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Süchtig und verdrängt

Wie Drogenabhängige die Stadt erleben

Leon Protz

#FEATURE #SUCHT


Drogenabhängige passen zu keinem Stadtbild - so sieht man das auch in Wien. Und trotzdem sind sie da. Wer sind diese Menschen und was denken sie über Wiens Drogenpolitik? Eine Reportage.


Photo: Greta Scholderle Moller

Ein kalter und windiger Abend verstimmt die Gesichter der Passanten am Praterstern. Eisige Luftzüge wecken die Vorfreude auf die eigene warme Wohnung. Doch das gilt nicht für alle. Lukas* hat heute erst zehn Euro erschnorrt. Zurzeit kann er nicht bei seiner Mutter leben, weil sie krank ist und „ihre Ruhe will“, schildert er in verständnisvollem Ton. Er ist 39 Jahre alt und seit 20 Jahren drogenabhängig. Losgekommen von seiner Heroinsucht, bleibt sein starkes Verlangen nach Kokain und Morphin. Seine grünen Augen verschwinden fast gänzlich im Schatten seiner Kapuze und fixieren den Boden, während er spricht: „Der Karlsplatz war doch gut. Da wusste die Polizei genau, wo sie nach den Dealern suchen muss.“ Durch die forcierte Arbeit der Polizei und deren Ambitionen, keine Drogenhotspots mehr entstehen zu lassen kommt Lukas* nur noch zur Drogenbeschaffung zu den vermeintlichen Hotspots. Doch die Frage, wo sich die Süchtigen jetzt aufhalten und wie es ihnen geht, verschwindet gemeinsam mit ihrer Präsenz im Stadtbild Wiens.


Polizei sagt Umschlagplätzen den Kampf an


Photo: Mikail Duran

„Wenn sich Handelsszenen manifestieren und irgendwo festsetzen, bedeutet das für die dort lebenden Menschen, dass das Ganze zu einem immer größeren Problem wird“, kommentiert Ewald Lochner, der Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. Alle sechs Wochen treffen sich die Vertreter*innen der Sozialen Arbeit und betroffene Polizeieinheiten zu einem sogenannten Sicherheits-Jour-fixe. Dort wird besprochen, ob und welche Auffälligkeiten an sogenannten Verkehrsknotenpunkten festzustellen sind. Verkehrsknotenpunkte sind Stellen im öffentlichen Verkehrsnetz, an denen mindestens zwei Transportlinien (beispielsweise U2, U1) halten und genug Platz für Handel und Konsum von Betäubungsmitteln besteht.


Davon gibt es in Wien ungefähr vierzig. Dabei wird die Lage nach der Anzahl der Beschwerden von Anrainer*innen und der Häufigkeit des Aufenthaltes von Dealern und Süchtigen bewertet. „Je größer der Hotspot, desto größer das Wachstumspotenzial“, erklärt Lochner und unterstreicht seine Aussage anhand des Beispiels Berlin. Dort soll erst sehr spät in die Repression von Drogenumschlagplätzen investiert worden sein, was dazu führte, dass der Handel und der öffentliche Konsum ein fast nicht unter Kontrolle zu bringendes Ausmaß erreicht hatte.


Kontrolle mit Kompromissen


Photo: Simon Matzinger

Entlang der U6 Gumpendorfer Straße, Josefstädterstraße, Westbahnhof sowie am Praterstern zentrieren sich zurzeit die wichtigsten Umschlagplätze für Drogen in Wien. Aussagen der Süchtigen und der Suchthilfe bestätigen dies. Die gehandelten Suchtmittel variieren von Ort zu Ort. Da eine komplette Kontrolle über alle potentiellen Umschlagplätze aus Gründen der polizeilichen Kapazität nicht möglich wäre, muss die Polizei auch manchmal „wegschauen“.

