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LOL, OMG und IDK oder: Der Aufschwung der Schriftkultur

Stirbt mit der Generation Smartphone bald die deutsche Sprache?

von Eva Rottensteiner


„Hey dude am WE pratersauna?“, „idk muss sonntag worken“, „sonntag worken?? Wtf geht mit dir?“ „muss mein konto aufstocken weißt eh“, „Komm schon, lena wird uns joinen“ „OMG rly lena kommt? Ich schau mal und sag dir asap bescheid“, „lol da ist wohl jemand in love :-D ok sheesh“.


Na, kein Wort verstanden? Ob man dies überhaupt noch als Wörter bezeichnen darf, werden sich jetzt wohl Einige fragen. Den DeutschprofessorInnen stehen die Haare zu Berge, besorgte Eltern überfluten medienpädagogische Internetforen mit ihren Sorgen und die Chefs der Rechtschreibräte prognostizieren den Untergang der deutschen Sprache.

Die Generation Smartphone, also die heutigen Jugendlichen, welche die kleinen leuchtenden Geräte schon bedienen konnten, bevor sie selbst überhaupt zu reden begonnen haben und eine Welt ohne soziale Netzwerke nicht mehr kennen, beschert so manchen Eltern und PädagogInnen tiefe Sorgenfalten auf der Stirn.


Photo: Igor Rodrigues

Unheimliche neue Phänomene


Phänomene wie Nomophobie (No-Mobile-Phone-Phobia) also die Angst ohne Handy unerreichbar zu sein, gewinnen an Relevanz ebenso wie die durchaus unheimliche Phantomnutzung, bei der User beispielsweise Facebook nutzen oder ihre Mails checken, ohne es zu bemerken. Eine deutsche Studie von 2015 zum Thema Smartphones und Kinder ergab, dass rund ein Fünftel der 8 bis 14-Jährigen als stark involviert bis suchtgefährdet eingestuft wird.


48 % der Kinder gaben an, durch ihr Smartphone bspw. von Hausaufgaben abgelenkt zu werden, worunter bei 20 % davon letztlich auch die schulische Leistung leidet. Auch die unüberlegte Weitergabe persönlicher Daten bei 42 %, empfundener Kommunikationsstress (24 %) und Kontakt mit nicht kinder- und jugendfreien Seiten (21%) werfen kein sonderlich positives Bild auf das Smartphone. Und liest die Generation Smartphone überhaupt noch, was länger ist als ein Twitter-Post?


Lesen – Fast ausschließlich auf dem Smartphone


Gudula Galvan ist seit fast 30 Jahren Deutschlehrerin an einem Südtiroler Gymnasium und beobachtet, dass immer weniger Bücher gelesen werden, was sich letztlich in Sprachgefühl, Wortschatz und auch Allgemeinbildung bemerkbar macht: „Ich denke schon, dass sich etwas geändert hat, weil viele Jugendliche fast ausschließlich auf dem Smartphone lesen v.a. in Bezug auf Aktuelles und Politik. So bleibt aber oft weniger Zeit und Lust für Bücher. Richtige Leseratten lesen trotzdem, aber die Anderen eher nicht mehr so.“

Renate Resch, Sprach- und Textexpertin sowie Bundeslehrerin am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien erklärt, dass das Maß an Konzentration für schriftliche Texte in der Tat statistisch gesehen eher abnimmt als zunimmt, aber warnt vor verkürzter Sichtweise, da hier auch andere Faktoren mitwirken.


Photo: Priscilla du Preez

„Die Rezeption ist selektiver geworden“


Doch die schwarz-weiß Malerei greift wie so oft auch hier zu kurz, neue Technologien bedeuten eben neue Entwicklungen.

„Durch die Hypertextstruktur des Internets wird weniger sequentiell, sondern eher punktuell gelesen. Das bedeutet, dass nicht der gesamte Text gelesen wird, sondern dass der Text selektiv rezipiert wird“, weiß Kommunikationswissenschafterin Petra Herczeg der Universität Wien.


Nur weil sich das Lesen ändert, ist das nicht gleich eine Absage an alle Bücher. Das zeigt auch die oberösterreichische Jugend-Medien-Studie, wonach die Lesefreude der 11 bis 18-Jährigen trotz steigender Smartphone Nutzung stabil auf hohem Niveau bleibt. Interessant dabei ist, dass bei den Büchern aber dennoch lieber zur analogen Version gegriffen wird und E-Books für die Jugendlichen eine untergeordnete Rolle spielen.


Photo: Liesl Leonard

„Die Apokalypse wurde schon beim Comic ausgerufen“


Die deutsche Sprachwissenschafterin Nina-Maria Klug von der Universität Kassel verteidigt die heutigen Jugendlichen und sieht damit keinen Unterschied zu früher. Was sich allerdings laut Klug verändert hat, ist das vielfältige Angebot kommunikativer Möglichkeiten: „ Konnten sie in den 60er Jahren jenseits des Face-to-Face-Gesprächs mit FreundInnen nur via Telefon oder Brief in Kontakt treten, so können Jugendliche und auch Erwachsene heute auf eine enorme Bandbreite von Social-Web-Communities wie YouTube, Facebook, Instagram oder Messengerdienste wie WhatsApp zurückgreifen – und manche davon sind eben auf mobile Rezeption und Produktion ausgelegt, die eben kurz und schnell sein muss, um zu funktionieren“.


Naht uns also doch nicht die Apokalypse der deutschen Sprache? Resch gibt schmunzelnd Entwarnung: „Die Apokalypse wurde schon ausgerufen als der Comic bei jungen Leuten beliebt wurde, die nächste hatten wir beim Fernsehen und dann beim Internet. Aber so wie meine Generation früher ein schnelles Telefongespräch mit einer Freundin über das Alltagsgeschehen geführt hat, wird eben jetzt über Twitter ein kleiner Austausch kommuniziert, in einer anderen Form, aber auch das Telefongespräch von früher hat nicht allen Grammatikregeln gefolgt, weil es in der Situation vielleicht auch nicht so relevant war.“ Man müsse schon auch berücksichtigen in welcher Situation wie kommuniziert wird.


Photo: Robin Worrall

„Wir kommunizieren so viel, wie niemals zuvor“


Außerdem erklärt Herczeg, dass heute so viel kommuniziert wird, wie niemals zuvor, auch wenn sie permanente Erreichbarkeit das Verständnis räumlicher Nähe der GesprächspartnerInnen verändert. Also von wegen „asoziale Hans-guck-auf-das-Smartphone“-Generation! Durch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp erlebt die Schriftkultur wieder einen Aufschwung: „In Alltag und Freizeit wurde noch nie so viel geschrieben wie aktuell! Das war früher nie so, eben weil es die Medien und Kommunikationsformen, die den Gebrauch von Schriftlichkeit ermöglichen, gar nicht gab“, ist Klug überzeugt.


Vielleicht ist es also gar nicht notwendig den Kindern und Jugendlichen Twitter und SMS zu verbieten, wie der Ex-Rechtschreibratsvorsitzende Hans Zehetmair 2012 gefordert hat und das Phänomen als das zu interpretieren, was es ist: eine Veränderung unserer Kommunikation, nicht mehr und nicht weniger.

Links:

Smartphone-Studie der Landesanstalt für Medien NRW 2015

Oberösterreichische Jugend-Medien-Studie 2017

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