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Väterkarenz

„Der ist jetzt arbeitslos!“

Annemarie Andre

#FEATURE #ERZIEHUNG


Der Familienernährer und die Hausfrau. Diese zwei Rollen prägen die klassische österreichische Familie. Wenn Väter in Karenz gehen, wird ihre Männlichkeit oft in Frage gestellt. Beim Arzt oder auf dem Spielplatz bleiben sie die Exoten.


„Der Beamte hat aufgeschrieben ‚Hausfrau‘“, erzählt Franz. Wenn der 42-Jährige Unternehmer über seine Karenz vor rund 15 Jahren redet, dann erzählt er auch von einem Ausflug in die Slowakei. Damals wurde er an der Grenze aufgehalten, weil die Vignette nicht richtig gelocht war. „Bei der Frage nach der Arbeit, habe ich dann gesagt, dass ich zu Hause mit dem Kind bin“, so der jetzige Unternehmer. Der Grenzbeamte war zuerst verwirrt und entschied sich dann dafür, einen Begriff nieder zu schreiben, den er ohnehin schon kannte: "Hausfrau".


„Ernähr‘ doch deine Familie!“


Seit den 2000er Jahren nehmen immer mehr Männer Karenz in Anspruch. Diese Zahl wird jedoch bald konstant bleiben – wie das Wiedereinstiegsmonitoring der Arbeiterkammer Österreich zeigt. Nur 19% der Väter beteiligen sich hierzulande insgesamt und beziehen laut Familienministerium Kinderbetreuungsgeld. Klarer Vorreiter ist hier Wien, weniger stark besiedelte Gebiete bilden das Schlusslicht. Die Männer, die sich für eine Karenz entscheiden, unterbrechen ihre Karriere oft nur für drei Monate. Die Angst, die eigene Karriere zu gefährden, steht oft im Vordergrund.


Photo: Caleb Jones

Bei Marvin spielte die eigene Karriere bei der Entscheidung keine Rolle. Der 33-Jährige wählte eine sechsmonatige Karenz, die zu den 18 Monaten seiner Partnerin hinzukommen. Der Einstieg ins Berufsleben nach Geburt und Pflegeurlaub war schwierig und motivierte ihn zu diesem Schritt. „Als ich nach dem Pflegeurlaub wieder ein Monat arbeiten war, hat es mir jedes Mal im Herzen weh getan, wenn ich zur Arbeit gegangen bin“, erzählt der Sozialarbeiter. Besonders schlimm sei das Bewusstsein gewesen, dass er jeden Tag neue Entwicklungsfortschritte verpasste.


„Außerdem ist so ein Säugling viel Arbeit und da wollte ich meine Partnerin einfach unterstützen“, so Marvin. Kommentare wie ‚Warum gehst du in Karenz? Ernähr‘ doch deine Familie!‘ hat der junge Vater auch gehört. Eva-Maria Schmidt vom Institut für Familienforschung erklärt das mit dem Stereotyp, das noch immer in den Köpfen der ÖsterreicherInnen verankert ist. „Die intensive Mutterschaft und gleichzeitig auch das Bild des Vollzeit-Erwerbstätigen Familienernährers beeinflussen noch stark“, so die Soziologin.


Ewald Samhaber war diesen Kommentaren – zumindest im Privatleben – nicht ausgesetzt. Er ist mit 26 Jahren unerwartet Vater geworden. Da seine Frau bereits vor der Schwangerschaft studieren gehen wollte, hat sich das Paar die Kinderbetreuung aufgeteilt. Für den 52-Jährigen war klar, dass er ein anderer Vater sein möchte, als sein eigener. „Mein Vater war ein '27er-Jahrgang' und ist selbst in der Zeit des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Er hat wenig Emotionen gezeigt und wenig körperliche Nähe zugelassen“, sagt Samhaber. Die Beziehung zu seinem Sohn ist heute sehr eng – nicht zuletzt wegen der Karenz. „Diese wertvolle Zeit hat auch die Bindung zu meinem Sohn möglich gemacht, die sonst vermutlich nicht so ausgeprägt wäre“, erzählt der Sozialarbeiter. Für viele Männer ist die Väterkarenz besonders wichtig, um sich in der neuen Rolle einzufinden. „Sie erleben sich in einer emotionalen Rolle, als Fürsorger und nicht nur als Ernährer“, berichtet Florian Holzinger, Genderforscher bei Joanneum Research.


