• nova

Nicht einfach nur Kopfweh

Mehr Bewusstsein für Migräne

Patricia Kornfeld

#FOCUS #KÖRPER #SCIENCE


Als Migränepatientin hat unsere Autorin ständig mit Unverständnis oder nervigen Ratschlägen zu tun. Mit diesem Artikel klärt sie über die weitverbreitete Krankheit auf und stellt ihre liebsten Instagram-Kanäle zu dem Thema vor.



Photo: Aarón Blanco Tejedor

Das Leben mit Migräne ist ganz normal. Der einzige Unterschied sind die pochenden, bohrenden Schmerzen, die dich plötzlich befallen. Wie eine Raubkatze lauern sie darauf, dich zu attackieren und dir den Tag zu verderben. Es kann dich an einem sonnigen Tag treffen, all deine Pläne durchkreuzen und dich dazu zwingen, den halben Tag im Bett zu verbringen. Als Betroffene habe ich bereits zahlreiche gut gemeinte Ratschläge gehört: „Geh an die frische Luft“, „Trink Wasser", „Mach mal Sport“ – diese Tipps haben durchaus ihre Berechtigung und sind bei Spannungskopfschmerzen sicherlich hilfreich. Bei Migräne, also in meinem Fall, sieht die Sache allerdings anders aus. Viel zu oft habe ich schon Unverständnis erfahren und wurde als wehleidig abgestempelt.


Käse, Stress, Hormone


Kopfweh gilt als Volkskrankheit und gelegentliche Kopfschmerzen hat jeder ab und zu. Oft sind Verspannungen oder Bewegungsmangel daran schuld, zu viel Alkohol, zu wenig Wasser. Von Migräne sind in Österreich ungefähr elf Prozent der Erwachsenen betroffen und im Gegensatz zu normalen Kopfschmerzen gibt es hier zusätzliche Auslöser – „Trigger“, wie sie auch genannt werden. Das können bei manchen spezielle Lebensmittel sein, wie Schokolade, Rotwein, Käse, Soja oder Fleisch, aber auch flackerndes Licht, gewisse Gerüche oder Lärm. Für andere gelten mitunter Überanstrengung und Erschöpfung wie lange Bildschirmarbeit als Trigger. Auch Veränderungen im Hormonhaushalt wie durch die Einnahme der Pille oder während der Menstruation können eine Migräne auslösen.


Photo: Anh Nguyen

„Für mich ist der Wetterumschwung ein starker Auslöser. Vor allem bei Föhnwind halte ich die Kopfschmerztabletten parat“, sagt die Betroffene Heidi. Bei ihr treten Migräneattacken verstärkt auf, wenn sie gestresst oder aufgeregt ist. Kein seltenes Phänomen – Stress, genauer ein verändertes Stressniveau, gilt als einer der häufigsten Auslöser von Migräne. So konnte der Professor Richard Lipton vom Albert Einstein College of Medicine in einer Studie feststellen, dass Migräneattacken besonders in der Entspannungsphase nach einer stressigen Episode auftreten. Diese Form von Migräne wird daher auch als Wochenend- oder Feierabendmigräne bezeichnet. Andere PatientInnen berichten über gehäufte Anfälle, wenn sich ihr normaler Tagesrhythmus ändert, sie zu kurz oder zu lange geschlafen haben oder ihr Blutzuckerspiegel im Keller ist, weil sie eine Mahlzeit ausfallen ließen.


