durchgeführt wurde, maßgeblich zur Finanzierung beitragen.


Keine Gegenveranstaltung zum Akademikerball


Der Wiener Flüchtlingsball, den das Integrationshaus nun schon zum 26. Mal organisiert, ist jedoch nicht, wie man vermuten könnte, als Opposition zu einschlägigen Veranstaltungen wie etwa dem Wiener Akademikerball zu verstehen. Vielmehr solle der Ball als ein Näherbringen und Erzählen von persönlichen Geschichten und Begebenheiten fungieren, wie der Organisator Nikolas Heinelt erzählt: „Es geht um einen Schulterschluss von Menschen mit Fluchterfahrung“.

Photo: Priscilla du Preez

Niki Heinelt ist seit 18 Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit für das Integrationshaus Wien tätig und hat die Anfänge des Vereins hautnah miterlebt. Heinelt erinnert sich zurück: „ Bevor das Haus eröffnet hat, gab es sehr großen Widerstand und Sorge à 'da kommen hunderte Flüchtlinge daher'“. Doch mit dem Kennenlernen kam auch das Verständnis, um das es bis heute in der Arbeit des Hauses geht. „Wir sehen weniger das Dagegen, sondern mehr das Wofür“. Deshalb ist es auch nicht Ziel, eine Gegenveranstaltung zum Akademikerball zu sein, sondern den Ball als einen Ort zu betrachten, an dem gleichberechtigter Austausch ermöglicht wird. „Beide Seiten müssen geben und nehmen, damit das Gemeinsame funktioniert“, sagt Heinelt.


Unsicherheit als täglicher Begleiter


Gerade geflüchtete Menschen müssen mit einer ständigen Unsicherheit leben. Zuerst die Ohnmacht auf der Flucht, der Verlust der Entscheidungsfreiheit und dann auch die Willkür einer politisierten Grundsatzdebatte, der Menschen auf der Flucht ausgesetzt sind. „Die Angst wird größer, weil die Rechtsunsicherheit immer größer wird und zum Beispiel auch immer wieder Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden“, sagt Heinelt. Afghanistans Status als "sicheres Herkunftsland" wurde aufgrund der instabilen Sicherheitslage in der Vergangenheit wiederholt heftig diskutiert. Trotz wiederkehrender Anschläge und eskalierender Gewalt werden immer wieder Gruppenabschiebungen nach Afghanistan durchgeführt; auch Österreich schiebt nach Afghanistan ab.



Photo: Maria Teneva

Doch laut Heinelt gilt es, nicht den Mut zu verlieren. Seit im Oktober 2015 von einer so genannten ´“Flüchtlingskrise“ die Rede ist, erstarken überall Menschen und Organisationen, die sich für die Rechte der Geflüchteten einsetzen. „Wenn die Zivilgesellschaft gebraucht wird, ist sie auch da“, sagt Heinelt entschieden. Trotzdem fügt er hinzu: „Jeder kennt dann auch jemanden, der tatsächlich abgeschoben wurde. Diese Unsicherheit, was mit einem passiert und ob man denn tatsächlich bleiben kann, plagt geflüchtete Menschen“.


Für eine Ballnacht aus dem Alltag ausbrechen


Nikolas Heinelt erzählt von der Umstellung, die sich in den letzten 18 Jahren vollzogen hat: „Wir als Integrationshaus sind jetzt in der Situation, in der wir viel mehr intervenieren müssen, sei es rechtlich oder natürlich psychologisch. Am Anfang haben wir uns tatsächlich noch mit Integration beschäftigen können. Jetzt geht es vielmehr darum, ob die Betroffenen überhaupt bleiben dürfen“. Der Ball sei eine Gelegenheit für die teilweise seit Jahren in der rechtlichen Schwebe befindlichen Migrantinnen und Migranten, einen Abend Auszeit aus dem Alltag von Anfeindung und Benachteiligung zu nehmen: „ Der Flüchtlingsball ist auch ein Abend, wo man mal ein bisschen abschalten kann“, erklärt Heinelt.


Photo: Michael Morawe

Der 26. Wiener Flüchtlingsball des Integrationshauses Wien ist ein Ereignis, welches notwendiger nicht sein könnte, und ist doch zugleich einfach ein Abend der Ausgelassenheit. Es ist eine Nacht, in der gemeinsam musiziert, getanzt und gegessen wird und in der auch vergessen werden darf. Es ist eine Veranstaltung, die für und nicht gegen eine Sache steht. Der Ball nimmt hierbei eine besondere Vermittlerrolle ein.


Die Situation für geflüchtete Menschen bleibt auf der ganzen Welt eine prekäre und ungewisse. Doch gerade in Österreich, einem der reichsten Länder dieser Erde, muss das Bewusstsein über jene Situation Bestandteil in der Wahrnehmung aller Menschen werden. Das Kennenlernen, wie Nikolas Heinelt den Prozess in den Anfängen des Integrationshauses beschreibt, ist in unserer Zivilgesellschaft essentiell. Gerade hier schaffen das Integrationshaus und der Wiener Flüchtlingsball einen Ort des Zusammenkommens und des Kennenlernens, der mit Fug und Recht als Vorbild gelten darf.


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