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„Nicht mal Wasser?“

Iftar in Österreich

Eva Rottensteiner

#FEATURE #SPIRITUALITÄT


In der muslimischen Community wird jedes Jahr einen Monat von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet und viele kriegen das nicht mal mit. Wie es sich anfühlt in einem christlich geprägten Land wie Österreich, Ramadan zu zelebrieren und was man in Marokko im muslimischen Fastenmonat anders macht, sind Fragen, die mich in zwei Moscheen, zu einem Plausch mit muslimischen Schülerinnen, die sich in der Schule manchmal missverstanden fühlen und zu den Organisierenden des größten Iftars des Bundeslandes führten.


Da gibt es die lustige Hafsa. Eine 21-Jährige Informatik- und Islamologiestudentin aus Oberösterreich, deren Redefluss manchmal kein Ende zu nehmen scheint. Yusef, der mit 19 Jahren seine Lehre zum Bürokaufmann bei den NEOS in der Partei macht und sich mit Leib und Seele politisch und sozial engagiert. Fatima, eine 17-Jährige Wiener Schülerin, die weit reifer über Gott und die Welt redet als die meisten. Und dann ist da noch Salma, eine 18-Jährige Linzer Schülerin, welche mit Kritik an intoleranten LehrerInnen nicht spart. Sie alle sind in größter Feierlaune und wahrscheinlich weiß halb Österreich eigentlich gar nicht so genau warum. Mit ihnen feiern rund 700.000 Muslime in Österreich das Abschlussfest des alljährlichen muslimischen Fastenmonats Ramadan.


E'id-ul-Fitr


Photo: Eva Rottensteiner

Drei ganze Tage dauert das sogenannte E'id-ul-Fitr, das islamische Fastenbrechen, welches im Türkischen auch Bayram oder Zuckerfest genannt wird. Schon um 04:15 Uhr versammeln sich unzählige Gläubige vor dem islamischen Zentrum bei der Neuen Donau. „Meistens ist der Andrang so groß, dass sogar im hinteren Außenbereich neben dem Eingang der Frauen auf der Wiese Gebetsteppiche ausgebreitet werden und auch auf dem Platz hier vor der Moschee sammelt sich eine große Menschenmasse“, erklärt mir Fatima auf unserer Besichtigungstour einige Tage vor dem Fest.


Photo: Eva Rottensteiner

Mit ihrem spitz hervorragenden Minarett und der grün-türkisen Kuppel ist das islamische Zentrum die einzige von außen erkennbare Moschee in Wien. Und genau deshalb ist es auch Fatimas Lieblingsort zum Beten. Das muss wohl auch der Grund sein, warum sich so viele Gläubige frühmorgens an diesem muslimischen Feiertag ihre feinsten Kleider anziehen und hierher kommen, um zwischen 06:00 und 07:30 Uhr gemeinsam das Aid-Gebet zu sagen und im Anschluss Ausflüge mit ihren Familien machen und gemeinsam zu Essen. Fatima schwänzt dafür sogar die Schule, zumindest an einem der drei Tage. An diesem Tag bekommen die Kinder Geld oder Geschenke oder auch Zuckerbonbons, daher auch der deutsche Name „Zuckerfest“.


Photo: Eva Rottensteiner

Fatima vergleicht das Fest ein bisschen mit Weihnachten und genau diese Gegenüberstellung stimmt sie manchmal auch traurig: „Man sieht Weihnachten, wo es Weihnachtsmärkte gibt. Überall spielt Weihnachtsmusik und die Straßen sind weihnachtlich geschmückt. Wenn man jetzt schaut ist Ramadan nicht so präsent. Man ist in einer Feierstimmung, aber man sieht es halt nicht so. Es ist eben kein muslimisches Land.“ Doch das kompensiert ihre Familie dann eben mit einer Dekoration im eigenen Heim und mit leckeren Iftars während dem Fastenmonat. Wenn Fatima die Augen schließt und sich ihre liebsten Speisen zu Ramadan ausmalt, dann kann man sich das ungefähr so vorstellen: „Da sehe ich auf jeden Fall den persischen Reis meiner Mama. Und ich sehe Börek, weil ich liebe Käse. Ich sehe auf jeden Fall viel Käse“, lacht Fatima, „und da muss auf jeden Fall noch irgendwas Süßes sein. Da gibt es eine arabische Süßigkeit mit Gries und oben ist Schlagobers drauf.“ Außerdem erzählt sie von einer besonderen Soße mit Klößen (=lebenie) auf die sie sich das ganze Jahr über freut, weil es die eben nur im Fastenmonat gibt. Für Fatima und ihre Familie ist der Fastenmonat ein ganz besonderer und sie wünscht sich, dass die Menschen um sie herum das auch akzeptieren: „Ramadan ist vielleicht eine Pflicht, aber wir Muslime machen das wirklich gerne. Es ist nicht so eine Bürde, sondern wir freuen uns auf den Monat. Aber es geht einem halt wirklich ab, wenn man beispielsweise auf Auslandssemester ist zu der Zeit.“ Sie erklärt, dass sogar jene, die sonst nicht den Glauben praktizieren, auch fasten, weil das Gefühl einfach ein ganz Besonderes ist an Ramadan.


