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Vom Piktogramm zum Emoji

Smartphone-Auswirkungen auf unsere Gesprächskultur

von Jannis Raptis


Gute zehn Jahre ist es jetzt her, dass das erste iPhone auf den Markt kam und symbolgebend für den Usurpator namens „Smartphone“ wurde. Ein ultimativer, handlicher Roboter zum Anbeißen (man achte auf das Wortspiel!), der Internetsurfen, Musikhören, Telefonieren und digitale Postwirtschaft vereinte und noch dazu ein verstörend attraktives Design vorwies.


Mittlerweile, am Ende der Zehner-Jahre, ist das Smartphone unverzichtbarer Hauptbestandteil des allgemeinen Survival Kits geworden. Ob Apple, Samsung, Huawei oder LG, um nur die führenden Hersteller zu nennen, ein jeder von ihnen ist bemüht, sich in Sachen „smart“ und „digital“ zu toppen. Warum auch nicht? Bei knapp anderthalb Milliarden Geräten, die jährlich ausgeliefert werden, wäre es auch fatal, sich als betroffene Firma den kleinsten Fauxpas zu erlauben.


Photo: Bruce Mars

Allein in Österreich, so der aktuelle Mobile Communications Report 2018 der Mobile Marketing Association Austria, nutzen 96 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone, weitere etwa 60 Prozent ein Tablet. Das Smartphone begleitet die Österreicher täglich vom Moment des Aufwachens bis zu dem des Schlafengehens, wie besagte Studie außerdem berichtet.


Aufteilung der Aufmerksamkeit


Unnötig also hinzuzufügen, dass der Verzicht auf das Smartphone heutzutage kaum vorstellbar ist. Laut oben genannter Studie, wäre es nur knapp einem Drittel all der User möglich, mehrere Tage ohne Handy auszukommen. Es handelt sich zweifellos um eine Abhängigkeit und ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Die Frage, die uns viel mehr beschäftigt, ist: Wie wirkt sich die ständige Präsenz des Smartphones nun auf die unverzichtbare Grundlage des Zusammenhalts in menschlichen Gesellschaften aus, die gemeinhin als „Gespräch“ bezeichnet wird?


Photo: Jens Johnsson

Fakt ist, unsere Aufmerksamkeit ist geteilt. Auch das muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein. Anstatt nur mit Personen zu kommunizieren, die physisch anwesend sind, können wir nun plötzlich auch ohne Probleme Personen kontaktieren, die physisch abwesend sind.


Unser Status ist „online“. Wir sind aktiv und erreichbar. Das portraitiert sich sehr anschaulich in der Social Media-Präsenz.


Wie real ist eine Person, die heutzutage nicht auf Facebook zu finden ist und wie sehr bemühen wir uns nach einem solchen Kennenlernen, diese auf anderem Wege zu kontaktieren?


Die Gesprächspartner immer dabei


Wir haben sämtliche unserer Kontakte stets „dabei“ und die Möglichkeit, sie zu erreichen, besteht in jeder Sekunde. Doch was bedeutet das für die Person, mit der wir nun in „real life“ beisammensitzen? Wie viele von uns können von sich behaupten, das Handy während eines Treffens in der Hand- oder Manteltasche verstaut zu lassen.


Photo: Maliha Mannan

Meist liegt es auf dem Tisch, auf dem Tresen oder ist in irgendeiner Form dabei. Für den regelmäßigen Dopaminschub, den das Gegenüber oft nicht liefern kann, reicht in der Regel, lediglich mal auf den Bildschirm zu schauen, um „die Uhrzeit zu checken“. Dass man sich eine Sekunde später oftmals nicht mehr an die Uhrzeit erinnern kann, könnte kritischen Geistern Grund zur Sorge liefern.


Denn zumeist ist die Uhrzeit ohne jede Bedeutung. Viel interessanter sind die grünen (WhatsApp), blau-weißen (Facebook), roten (Instagram) und sonst-farbigen Benachrichtigungen, die aufpoppen und etwas Spannendes oder zumindest Interessantes versprechen.


Schnell, kurz und überall/immer (teilweise)


Womit wir wieder zur geteilten Aufmerksamkeit zurückkehren. So multitaskingfähig manche von uns auch sein mögen – von tatsächlicher Anwesenheit kann, zumindest in geistiger Hinsicht, nicht die Rede sein. Da beginnt sie, die Veränderung des Beisammenseins und der Kommunikation. Die Prämisse lautet: Schnell, kurz und überall/immer (teilweise) anwesend. Der Dialog per se, welchem die Kunst der Rhetorik vorauseilt, verliert an Bedeutung. Die geistige Präsenz wird von jener des Internets unterstützt und möglicherweise sogar eingeholt. Es bleiben nur die zwei Möglichkeiten der Zerstreutheit oder der absoluten Konzentration.


Photo: Erik Brolin

Was folgt dieser für die Zehner-Jahre typischen Grundsituation?


Wir alle kennen und fürchten den Umstand, dass die Sprache „ausstirbt“, oder zumindest verkümmert. Das ist kein Wunder bei den kurzen Sätzen und Emojis, die den Gebrauch von Smartphones in der Kommunikation schön bildhaft darstellen.


Wie Soziologin Angela Keppler von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main in ihrem Projekt „Alltagskommunikation unter mediatisierten Bedingungen“ sehr treffend feststellt: In Form alltäglicher Gespräche bildet sich eine Art „Etikette“ für die neue Kommunikation.


Angela Keppler geht davon aus, dass digitale Kommunikationstechnologien die Alltagsgespräche mehr und mehr prägen und durchdringen.


Ihre Untersuchung zeigt allerdings, dass diese nicht das Ende der Unterhaltung darstellen, sondern letztere vielmehr beleben. Gemeint sind hier Inhalte, die uns miteinander verbinden. Die Forscherin zeigt dabei auf, dass Medien wie Zeitungen oder Nachrichtensendungen seit jeher ein Motor für Gesprächsthemen waren.


Wir kommunizieren auf mehr Ebenen


Bezogen auf heute, bedeutet das also etwa: Wir zeigen uns das neue Lieblingsvideo auf YouTube, vergleichen unsere „Freunde“ auf Facebook und protzen mit dem heißen Tinder-Match. All das wäre ohne Smartphone nicht möglich.

Was wir daraus schließen können, ist also, dass nicht unbedingt weniger kommuniziert wird als früher, sondern einfach anders und auf mehr Ebenen.


Und wie so Vieles, ist auch die Sprache dem Wandel der Zeiten unterworfen. Was ist Sprache auch anderes, als das Mitteilen von Gedanken? Und sind die Gedanken nicht Produkt und Spiegel des Zeitgeistes, in den man hineingeboren wird?


Was heute Emojis sind, waren Jahrtausende zuvor Piktogramme, an Stelle von Onlinevideos gab es früher Arenakämpfe und wer früher Briefe schrieb und mit Briefmarken versah, dem liegt nun die Welt des Chats zu Füßen. Die Kommunikation ist einfacher denn je – wortwörtlich. Das ist das neue Jahrtausend, das ist die Gesellschaft von heute. Wer auf den Gebrauch eines Smartphones verzichtet, der verneint vermutlich all das, was gemeinhin als real bezeichnet wird.

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