• Patricia

SAG'S MULTI!

Mehrsprachigkeit im Fokus

Patricia Kornfeld

#CULTURE #DIVERSITY


Bilingualität zelebrieren und Mehrsprachigkeit eine Bühne bieten - SAG'S MULTI findet heuer zum 11. Mal statt. Im landesweiten Wettbewerb zeigen Schüler_innen ab der 7. Schulstufe Geschick und Talent am Rednerpult und rücken ihre Fremdsprachenkenntnisse in den Vordergrund. In selbst verfassten Reden zu vorgegebenen Rahmenthemen beweisen sich die Jugendlichen oft zum ersten Mal vor Publikum und einer Jury und tragen ihre Meinungen vor. Dies geschieht abwechselnd in Deutsch und ihrer Erst-/Muttersprache oder erlernten Fremdsprache. Dadurch wird der Fähigkeit, neben Deutsch eine weitere Sprache zu beherrschen, die gebührende Anerkennung zuteil.


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

„Die Jugendlichen erleben und genießen sehr viel Wertschätzung für ihre Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit. Oft werden sie nur als diejenigen angesehen, die Defizite in Deutsch haben“, meint Maria Marizzi, Professorin sowie langjährige Organisatorin für SAG’S MULTI am Bertha-von-Suttner-Gymnasium aka Schulschiff. Dieses Jahr sind es insgesamt 50 Sprachen, inklusive Deutsch, in denen die Schüler_innen antreten. Auch Walachisch ist heuer zum ersten Mal im Sprachenpool.


Potenzial durch Zuwanderung sichtbar machen


Die Idee für den mehrsprachigen Redewettbewerb hatte Peter Wesely, Geschäftsführer des Vereins Wirtschaft für Integration (VWFI). Zusammen mit dem Verein EDUCULT – Denken und Handeln in Kultur und Bildung wird der Contest organisiert. „Mit der Gründung des VWFI im Jahr 2009 war ein großes Anliegen verbunden: Wir wollen das Potenzial durch Zuwanderung sichtbar machen, wir wollen ermutigen und zu neuen Blickwinkeln einladen. Neben Informations – und Diskussionsveranstaltungen mit Wirtschaftsfokus war aber klar, wir wollen sehr bewusst als Wirtschaftsverein auch die Jugend fördern“, sagt der Initiator im Interview.


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

Ausgewählt und nominiert werden die Teilnehmer_innen von ihren Schulen. Das Wiener Schulschiff entsandte dieses Jahr sechs Schüler_innen. „Die Jugendlichen durch den Wettbewerb zu begleiten, ist eine wunderschöne Aufgabe. Sie dabei zu unterstützen, ihre Gedanken auf Papier zu bringen und sie dann wachsen zu sehen im Laufe des Wettbewerbs, wie sie selbstbewusster werden, sich in beiden Sprachen sicherer fühlen und Role Models für Geschwister und Mitschüler_innen werden“, findet Marizzi. Zur Teilnahme am Redewettbewerb sind alle zwei- oder mehrsprachigen Schüler_innen ab der 7. Schulstufe zugelassen. Diese halten ihre Rede in der Vorrunde (nur für Teilnehmer_innen aus Wien) und in der Regionalrunde vor Publikum und Jury an Schulen in Wien, Graz und Innsbruck. Die Sieger_innen stellen sich in der Finalrunde den Juror_innen mit einer neuen Rede.


Wer bin ich, wenn ich niemand sein muss?


Preisverleihung 2019 Hofburg mit V.d.B. I Photo: Sag's Multi

Die Themen für die verschiedenen Wettbewerbe entstehen dabei jedes Jahr in Teamarbeit: „Meine Mitarbeiter_innen, Lehrer_innen, ehemalige Preisträger_innen, Multiplikator_innen – wir reden viel miteinander und dann fällt die Entscheidung“, gibt Wesely bekannt. Beim diesjährigen Wettbewerb konnten sich die Teilnehmer_innen zwischen dem Leitthema „Wer bin ich, wenn ich niemand sein muss?“ oder fünf Unterthemen, wie beispielsweise „Wegschauen verboten – Weiterdenken erlaubt“ oder „Flugmodus ein- Realität an“ entscheiden.


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

Eine Jury bewertet Inhalt, Präsentation, Publikumswirkung, Dramaturgie oder die Körpersprache des/der Teilnehmenden. Vor allem ein häufiger Wechsel zwischen den Sprachen, ein großer Wortschatz sowie die richtige Aussprache führen zu einer positiven Bewertung. Nada Andjelic, Herausgeberin und Chefredakteurin des nov@-Magazins, war dieses Jahr zum ersten Mal Teil der Jury und beurteilte als Jurorin die Sprache Walachisch in der Vorrunde. Am 15. Juni 2020 werden die insgesamt 18 Gewinner_innen feierlich im Wiener Rathaus bekanntgegeben. Als Preis winkt eine Gruppenreise.