Gesellschaft pflegen bei großen, öffentlichen Iftars


Dass die arabische Kultur großen Wert auf Gastfreundschaft legt, zeigt sich zu Ramadan vor allem abends - sobald die Sonne untergeht. An verschiedenen öffentlichen Orten werden bei großen Iftars Muslime und deren regionale Köstlichkeiten zum gemeinsamen Schlemmen zusammengeführt. Was den europäischen Muslimen bis vor einiger Zeit nur bei Verwandtschaftsbesuchen in muslimischen Ländern vorbehalten war, wird jetzt von jungen engagierten MuslimInnen organisiert. Vor der Volkshochschule im 22. Bezirk wuseln um die 50 Jugendlichen herum, laden Getränke aus, stellen Bänke auf und schneiden Frühlingszwiebeln. Yusef ist Mitglied der Muslimischen Jugend Österreich, wie man seinem weißen T-Shirt mit der Aufschrift „FASTEN, HEILEN, HELFEN“ entnehmen kann. An diesem Samstagnachmittag wird das größte Iftar Österreichs aufgebaut und Yusef ist einer der Organisatoren, weshalb auch sein Telefon in einer Tour klingelt. Die Zeit ein bisschen über Ramadan zu reden, nimmt er sich trotzdem, weil es ihm ein Anliegen ist, dass über Ramadan nicht nur unter Muslimen gesprochen wird.


Photo: Eva Rottensteiner

Yusef erzählt mir von seinem Bezug zum Fasten und wie ihm diese Zeit hilft sich selbst besser kennen zu lernen, genauso wie seine Umgebung. Während dieser Fastenzeit ist er auch verstärkt aktivistisch tätig und hat mit seinen 19 Jahren im vergangenen Monat mehrere Iftars mitorganisiert. Ob sich auch Andersgläubige in seinem Umfeld gut mit Ramadan auskennen? In seinem Umfeld hat Yusef gute Erfahrungen gemacht und es macht ihm Spaß die Leute aufzuklären. Aber er hat den Eindruck, dass definitiv nicht alle ÖsterreicherInnen gut über Ramadan informiert sind „Ich glaube es ist leider nach wie vor in der Gesellschaft so, dass wir uns nicht gut kennen. Dass wir viel übereinander und nicht miteinander reden, wodurch dann auch Vorurteile entstehen, die eigentlich nicht stimmen oder man nur denkt, was man denken möchte und die Leute in Schubladen steckt.“


Über Charakterreinigung und lästige Vorurteile


Eine Moschee, die weniger auffällt, als das islamische Zentrum, befindet sich in der Praterstraße beim Nestroyplatz zwischen einem Drogeriemarkt und einer Bäckerei. Auf einer Bank neben dem U-Bahn Ausgang Nestroyplatz treffen sich die zwei Oberösterreicherinnen Hafsa und Salma, die für den Abend nach Wien gekommen sind, um am großen Iftar im 22. Bezirk teilzunehmen. Bei dem Fastenmonat gehe es lange nicht nur um den Verzicht auf Essen oder Trinken, erzählen die Freundinnen. Man fastet auch schlechtes Sprechen, Schimpfen, Streiten und konzentriert sich stattdessen auf die Beziehung zu Gott. „Ich habe sogar ein Buch das heißt 'Charakterreinigung' und das hilft mir, wenn ich mich mit meinen Charakterzügen beschäftige und schauen möchte, was ich besser machen oder auch ablegen möchte“. Außerdem engagieren sich Hafsa und Salma während dieser Zeit gemeinsam mit anderen Jugendlichen in verschiedenen Solidaritätsprojekten, bei denen sie mit Kindern in Heimen spielen, Essen an Obdachlose verteilen oder auch Spendenprojekte unterstützen. Es geht nämlich beim Fasten auch um die Gemeinschaft und darum, Gutes zu tun und anderen zu helfen.


Photo: Eva Rottensteiner

Sie erzählen auch von Vorurteilen mit denen sie immer wieder als Fastende konfrontiert werden. „Nicht mal Wasser?“, imitieren die zwei Freundinnen so manch schockierte MitschülerInnen im Chor und lachen laut los. Sie nehmen es mit Humor, doch für Salma hat das durchaus auch Grenzen: „Bei einer Kochprüfung hätte ich freiwillige Tischgäste zum Essen einladen sollen. Dann habe ich meiner Professorin gesagt, dass ich niemanden finde, weil die meisten fasten oder arbeiten. Anstatt nach einer anderen Lösung zu suchen meinte sie bloß 'Boah, ihr mit eurem Fasten. Könnt ihr denn keine Ausnahme machen?’. Doch auch innerhalb der Muslime kassiert man oft verurteilende und teils diskriminierende Worte. „Ramadanreligiöse“, so werden abschätzig jene genannt, die das restliche Jahr über vielleicht nicht so fleißig praktizieren, aber an Ramadan dafür schon. „Na und? Lass ihn doch“, ärgert sich Salma und schüttelt den Kopf. Im Gegensatz zu Hafsa traut sie sich nie während Ramadan essen zu gehen, wenn sie mal ein paar Tage nicht fastet, weil sie beispielsweise als Frau während ihrer Periode gar nicht fasten muss. Sie möchte lernen sich nicht immer für ihr ganzes Handeln zu rechtfertigen.


Vorurteile befeuern - Hier leistet auch der Journalismus seinen Beitrag. Der Islam ist die größte nicht-christliche Glaubensgemeinschaft innerhalb des Landes und dennoch werden die alltäglichen Belange der Muslime in vielen österreichischen Medien mangelhaft dargestellt. Laut einer österreichischen Studie von 2012 (Hajek et al.) geschieht die Berichterstattung über muslimische Gläubige in 40% der Fälle in einem negativen Kontext, wobei hier besonders Boulevardmedien auffallen. Yusef würde sich wünschen, dass man umfassender über den Islam in Österreich schreibt und den Kontakt untereinander sucht: „Diesen Austausch braucht es in einer Zeit, in der viele glauben, dass die Gesellschaft gespalten ist, obwohl sie das eigentlich nicht wirklich ist.“


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