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Süchtig nach Süß

Zucker als Gesellschaftsproblem

Anselm Schindler

#FEATURE #SUCHT


Pro Kopf werden in Österreich jährlich rund 33 Kilogramm Zucker verbraucht. Das ist zu viel, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sind wir süchtig nach Süß?


Photo: Analia Baggiano

In der Nacht auf den 19. März beiße ich in einen Krapfen, die Aprikosenfüllung zerläuft in meinem Mund, der Staubzucker ist auf meinem halben Gesicht verteilt – dann wache ich auf. Es ist der dritte Tag meines Zuckerentzugs. „Mist!“, denke ich mir. „Wieso versuche ich mich an dem Experiment eines Lebens ohne Industriezucker ausgerechnet während des Faschings?“ Kurz überlege ich, rückfällig zu werden, um den Gedanken dann gleich wieder zu verwerfen. Ich habe es ja schließlich geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, dann wird es ja wohl auch ohne Zucker gehen?!


Zuckersucht gibt es wissenschaftlich gesehen nicht


Aufgewachsen bin ich in einem Ökohaushalt, die Gummibärchen waren aus Saft und das Keks-Schokolade-Verhältnis stimmte nicht so ganz. In meiner Jugend hat sich das geändert: Die Entscheidung zwischen Karies und Gummibärchen fiel recht eindeutig zugunsten des Zweiteren aus. Was ist das in mir, das ständig „Gib mir Süß!“ schreit? Bin ich abhängig, süchtig?


Ein Anruf bei Alexandra Hofer, Geschäftsführerin der österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) bringt Licht ins Dunkel: „So etwas wie eine Zuckersucht gibt es streng wissenschaftlich gesehen nicht“, erklärt Hofer. Das mag verwundern, wenn man an die Situationen denkt, in denen es einen nach Süßkram giert, aber dennoch ist das der aktuellste wissenschaftliche Stand. Denn zu einer Sucht gehören nach Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation WHO neben anderen Faktoren auch massive psychische Veränderungen, die mit dem Konsum einhergehen, und dieses Kriterium erfüllt Zucker nicht.


Photo: Gaby Dyson

Menschliche Evolution erklärt Vorliebe für Süßes


Trotzdem können sich viele Menschen bei Süßem nur schlecht zurückhalten und essen mehr davon, als gut tut. Woher rührt diese Obsession? Diese Frage lässt sich am besten aus der Evolution des Menschen heraus erklären: Süßes Essen liefert rasch Energie, was der Grund dafür ist, dass sich in der Entwicklung des Homo Sapiens, wie bei den meisten anderen Säugetieren auch, eine Vorliebe für süße Nahrung durchgesetzt hat. In der freien Wildbahn ist Süßes nur begrenzt verfügbar. Seitdem Zucker industriell hergestellt wird, sind dem Zuckerkonsum aber kaum noch Grenzen gesetzt – außer natürlich die gesundheitlichen. Und die sind eng gesteckt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, nicht mehr als 25 Gramm raffinierten Zucker am Tag zu sich zu nehmen, das entspricht in etwas sechs Teelöffeln am Tag. Im Jahr wären das rund neun Kilogramm. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum liegt in Österreich allerdings bei jährlich rund 33 Kilo, also mehr als dem Dreifachen der empfohlenen Menge.


Ich bin also nicht alleine. Aber was hilft mir das, wenn mir schon beim Gedanken daran, meine zeitweilige Zuckerabstinenz an den Nagel zu hängen, das Wasser im Mund zusammenläuft? Alexandra Hofer empfiehlt mir, den Zuckerkonsum schrittweise zu reduzieren. „Wenn Sie dabeibleiben, werden sie nach drei bis vier Wochen einen deutlichen Unterschied merken, es wird Ihnen besser gehen“, verspricht sie mir. Ich hatte eher an eine Testphase von ein paar Tagen gedacht, ein Monat ohne Zucker hört sich für mich eher unsympathisch an.


Photo: Amit Lahav

Luxusgut Zucker


Der übermäßige Zuckerkonsum ist ein Kind der Industrialisierung. Lange Zeit war Zucker in Europa ein Luxusgut. Denn das Zuckerrohr, bis heute der Hauptlieferant für raffinierten Zucker, stammt nicht von hier, sondern aus Neuguinea und verbreitete sich von dort in den Nahen Osten. Dort wurde es schon in der Antike als Handelsware beliebt. Zucker war damals noch eine Rarität. Ende des 15. Jahrhunderts begannen dann die europäischen Seefahrernationen, Zucker auf großen Plantagen anzubauen. Die weißen Kristalle wurden schnell zur Triebkraft des Handels und gerieten damit auch unter die Räder des boomenden Kolonialhandels. Die Zuckerrohrplantagen wurden zum Inbegriff für Sklavenarbeit und die brutale Unterordnung Südamerikas, Afrikas und Asiens unter die weißen Kolonialherren. In dieser Zeit war Zucker unter den Händlern auch als „white gold“ bekannt, denn das gemeine Volk konnte sich im besten Falle Honig leisten.


Heute ist das anders. Der raffinierte Zucker steckt in vielen Lebensmitteln, in denen man ihn gar nicht vermuten würde: in Wurst, Toast und Ketchup beispielsweise. Oft entdeckt man ihn erst auf den zweiten Blick, denn es gibt verschiedenste Bezeichnungen, mithilfe derer Lebensmittelkonzerne den Zucker vor den Konsument*innen verstecken. Mit Begriffen wie Saccharose, Glucose, Fructose oder Maltose können die meisten Menschen nicht viel anfangen. Dabei handelt es sich bei allen Stoffen um verschiedene Formen von Zucker.


„Es gibt mehr als 40 verschiedene Bezeichnungen, die auf Produkten stehen“, erklärt Alexandra Hofer. Fügt man einem Produkt verschiedene Zuckerarten hinzu, dann rutscht der Zucker auf der Zutatenliste weiter nach hinten – das Produkt erscheint auf den ersten Blick gesünder. Ernährungsexpert*innen fordern deshalb schon lange strengere Regeln für die Beschriftung von Lebensmitteln. Das zeigt: Nur durch individuelle Konsumveränderungen wird sich das Zuckerproblem nicht lösen lassen. Für mich die beste Ausrede, meine Abstinenz schnell wieder zu vergessen.


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