Verstärkte Förderung notwendig


SAG’S MULTI! ist nur einer von vielen Schritten in die richtige Richtung. Für Wesely gestaltet sich die politische und mediale Diskussion über Mehrsprachigkeit nach wie vor verkürzend und falsch fokussiert: „Wenn immer wieder mit Statistiken über die Umgangssprache von Schüler_innen im Diskurs gearbeitet wird, so greift das vielfach zu kurz. Denn in der Regel sind die dann getroffenen Schlussfolgerungen defizitorientiert.“ Seiner Meinung nach bedarf es vor allem bei bilingual aufwachsenden Jugendlichen mehr Förderung und es solle mehr über ergänzende Angebote nachgedacht werden.


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

Für Marizzi setzt die Förderung der Muttersprache bereits beim Besuch des Kindergartens an. Zudem solle Deutschförderung bis zur Matura angeboten werden, nicht nur in der Unterstufe. Aus ihrer Sicht stellen mehrsprachige Kinder eine sehr heterogene Gruppe dar: „Es gibt Kinder, die beide Sprachen sehr gut beherrschen, diejenigen, die Deutsch besser können als ihre Erstsprache, und jene, die in Deutsch Schwierigkeiten und in der Erstsprache alltagssprachliche Kenntnisse haben, ohne die Sprache lesen oder schreiben zu können.“ Diese Unterschiede beruhen laut Marizzi auf der sozioökonomischen Situation der Familie, weshalb es einer zielgruppenspezifischen Förderung bedarf.


Breite Palette an Mehrwert


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

Schüler_innen haben durch die Teilnahme an SAG’S MULTI! die Möglichkeit, in eine neue Rolle zu schlüpfen und bislang unausgesprochenen Gedanken Raum zu geben: „Zu erleben, wie das ist, Position zu beziehen, andere mit einer Rede bewegen zu wollen, an einem Rednerpult zu stehen – diese Erfahrungen zeigen eine ganz breite Palette an Mehrwert“, meint Wesely. Auch Marizzi betont die Vorteile des Wettbewerbs. Ihrer Meinung nach gebe SAG’S MULTI den Jugendlichen eine Bühne, um ihre Gedanken einem breiten Publikum mitzuteilen. „Alle Sprachen sind willkommen und gleichberechtigt, nicht nur die typischen Schulsprachen.“ Auf diese Weise erhalten Jugendliche Wertschätzung für ihre sprachlichen Fähigkeiten, für welche sie in der Schule oder Gesellschaft oft zu wenig Anerkennung erfahren.


Photo: Sag's Multi I Verein Wirtschaft für Integration

Laut Sabrina Myriam Mohamed, Office- & Kommunikationsmanagerin beim VWFI, sei es insbesondere im jugendlichen Alter selten der Fall, so viel Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken zu erhalten. Zudem sei Mehrsprachigkeit im gesellschaftlichen Diskurs oft etwas, was als defizitär angesehen werde. Im Zuge von SAG’S MULTI! werden Schüler_innen aus ihrer Sicht dazu ermutigt, die Mutter-/Fremdsprache zu pflegen und als Stärke zu betrachten. Für Marizzi trage der Contest zudem zu einer differenzierten Wahrnehmung von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte bei: „Diese Jugendlichen sind nicht diejenigen, die Probleme in Deutsch in ihrer schulischen Laufbahn haben, sondern diejenigen, die ein großes Sprachenpotenzial haben.“ Mit ausreichender Unterstützung sei es ihnen möglich, dieses in Beruf und Gesellschaft auszuschöpfen. Auch im Schulverband erzielt SAG’S MULTI! Erfolge: Die Mehrsprachigkeit rücke in Marizzis Augen zunehmend in den Fokus der Schulleitung und das Bewusstsein der Lehrer_innen, eine bilinguale Klasse zu unterrichten, werde geschärft.


SAG’S MULTI! möchte dazu ermutigen, sich auf neue Perspektiven einzulassen und Mehrsprachigkeit mehr in den Vordergrund zu rücken. Zu diesem Zweck bemühen sich Peter Wesely und sein Team um Sichtbarkeit nach innen und außen. Der Wettbewerb bietet Teilnehmer_innen und Zuhörer_innen einen großen Mehrwert. Auch für Wesely ist er eine Bereicherung: „Das Leben ist bunt, vielfältig und es ist schön. Jeder Tag ist eine Chance, dem neu nachzuspüren.“


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