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Toxische Beziehung – die Achterbahnfahrt der Gefühle

Eine emotionale Abhängigkeit, die wie eine Droge ist.

Hanna S. Orell

#LOVE


Der Begriff „toxische Beziehung“ ist in aller Munde, doch was genau bedeutet er eigentlich? Simpel ausgedrückt ist es eine Beziehung, die „giftig“, also emotional zerstörerisch ist. Ein Wechselspiel aus Liebe und Streit, aus Nähe und Distanz, aus Sehnsucht und emotionalem Missbrauch.


"Hätte ich nicht so lange mit meiner Antwort gewartet. Wäre ich doch nur früher von der Arbeit gegangen, um mehr Zeit zu haben. Warum habe ich mich überhaupt mit meiner Tante getroffen. Ich müsste doch einfach derselben Meinung sein. Dann, ja dann ist alles gut.."

Es scheint die große, unsterbliche Liebe zu sein. Ein Liebesroman, der im echten Leben stattfindet. Romeo und Julia,  Harry und Sally, Bridget und Daniel – und jetzt ihr beide. Besser könnte es nicht laufen. Bis eines Tages die Realität wie ein Crash auf dich zukommt und du merkst, wie sich das Blatt gewendet hat. Doch nun ist es zu spät, du liebst. Und zwar so sehr, wie noch nie zuvor – so zumindest der Glaube.


Photo: Brooke Cagle

Toxische Beziehung? Ich doch nicht!


Eine Beziehung ist primär etwas, das gut tut und Kraft gibt. Wenn die Liebe jedoch mehr Schmerz als Wohlbefinden auslöst und der Gedanke an eine Trennung kaum vorstellbar ist, handelt es sich oftmals um eine toxische Beziehungsdynamik. Vielen wird sich die Frage stellen, warum nicht einfach gehen? Doch einmal gefangen in dieser Dyade, ist dieser Kreislauf nur schwer zu durchbrechen. Anzeichen für eine solche Beziehung sind meist schon früh zu erkennen. Voraussetzung dafür ist, diese Warnsignale auch zu kennen. Hier einige Punkte, um ein besseres Bild von dieser Art von Beziehung zu bekommen. Sie sind geprägt durch

· ständige Schuldzuweisungen

· das Gefühl, nicht genug zu sein

· Streit mit emotionalen Verletzungen

· keine Entschuldigungen, stattdessen weitere Druckausübung

· Isolation von Freunden und Familie

· Vorwürfe für Dinge, die die Person selbst gemacht hat

· Idealisierung von Verhaltensweisen, die bei anderen inakzeptabel wären

· starke Kontrolle durch den Partner / die Partnerin


Photo: Luis Galvez

Missbrauch? Das geschieht ja rein körperlich.


Für all diese Verhaltensweisen gibt es neben dem Begriff „toxische Beziehung“ noch einen weiteren – emotionalen Missbrauch. „Unsichtbare Wunden“, die sich im inneren manifestieren und zu nicht heilenden Narben werden. Gefangen in einer Beziehung, die keine körperlichen, jedoch viel gravierendere seelische Spuren hinterlässt. Einschüchterungen, Drohungen, Verbote, Stalking. Nur einige Verhaltensweisen, die von diesen Menschen verwendet werden. Worte, die oft härter treffen als eine AK47. Genau wie auch toxische Personen schaffen es emotional missbrauchende Menschen, den Selbstwert ihres Gegenübers so sehr zu schwächen, dass eine Abhängigkeit geschaffen wird. Ist diese Abhängigkeit erst einmal vorhanden, werden Worte als Gewaltobjekt verwendet.


Die Sache mit der Schuld


Oftmals wird die rosarote Brille mit der Abhängigkeit, die in dieser Beziehung stark vorhanden ist, verwechselt. „Liebe macht blind“ - ein Sprichwort, das durchaus wahrheitsgetreu ist. Doch sie macht nur einen selbst blind. Als hätte unser Umfeld unsichtbare Antennen, die in solchen Situationen ausgefahren werden, werden Veränderungen meist sehr schnell bemerkt.

