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Wenn die Seele nach Hilfe schreit

Psychische Erkrankungen

Tanja Bühringer

#FEATURE #GESUNDHEIT


Ein kleiner Kratzer auf dem Arm und schon kann man sich vor Hilfeangeboten und Versorgungen mit Pflastern nicht mehr retten. Eine gebrochene Seele hingegen wird von kaum jemandem bemerkt, helfende Hände und Trostpflaster bleiben hier meist aus.

„Es fühlte sich an, als würde ich innerlich zerbrechen. Ich bestand nur mehr aus einzelnen Teilen, die nicht mehr zusammengehörig schienen und die lose in der leeren Hülle herumschwirrten, die mein Körper war. Und doch sah ich aus wie immer: Man merkte mir nichts an.“ Melanie K.* leidet seit mittlerweile vier Jahren an einer rezidivierenden depressiven Störung. Vor allem die Zeit von Beginn der ersten Symptome bis hin zur offiziellen Diagnose war für sie besonders schwierig. „Ich fühlte mich immer schlechter, wusste nicht, was mit mir los war oder was ich nun tun konnte. Einerseits wollte ich meinen Schmerz mit der ganzen Welt teilen, um endlich die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ich so dringend brauchte. Doch andererseits war da dieses Schamgefühl. Es war mir unendlich peinlich, dass etwas mit mir scheinbar nicht stimmte.“



Photo: Youssef Naddam

Die Diskrepanz unserer Routinen


Ein Arztbesuch zählt für viele heute mittlerweile zur Routine: Kratzt die Nase, so wählt man schon die Nummer des HNO-Arztes und bei Kopfschmerzen muss sofort der Hausarzt her. Leiden wir jedoch unter psychischen Schmerzen, haben Ängste, Druck und Sorgen, dann schweigen wir und verhalten uns möglichst so, dass dies niemand merkt.


Doch warum sind psychische Probleme so verpönt? Obwohl heute mehr Menschen denn je an Burnout, Depression oder Angststörungen leiden – ein Drittel aller Diagnosen in Österreich sind psychisch bedingt – werden die Erkrankungen häufig immer noch nicht ernst genommen. Ein Besuch beim Psychologen/der Psychologin wird oft ins Lächerliche gezogen.


Auch als Psychologiestudentin merke ich häufig, dass das Wissen und die Akzeptanz rund um menschliche Verhaltensweisen und psychische Erkrankungen immer noch nicht in der Gesellschaft verankert sind. Häufig werde ich im Hinblick auf meine Ausbildung schief angesehen und bin mit Aussagen wie „Kannst du in mich hineinsehen und meine Gedanken lesen?“ oder „Arbeitest du also mit komischen und gestörten Leuten?“ konfrontiert.


Dass die Psychologie ein wesentliches Thema in unserem Leben darstellt und es sich dabei um die Lehre des menschlichen Erlebens und Verhaltens handelt, ist dabei nicht jedem und jeder klar. Auch in Anbetracht von psychischen Erkrankungen bedenken viele nicht, dass neben unserem Körper eben auch unsere Seele gehört werden möchte und dass dies auch völlig normal ist.

Auch Melanie K.* erinnert sich: „Der beste Moment beim Psychologen war jener, als er mir klar machte, dass es nicht meine Schuld war, sondern dass eine Depression jemanden genauso unverhofft treffen kann wie ein Bandscheibenvorfall oder Rheuma.“


Eine Bandbreite an psychischen Krankheiten

Was ebenfalls noch nicht in den Köpfen aller verankert ist, ist die Tatsache, dass es nicht nur eine psychische Erkrankung gibt. Der Mensch bewegt sich stets auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit, weshalb die beiden Begriffe auch nicht klar voneinander getrennt werden können. Treten vermehrt bestimmte Symptome auf, so ist die Wahrscheinlichkeit der Zuordnung zu einer psychischen Störung erhöht. Neben solchen Erkrankungen, welche besonders im Kinder- und Jugendalter auftreten (beispielsweise Entwicklungsstörungen), können im Erwachsenenalter diverse Kategorien unterschieden werden. Zur Einteilung wird dabei das ICD, ein Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, verwendet, das diverse psychische Störungen unterscheidet. Die häufigsten Krankheiten sind dabei affektive Störungen, unter die auch Depressionen fallen, ebenso wie neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen, zu denen Angststörungen, Phobien und Zwangsstörungen zählen. Auch psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (wie Alkohol) finden im ICD Eingang.



Photo: Dan Meyers

Erkenntnis als erster Schritt


Bemerkt man selbst Symptome, fühlt sich ausgelaugt oder überfordert, hat man Stress, Angst oder Sorgen, so ist der erste Schritt, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht und ein Problem vorliegt – auch wenn dieses nicht konkret identifiziert werden kann.

Für Melanie K.* war das Aufsuchen eines Psychologen die schwerste und gleichzeitig beste Entscheidung ihres Lebens: „Es war hart für mich, zuzugeben, dass ich meine Probleme alleine nicht in den Griff bekomme und ich die Hilfe eines Außenstehenden brauche. Gleichzeitig fühlte ich mich nach dieser Hürde erstmals seit Langem wieder entlastet und befreit. Ab dann wurde es besser. Zwar ist meine Krankheit bis jetzt nicht völlig geheilt und ich werde auch weiterhin damit leben müssen, doch weiß ich heute, dass ich sie nicht alleine besiegen muss.“


Gerade als Psychologiestudentin bin ich mir sicher, dass diesem Thema in unserer Gesellschaft noch viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Es sollte jedem und jeder klar werden, dass psychische Störungen normale Krankheiten darstellen und keiner der Betroffenen dafür selbst verantwortlich ist. Der Gang zum Psychologen/zur Psychologin oder Psychiater/in sollte dabei genauso alltäglich sein wie das Aufsuchen des Hausarztes. Nur wenn wir die Krankheiten beim Namen nennen und offen über Depression, Süchte, Burnout oder auch Angststörungen sprechen, können wir uns selbst und anderen helfen. Wagen wir den ersten Schritt!


*Name von der Redaktion geändert

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