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Nur die Harten kommen in den Garten

Kapitalismus in der Medizin

Lidija Ljubic

#KOLUMNE #KAPITALISMUS


Dieses dichterische Kunstwerk beschreibt trefflich den Kapitalismus in der Medizin. Darum möchte ich es hier aufsagen und hoffe, Sie erfreuen sich daran:


Was bringt den Doktor um sein Brot?

(a) die Gesundheit und (b) der Tod.

Drum hält der Arzt, auf dass er lebe,

uns zwischen beidem in der Schwebe.


Ein Gedicht von Eugen Roth.


Guten Tag liebe Leser*innen, es ist sehr schön, dass Sie sich dazu entschlossen haben, auch diesmal meine Kolumne zu lesen. Mein Name ist Lidija und ich habe die höchste Pflegestufe (7). Seit meiner Geburt leide ich unter einem Gendefekt und sitze seit meiner Einschulung in einem elektrischen Rollstuhl.


Photo: Sebastien Le Derout

Bauarbeiter*in im Rollstuhl?


Nachdem ich die vierte Klasse Volksschule absolviert hatte, besuchte ich in der Hauptschule das Fach "Schreibmaschine". Meine Freundinnen, die eine Schule für Nicht-Behinderte besuchten, hatten dieses Fach erst am Ende der Hauptschulzeit. Uns Behinderten wurde damit suggeriert, dass es der höchste berufliche Abschluss sei, in einem Büro zu arbeiten. Dort wurden wir in dieser Ordnung der Wirtschaft und Gesellschaft gerne gesehen. Das erscheint sehr naheliegend, oder haben Sie schon einmal, werte Leser* innen, eine*n Rollstuhl-fahrende*n Bauarbeiter*in gesehen?


Es gibt viele Coronaviren, aber jedes für sich ist anders. Auch MERS und SARS sind Coronaviren, aber sie unterscheiden sich deutlich. All diese Viren sind Zoonosen, das bedeutet, dass es eine Infektionskrankheit ist, die bei Tieren und Menschen gleichermaßen vorkommt und von einer Rasse auf die andere übertragbar ist. Die Pharmaindustrie reibt sich schon jetzt die Hände, wenn sie an den kommenden Gewinn einer weiteren Impfung denkt. Nicht genug, dass es eine saisonale Grippe-Impfung gibt - diese wird für die Risikogruppe, zu der ich auch zähle, empfohlen. Nein, jetzt muss ich wahrscheinlich auch jedes Jahr eine Corona-Impfung bekommen. Schließlich mutieren die Viren jedes Jahr, aus diesem Grund muss man die Immunisierung jährlich auffrischen.


Photo: Olivier Collet

Auswirkungen der Einsparungen


Ich kann mir nicht erklären, wie eine Bioethikkommission feststellen konnte, dass unter normalen Umständen die bestehenden gesundheitsmedizinischen Einrichtungen und Materialien ausreichend seien. Diese Herrschaften waren wohl noch nie mit einer normalen Versicherung (also keine Sonderklasse) in den Herbstmonaten in einem Spital aufgenommen. Selbst ich habe schon in einigen Grippesaisonen Gangbetten auf mehreren Stationen erleben dürfen. Dass die Einsparungen der letzten Jahre sich irgendwann negativ auswirken würden, war nur eine Frage der Zeit.



In den Papieren zur Triage des österreichischen Bundeskanzlers ist groß zu lesen, dass Ärzt*innen nicht mehr für Patient*innen als Individuum, sondern für das ganze Kollektiv verantwortlich sind. Weiters ist zu lesen, dass von der Wiederbelebung einer an Covid-19 erkrankten Person abgesehen werden soll, wenn deren Reanimation eine zu große Ansteckungsgefahr des Personals birgt. Fänden Sie es schön, liebe Leser*innen, wenn Ärzt*innen entscheiden, dass eine körperlich beeinträchtigte Person nur noch eine palliative Therapie bekommen soll, weil diese möglicherweise weniger Überlebenschancen besitzt als ein nicht beeinträchtigter Mensch?


Photo: Mark Fletcher

Weniger wertvoll?


Angeblich soll bei der Frage, ob eine Weiterbehandlung gemacht wird, das Alter keine Rolle spielen. Nur die möglichen Genesungsaussichten und der Patientenwille sollen ausschlaggebend sein. Doch wie sollen Ärzt*innen den Willen der Patient*innen, die Erkrankung zu überleben oder es lieber nicht zu überleben, erahnen können? Wenn ein*e Patient*in nach einer Covid-Behandlung auf ständige Intensivpflege angewiesen sein würde, wird die Behandlung eingestellt. Wird ein Mensch mit einer Beeinträchtigung, die möglicherweise sein restliches Leben lang eine höhere Belastung für die Allgemeinheit bedeutet, als weniger wertvoll angesehen? Oder denken Sie einmal daran, ein junger kräftiger Bursche bekäme aufgrund einer Erkrankung keine Luft mehr und ihm würde die lebenswichtige Behandlung versagt werden, weil seine Strafakte schon sehr angereichert ist und er dadurch eine Belastung für die Gesellschaft darstellt. Fänden Sie das fair?


Stellen Sie sich vor, Ihre Oma bekommt die lebensnotwendige medizinische Versorgung nicht, weil sie gebrechlich aussieht. Können Sie sich vorstellen, in welcher dunklen Zeit wir leben würden, wenn sich das Kollektiv als Ganzes wieder solche Fragen stellen würde? Es erinnert stark an die dunkelsten Momente in unserer nicht so fernen Vergangenheit. Wir sollten darauf Acht geben, nie wieder in solche Zustände hineinzurutschen. Bei der Lektüre von "Zum Umgang mit knappen Ressourcen in der Gesundheitsversorgung im Kontext der Covid-19 Pandemie " ist mir direkt schlecht geworden. Als Mensch mit besonderen Bedürfnissen - und das bezieht sich auf meine Erkrankung - kam ich mir wie menschlicher Abfall vor. Im Vorwort hat man darauf hingewiesen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen einen größeren Ressourcenverbrauch hätten und auch Zugang zu den benötigten Ressourcen erhalten würden. Doch wenn diese Ressourcen verknappen, möchte ich nicht die Person sein, die entscheidet, welcher Mensch diese wert ist und welcher nicht.


Es sind aufregende Zeiten, in denen wir leben und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich so etwas noch erlebe. Diesen Satz haben schon so viele Menschen vor mir benutzt - ich komme mir steinalt vor. Was ich auch bin - denn ich messe mich nicht an Jahren, sondern an Lebenserfahrung.

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