Die U-Bahn-Station Josefstädter Straße ist dafür ein gutes Beispiel. Petra, 39 Jahre alt, ist seit ihrem elften Lebensjahr heroinabhängig. Sie steht unter ungefähr zwanzig anderen Obdachlosen und Süchtigen vor dem Eingang der Station. Die Polizei parkt vor der Ansammlung von Menschen und fragt zwei Radfahrer nach ihrem Ausweis. Die Drogendealer, die auffällig die Menge ansteuern und sie dann nach weniger als einer halben Minute wieder verlassen, kümmern die zwei Beamten wenig.


Die Polizei scheint einen Kompromiss eingehen zu wollen. Sie zeigen Präsenz und kontrollieren in sporadischen Abständen, lassen die meisten Kaufgeschäfte aber unberücksichtigt. Petra hält nichts von Drogenkonsum im öffentlichen Raum. Eine Möglichkeit wären hier eigene Orte oder Einrichtungen, wo sie Drogen konsumieren kann und gleichzeitig nicht das Stadtbild darunter leidet. „Konsumationsstätten sind etwas Gutes, weil sonst die Leute verteilt auf der Straße rumliegen und wenn da Kinder vorbeigehen, dann ist das ja auch…“, sagt Petra.


Spritzen tauschen als Service


Photo: Alexander Gotter I Streetworker von "Change"

Einen Schritt in diese Richtung macht die Drogenberatungsstelle „Change“ der Suchthilfe Wien. Dort können Drogenabhängige ihre benutzen Spritzen gegen neue austauschen und auch verschiedene Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Das „Change“ ist von außen mit Milchglas vor fremden Blicken geschützt. Beim Betreten der Einrichtung fällt zunächst ein kleiner Haufen von ungefähr zwanzig benutzten, teilweise noch mit Blut beschmierten Spritzen auf. Diese hat ein junger Mann mit Jogginghose und Kapuzenpullover dort hingelegt. Er wartet auf den Austausch seiner Spritzen. Ein großer Pitbull an seiner Seite, dem er vorher einen Beißkorb umgelegt hat, blickt etwas irritiert in der Gegend herum.


An der Wand hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Spritzentausch ohne Stress – Würstel ab 09:30 Uhr“. Vier junge Mitarbeiter*innen kümmern sich um die insgesamt drei Wartenden. Diese Einrichtung wird hauptsächlich aus hygienischen Gründen von Süchtigen besucht. Das Wiederverwenden und Teilen von Spritzen ist nämlich besonders gefährlich. Ein Interview mit den Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle war auch nach Anfrage nicht möglich. Fest steht aber, dass Menschen wie Petra auch hier nicht bleiben können. Auch Schlafstellen und Unterkünfte gehen keine Kompromisse ein. Lukas* und Petra schlafen meistens in der „Gruft“ in der Neubaugasse. Drogenkonsum wird hier strikt unterbunden.


Repression und Verdrängung allein reichen als Antwort auf das Problem nicht aus. Wahrscheinlich begeben sich Petra und Lukas* auch heute irgendwo zwischen Gumpendorferstraße und Praterstern auf die Suche nach Drogen. Die limitierten Kapazitäten der sozialen Arbeit, Toleranz der Anrainer*innen und polizeiliche Ressourcen bestimmen den Umgang mit den Drogenabhängigen. Lukas* vom Praterstern denkt, dass er einfach zu neugierig in seiner Jugend gewesen wäre. Gerry, 40 Jahre alt, von der Josefstädterstraße meint, es sei bei den meisten die fehlende Liebe in der Kindheit gewesen. In einem Punkt sind sich jedoch Gerry, Petra und Lukas* sicher: An einen Entzug denken sie gar nicht mehr. Es ist ein immanentes Problem. Eine gute Lösung für das Problem der Drogensucht und ihrer Opfer ist die jetzige Politik jedenfalls nicht.


*Name von der Redaktion geändert

Links


Drogenberatungsstelle Change - Suchthilfe I online

Eindrücke des Streetworkers Andi von "Change" I online

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