Fehlsteuerung


Photo: Vinicius Amnx Amano

Migräne ist ein Fall für die Neurologie, denn Betroffene leiden unter teilweise sehr starken, pulsierenden und stechenden Kopfschmerzen. Diese sind oftmals einseitig, können sich aber auf beide Kopfhälften ausweiten, dauern bis zu 72 Stunden an und verstärken sich bei Bewegung oder Anstrengung. Zusätzlich kann ein Migräneanfall von allgemeinem Unwohlsein, Schwindelgefühl oder einer Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein. Manche leiden unter Orientierungsproblemen oder haben Schwierigkeiten, verständlich zu sprechen. Die Kopfschmerzattacken können sogar zu Übelkeit und Erbrechen führen. Lassen die Schmerzen nach, beginnt die Rückbildungsphase, die so genannte Postdrom-Phase. Betroffene befinden sich dann meist in einer Art 'Hangover' und fühlen sich erschöpft. Erika litt lange Zeit unter heftigen Kopfschmerzen und Übelkeit: „Es begann hinter dem Auge und steigerte sich immer mehr. Ich nahm manchmal fast eine Woche Schmerzmittel. Es fühlte sich an, als würde mir ein Hund in den Kopf beißen.“ Nach den Wechseljahren ließen die Schmerzen jedoch schlagartig nach.


Photo: Javi Hoffens

Eine Migräne kann episodisch oder chronisch auftreten. Personen, die an einer episodischen Migräne erkrankt sind, erleiden Schmerzattacken in unregelmäßigen Abständen. Chronische MigränepatientInnen haben an mindestens 15 Tagen im Monat mit Kopfschmerzen zu rechnen. Ursächlich für die neurologische Störung ist eine Minderaktivität von Neuronen, die sich in der Großhirnrinde befinden. Dadurch verengen sich die Blutgefäße, wodurch sich diese entzünden. Pochende Kopfschmerzen sind die Folge. „Weil Migränepatienten eine ständige Reizbereitschaft haben, werden sie auch ständig durch Reize überflutet. Ihr Nervensystem arbeitet an der ‚Obergrenze‘. Wenn jedoch Reize zu schnell, zu plötzlich oder alle auf einmal und andauernd einströmen, dann ist das Nervensystem überfordert. Die Energieversorgung der Nervenzellen ist überlastet und es kommt zu einer Fehlsteuerung im Nervensystem“, erklärt der ärztliche Direktor Professor Hartmut Göbel der Schmerzklinik Kiel.


Mit oder ohne Aura


Photo: Novia Wu

Ein Sonderfall stellt die Migräne mit Aura dar. Diese Migräneform, von welcher auch ich selbst betroffen bin, ist in erster Linie von Einschränkungen und Ausfällen im Gesichtsfeld – so genannten Skotomen – und Sehstörungen charakterisiert und tritt bei ungefähr zehn bis 15% der Migräne-Patienten auf. Sie ist von einem Schlaganfall nicht immer leicht abzugrenzen, weshalb bei erstmaligem Einsetzen der Symptome ein*e Neurologe/ Neurologin aufgesucht werden sollte. Lichtblitze oder grelle Flecken, oft zackig und bunt umrandet, tauchen plötzlich vor dem Auge auf, vergrößern sich und wandern meist von innen nach außen, ehe sie wieder verschwinden. Zusätzlich können Gefühlsstörungen, wie Taubheit oder Kribbeln, auftreten. Die Aura nimmt üblicherweise 20 bis 30 Minuten, selten eine Stunde, in Anspruch.



Die visuellen Erscheinungen treten als Vorboten des Kopfschmerzes in Erscheinung, müssen aber nicht vor jeder Attacke vorkommen. Wenn nach einer Aura keine Kopfschmerzen folgen, ist von einer Aura ohne Migräne die Rede. Auch Heidi ist davon betroffen. „Ich sehe ein Flimmern, das von außen nach innen ins Gesichtsfeld wandert. Ich kann dann weder lesen noch mich konzentrieren. Ich sehe in den betroffenen Arealen einfach nichts“, beschreibt sie ihre Anfälle. Während einer Attacke hilft es ihr am besten, sich in einen abgedunkelten Raum zurückzuziehen und zu schlafen: „Nehme ich rechtzeitig eine Tablette, kann ich das Schlimmste verhindern. Ansonsten muss ich warten, bis es vorbei ist.“ Eng mit der Migräne verwandt sind die sogenannten Cluster-Kopfschmerzen. Diese äußern sich durch starke, einseitige Schmerzanfälle im Bereich der Augen, Schläfe oder Stirn. Franz leidet seit einigen Jahren darunter: „Vor allem bei Wetteränderungen, manchmal auch bei zu hoher Kraftanstrengung, beginnen die bohrenden Schmerzen hinter einem Auge. Tabletten helfen mir nicht immer, dann dauern diese bis zu drei Tage an.“