Photo: Allef Vinicius

Aufgrund der raschen Idealisierung der Partnerin oder des Partners fällt die Trennung schwer, wenngleich Familie und Freunde einen früh darauf aufmerksam machen. Doch auf sie hören will keiner, der in einer solch missbräuchlichen Beziehung gefangen ist. Denn bis für einen selbst spürbar ist, wie ungesund und giftig die Beziehung ist, dauert es – meist zu lange.

„Giftige“ Personen suchen sich meist hoch empathische Menschen, da diese sehr einfühlsam sind und Schuld häufig auf sich nehmen, obwohl sie rational gesehen keinerlei Verantwortung für die aktuelle Situation tragen. Ständige Beleidigungen, zu Beginn meist subtil, schwächen das Selbstwertgefühl und lassen so ein Gefühl der Unterlegenheit entstehen. Ein Machtgefälle bildet sich, wodurch eine Abhängigkeit entsteht, die sogar Leid als Liebe empfinden lässt. Die intensive Sicherheit und Geborgenheit, die zu Beginn der Beziehung vorhanden war, ist wie weggeblasen. Stattdessen arbeitet die toxische Person mit Entwertung, während die andere Beziehungsperson stark idealisiert, die Partnerin oder den Partner also auf einen Thron hebt. Die emotionale Not, die durch diese Handlungen geschieht, bindet intensiv. So intensiv, dass eine Trennung vom allmächtig empfundenen Gegenüber nicht mehr denkbar ist.

Festhalten an der Hoffnung – was hat das mit Hirnzellen zu tun?


Dieses ständige Leid und dieser ständige emotionale Stress ziehen Konsequenzen mit sich. Sie lösen Ängste und Depressionen aus und führen neuronal sogar zu einem Absterben von Hirnzellen. Dadurch beginnen wir in eingefahrenen, engen Bahnen zu denken, unsere Welt wird kleiner und es fällt sukzessive schwerer, aus dieser toxischen Lebensweise auszubrechen. Wie ein Stein, der sich auf die Brust legt, den wir aber nicht entfernen können. Wie ein Schleier vor den Augen, der die Sicht auf die Realität trübt. Doch nicht nur die

Photo: Claudia Wolff

neuronalen Bahnen sind nach gewisser Zeit festgefahren, sondern auch der Blick auf die Beziehung. Dieses eine zauberhafte Erlebnis, dieser atemberaubende Kuss, dieses spektakuläre Wochenende. In der Psychologie wird diese Form der Konditionierung „intermittierende Verstärkung“ genannt. Eine Form, bei der die Person nicht weiß, wann und ob sie eine positive Reaktion erhält. Aufgrund der wiederkehrenden Bekräftigung – die jedoch weitaus seltener vorkommt, als eine negative Reaktion – bleibt die Hoffnung und der Wunsch auf eine „Belohnung“ in übermäßigem Grad bestehen. Denn auch wenn nicht gewiss ist, wann die positive Verstärkung geschieht, sie wird – irgendwann auf jeden Fall wieder – kommen. Und auf dieses „irgendwann“ setzen wir. Wir setzen darauf, dass es im nächsten Moment wieder kommen kann. Denn es ist ja im Rahmen des Möglichen.


Ich brauche dich, verlass mich nicht


Nicht selten stammt dieses Verhalten, wie bei so vielen Verhaltensweisen, aus prägenden Kindheitserfahrungen und den Erinnerungen an diese. Gefangen in einem Wechselspiel aus Hoffnung und Enttäuschung, aus Wunschgedanken und niederschmetternden Ereignissen. Genährt durch die Angst, alleine zu bleiben, denn dies wäre in der Kindheit fatal. Denken wir beispielsweise an einen Säugling, ist diese Sorge durchaus berechtigt. Immerhin wäre er ohne Bezugsperson, also alleine, nicht lebensfähig. Und somit würde er sterben. Als erwachsener Mensch ist dies eine nicht rationale Angst, da wir ab einem gewissen Alter

Photo: Toimetaja Tolkeburoo

selbstständige Wesen sind, die sehr gut alleine überleben können. Wir lernen, für uns selbst zu sorgen und uns selbst zu versorgen. Der sogenannte Widerholungszwang lässt uns aber nicht aus den Gedanken, alleine zu sterben, entkommen. Wiederholungszwang ist ein von Freud geprägter Begriff, der den Drang des Menschen beschreibt, sich immer wieder in schmerzhafte Situationen zu begeben, wenn sie Ähnlichkeit mit in der Kindheit erlebten Szenen aufweisen. Ganz schön destruktiv, möge man meinen, doch das menschliche Hirn wählt meist den einfacheren Weg. Und in vielen Fällen wird die einfach aufgebaute Destruktivität tiefer in den Hirnzellen gespeichert, als der komplexe Positivismus. Wodurch auch erklärbar wird, wieso wir uns an negative Ereignisse langfristiger erinnern, als an positiv Erlebtes.