Photo: Irena Carpaccio

Ein Mann mit Tragehilfe


Wenn Marvin mit seiner Tochter alleine in Wien unterwegs ist, stößt er immer wieder auf positive Reaktionen. Vor allem wenn er das Kind, als es noch klein war, in der Tragehilfe transportierte, sprachen ihn ältere Frauen darauf an. „Oft habe ich dann gehört: ‚Das hat’s ja früher gar nicht gegeben, dadurch haben die Frauen viel verpasst‘“, berichtet er. „Ich sage oft darauf: ‚Da haben aber auch die Männer viel verpasst – und die Kinder auch‘“, so der 33-Jährige.


Die Tochter von Franz ist mittlerweile 16 Jahre alt. Ihm war es wichtig, sich die Zeit mit dem Kind zu nehmen. Für seinen Arbeitgeber war das kein Problem und auch die KollegInnen waren größtenteils positiv gestimmt. Gerade bei Behördengängen oder beim Arzt ist Franz bewusst geworden, wie besonders seine Situation ist. „Viele haben vermutlich geglaubt: ‚Der ist jetzt arbeitslos‘“, erzählt Franz. Seit drei Jahren ist er nun alleinerziehender Vater, seine Tochter und sein Sohn leben bei ihm. „Die Leute stufen es schon als ungewöhnlich ein, dass man als Mann alleine die Kinder übernimmt, aber die Reaktion ist durchwegs positiv“, so der Unternehmer.


Photo: Steven Van Loy

Kind oder Karriere?


Für Männer mit höherer Ausbildung ist beides möglich. Florian Holzinger von Joanneum Research beschäftigt sich mit der Vereinbarkeit von Väterkarenz und Karriere. Im Zuge der Forschung wurden Einkommens- und Sozialversicherungsdaten von hochqualifizierten Männern untersucht. „Dabei konnten wir feststellen, dass die Väterkarenz auf das Einkommen keine negativen Auswirkungen hat“, so Holzinger. „Im Gegenteil, Männer sind relativ schnell im Einkommen gestiegen und haben sogar Sprünge gemacht“, berichtet der Forscher. Das liege zum einen auch daran, dass Männer oft sehr kurz in Karenz gehen und sich beim Zeitpunkt nach dem Wunsch des Arbeitgebers richten. Der ideale Zeitpunkt liege da vor allem in den ruhigen Sommermonaten, merkt die Ethnologin Eva-Maria Schmidt an. „Auch Paare, bei denen beide Vollzeit erwerbstätig sind oder bei denen die Frau sogar mehr verdient, entscheiden sich für eine Karenz, die nicht allzu sehr die Normen verletzt“, sagt die Soziologin.


Photo: Arleen Wiese

Probleme gäbe es vor allem in Unternehmen mit einer sehr männlichen Kultur. Das hat auch Ewald Samhaber erlebt. Er war vor seiner Umschulung zum Sozialarbeiter in der Kunststoffverarbeitung tätig. Im Betrieb wurde seine Entscheidung als sehr exotisch angesehen. „Niemand hat mich explizit negativ darauf angesprochen, aber ich wurde schon komisch betrachtet und es war spürbar, dass die Entscheidung nicht unbedingt gut ankam", erzählt Samhaber. Kurz nach der "Behaltefrist" nach der Karenz wurde er entlassen. Das machte es besonders schwierig, da die Familie damals finanziell am Limit war.


Trotzdem würde Ewald Samhaber es nochmal genauso machen. „Die Väterkarenz ist eine wertvolle Erfahrung, die mehr machen sollten", meint er. Dazu brauche es auch Initiativen zur Geschlechtergleichstellung, die nicht nur auf die Karenz reduziert sind, meint Soziologin Eva-Maria Schmidt. In anderen EU-Ländern gibt es diese schon seit einigen Jahrzehnten, in Österreich besteht Aufholbedarf.


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