Bewusstsein schaffen


Migräne ist nicht einfach nur Kopfweh. Es ist ein komplexe neurologische Krankheit, die von heftigen Schmerzattacken und anderen Komplikationen begleitet wird und Betroffene massiv in ihrem Alltag einschränken kann. Oftmals fehlt es am Verständnis der Gesellschaft für Migräne-Patienten und ihre Schmerzen werden nicht immer ernst genommen. „Ich würde mir wünschen, dass das Bewusstsein für Migräne geschärft wird. Wenn ich höre ‚Ach, ich hatte gestern auch Kopfweh‘, sobald ich von meinen Beschwerden erzähle, ärgert mich das“, sagt Heidi. Nicht zu verachten ist auch der psychologische Druck, der insbesondere mit den anfänglichen Attacken verbunden ist. Als ich zum ersten Mal Aura-Phänomene bei mir beobachtete und plötzlich keine Wörter mehr entziffern oder Gesichter wahrnehmen konnte, war ich sicher, dass ich nun blind werden würde.


Photo: Carolina Heza

Zum Glück gibt es einige Veranstaltungen, die Migräne in den Vordergrund rücken und versuchen, mehr Verständnis und Bewusstsein für Betroffene zu schaffen. Der Europäische Kopfschmerz- und Migränetag, der seit 2006 jährlich am 12. September stattfindet, weist auf die psychischen und körperlichen Belastungen und Diskriminierungen hin, mit welchen Migräne-PatientInnen konfrontiert sind. Thematisiert wird auch das defizitäre Versorgungsnetz, denn häufig erhalten Patienten nicht die richtige Diagnose, geschweige denn die passende Therapie. „Unsere Ziele: Mehr Aufklärung und schnellere und bessere Hilfe für Betroffene“, erklärte Prof. Dr. Karin Zebenholzer, Präsidentin der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft letztes Jahr. Auch der Migraine Awareness Month, der jährlich im Juni stattfindet, oder der World Brain Day, bemühen sich darum, Migräne ins gesellschaftliche Rampenlicht zu rücken.


Zahlreiche Instagram-Kanäle, wie „migraine.buddy“ oder „the_migraine_life“, sind zugleich Sprachrohr als auch Informationsquelle für Betroffene und Interessierte. Sie bieten eine Plattform für Patienten, um sich auszutauschen. Emily berichtet auf ihrem Account „movementwithmigraine“ beispielsweise über ihre Botox-Therapie und wie diese ihr mit der Migräne geholfen hat. User tauschen sich aber auch über ihre Erfahrungen mit Meditation, Akkupressur oder Daith Piercings aus – Piercings, die durch die Knorpelfalte der Ohrmuschel gestochen werden und Kopfschmerzen lindern können. „Migraine.buddy“ gibt es auch als App, mit der Migräne-Attacken aufgezeichnet und so mögliche Trigger identifiziert und Attacken vorgebeugt werden können.


Die Formen der Migräne sind vielfältig. In unserer Gesellschaft braucht es noch viel Sensibilisierung für das Thema. Migräne muss endlich ernst genommen werden, denn es ist eben nicht 'einfach nur Kopfweh'.

Links


Reduction in perceived stress as a migraine trigger. Testing the “let-down headache” hypothesis I online


Europäischer Kopfschmerz- und Migränetag I online


Migraine and headache awareness month I online


World Brain Day I online


General-Anzeiger Bonn: Interview mit Direktor von Schmerzklinik Kiel Prof. Hartmut Göbel I online

  • Facebook
  • Instagram
Jetzt kostenlos und unverbindlich registrieren!
nov@-Member werden 
Einladungen zu Events, exklusiven Infos uvm.