Illusion versus Realität


Doch wie ist es nun möglich, dieser Situation zu entkommen. Es kann beispielsweise helfen, positive und negative Aspekte der Beziehung aufzulisten, um im Anschluss einen Soll- versus Ist-Zustand vor sich zu haben. Gibt es eine große Diskrepanz dieser beiden, ist es ein Zeichen für eine ungesunde, also toxische, Beziehung. Ebenfalls hilfreich ist es, tatsächlich erlebte positive Momente von erhofften, erwünschten Momenten zu unterscheiden. Unser Hirn kann oft trügerisch sein, ein Realitätscheck ist demnach förderlich. Dafür ist es auch hilfreich, das engere Beziehungsumfeld hinzuzuziehen, mit denen eine Vertrauensbasis besteht.


Photo: Andrik Langfield

Nahestehende Personen können oftmals eine große Hilfe beim Eruieren von real erlebten Ereignissen sein und für gewöhnlich ist von ihnen eine ehrliche, wenn auch oftmals harte, Antwort zu erwarten. Das bedeutet natürlich nicht, dass Auseinandersetzungen und Streitigkeiten in gesunden Beziehungen nicht vorkommen dürfen. Denn durch diese entsteht nicht selten starkes Vertrauen. Eine feurige Diskussion, eine emotionale Auseinandersetzung. Durchaus wichtige Aspekte einer Beziehung, um Stagnation zu vermeiden. Positive Momente sollten in einer Liebesbeziehung nichts desto trotz überwiegen. Hierbei nützlich ist die 80:20-Regel. Diese lässt erkennen, dass auch negative Emotionen, wie bereits erwähnt, normal und sogar erwünscht in einer Partnerschaft sind, um gemeinsam daran zu wachsen. Anzumerken bei dieser Regel ist, dass 80% positive Ereignisse darstellen sollten, nicht 20%. Ist es umgekehrt der Fall, kann dies drastische Folgen haben.


Die Achterbahnfahrt mit dem Teufel


Nehmen die negativen Aspekte Überhand, befindet sich der Körper in einem Dauerstress, ist ständig erschöpft und begibt sich in einen Überlebenskampf. Ständig werden Rechtfertigungen gesucht, warum die Beziehung denn gut ist und aus welchen Gründen das Verhalten der Partnerin oder des Partners zu entschuldigen ist. Die Wahrnehmung verändert sich, Trennungsandrohungen und Unterdrückung werden als Normalzustand angesehen. Ein ständiges Spiel aus Idealisierung und Abwertung wiederholt sich. Die innere Instanz, die für gewöhnlich darüber urteilt, wenn etwas nicht stimmt, funktioniert durch die Abhängigkeit nicht mehr. Abgesehen davon wurde schon so viel in die Beziehung investiert. Sie einfach hinzuschmeißen, ist schier undenkbar. Dadurch entsteht ein ständiger Schmerz. Und Schmerz bindet. Ein Teufelskreis, an dem krampfhaft festgehalten wird. Und mit der Wahl der Partnerin oder des Partners kann sich die Person auch sicher sein, dass sie nicht verlassen wird. Denn die Beziehungsperson wird nicht willkürlich gewählt. Wie zu Beginn dieses Artikels bereits erwähnt, wählen sich Missbraucherin oder Missbraucher ein äußerst einfühlsames Gegenüber. Hochsensible, empathische Menschen nehmen Gefühlszustände und

Photo: Noah Buscher

Empfindungen von anderen wie mit Fühlern auf und internalisieren diese. Das bedeutet, sie übernehmen die Gefühlsregungen anderer und integrieren sie in ihr eigenes Erleben, so als wäre es von ihnen selbst. Für die toxische Person, die sich selbst kaum spüren kann, ist dies optimal. Es ist die ideale Möglichkeit, den eigenen Schmerz, der nicht gespürt werden kann und darf, auf sein Gegenüber zu übertragen. Somit werden verdrängte Inhalte entsorgt, zumindest scheinbar.


In der Psychologie wird diese Handlung Projektion genannt. Ein Abwehrmechanismus, der häufig zu sozialen Konflikten führt, da für eigene Missgeschicke andere Personen verantwortlich gemacht werden. Triebimpulse, auch Affekte genannt, wie Angst und Schuldgefühle können dem eigenen Selbst nicht zugeordnet werden, weshalb sie externalisiert werden. Ein sehr unreifer Abwehrmechanismus, der durchaus ein Indiz für eine pathologische Persönlichkeitsstruktur sein kann. Um dies zu verdeutlichen, ein kleiner Theorieexkurs in die Struktur der Psyche. Es gibt 4 Ebenen der Abwehrmechanismen, wobei Ebene 4 die reife, gesunde Abwehr darstellt. Dazu gehören beispielsweise Coping Strategien oder Humor. Die Projektion hingegen befindet sich auf Ebene 2, manchmal sogar auf Ebene 1, bei der die psychotische Abwehr zu finden ist. Somit ist erkennbar, von welchem Reifegrad bei toxischen Personen die Rede ist.


Ich meinte es doch nur gut mit dir


„Mach doch einfach Schluss“, „du musst den Kontakt abbrechen“, „schau doch mehr auf dich“ – alles Ratschläge, die primär zur Destabilisierung der betroffenen Person führen. Denn gut gemeint bedeutet nicht immer gut. In einer toxischen Beziehung gefangen sind Betroffene stets damit konfrontiert, Dinge nicht gut zu machen, generell nicht gut genug zu sein und etwas oder alles nicht zu schaffen. Kommt nun eine Person auf sie zu und tätigt „gut gemeinte“ Aussagen, wie die oben genannten, fühlt sich die Leidende oder der Leidende meist insuffizient. Wieder einmal reicht es nicht, wieder einmal unzulänglich, wieder einmal alles falsch gemacht. Der Selbstwert, der bereits unter der Erdoberfläche verschwunden ist, nähert sich immer weiter dem Erdkern. Je näher, desto zerstörerischer. Je tiefer, desto abhängiger.


Doch es muss doch etwas geben, das hilft. Diese Menschen können nicht bis ans Ende ihrer Tage eingesperrt und emotional missbraucht werden. Es muss doch Möglichkeiten der Unterstützung geben. Und die gibt es auch. Wichtig ist es, primär für die Person da zu sein. Zuhören, nach Gefühlen fragen und keine Anschuldigungen und Aussagen, die Druck

Photo: Priscilla Du Preez

erzeugen, tätigen. Wichtig für die Betroffenen ist es, zu verstehen, dass Beziehungen auch anders sein können. Dieses ständige Leid muss nicht sein, eine Beziehung darf auch schön sein. Sie dürfen glücklich sein. Und vor allem: er oder sie hat es selbst in der Hand.


Es ist eine Entscheidung, die nicht von der Partnerin oder dem Partner getroffen wird, sondern von einem selbst. Denn das ist das Hauptproblem dieser Abhängigkeit oder Sucht: der Glaube, nur die Partnerin oder der Partner kann alles wieder gut machen. Eine Vorstellung, die zwar tief verankert aber schlichtweg nicht korrekt ist.


Doch so funktioniert unser Hirn, je stärker die neuronalen Bahnen gefestigt sind, desto realer werden sie für uns. Und desto schwerer ist es auch, sich von Ihnen zu lösen. Und da diese Beziehungen zu Beginn sehr intensiv und romantisch sind, wird die Destruktivität erst bemerkt, wenn die Bahnen schon eingefahren sind. Wie Testfahrten, die von unseren Synapsen durchgeführt werden. Je häufiger sie erprobt werden, desto tiefer eingeprägt sind die Verhaltensweisen. Und eine toxische Beziehung ist eine Verhaltensweise. Eine sehr gut gefestigte, aus der ein Entkommen meist nur möglich ist, wenn es zu einem Crash kommt und der Notausgang verwendet werden muss.

Links

Lexikon der Psychologie. Projektion. I Spektrum.de

Wagener, Jessica: Warum es so hart ist, eine toxische Beziehung zu beenden. I ze.tt

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