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Mehr als „Mann oder Frau“

Intergeschlechtlichkeit, Intersexualität, Inter*?

Tanja Bühringer

#FEATURE #KÖRPER


In der heutigen Zeit scheinen die Sexualität, das Geschlecht sowie die ethische Zugehörigkeit den Menschen in unserer Gesellschaft zu definieren. Die Dichotomisierung in weiblich versus männlich erweist sich dabei häufig als zentral und wird in beinahe allen Bereichen unserer Kultur vehement vertreten. Mann oder Frau, Bub oder Mädchen – dazwischen gibt es für viele nichts. Doch die Realität sieht anders aus: Für ca. eine von 2000 Personen ist genau dieses „Zwischen Mann und Frau“ entscheidend.


Photo: Sharon Mccutcheon

Die Rede ist von intergeschlechtlichen Menschen. Obwohl die Thematik in der Gesellschaft langsam Eingang findet, wird Intergeschlechtlichkeit nicht selten mit Begriffen wie Trans- oder Homosexualität verwechselt oder betroffene Personen mit beleidigenden oder schlichtweg nicht zutreffenden Wörtern konfrontiert. Doch was ist Intergeschlechtlichkeit?


Was bin ich jetzt?


Oftmals wird vermutet, Intergeschlechtlichkeit beziehe sich, wie etwa Homosexualität, auf die Sexualität eines Menschen. Um solchen Verwechslungen vorzubeugen, empfiehlt das TransInterQueer-Projekt, von Begriffen wie „Intersexualität“ Abstand zu nehmen und sich mit unterschiedlichen Definitionsversuchen von Intergeschlechtlichkeit vertraut zu machen. Gemeint ist damit nämlich „das angeborene Vorhandensein genetischer und/oder anatomischer und/oder hormoneller Geschlechtsmerkmale, die nicht den Geschlechternormen von Mann und Frau entsprechen.“ Intergeschlechtliche Personen weisen somit aufgrund ihrer Chromosomen, Hormone oder anderer biologischer Besonderheiten ein äußeres Erscheinungsbild auf, das nicht eindeutig in eine der beiden vorhandenen Schubladen „männlich oder weiblich“ gesteckt werden kann. Da sie damit nicht der gängigen Geschlechternorm (männlich/ weiblich) entsprechen, unterliegen sie nicht selten Ausgrenzungen oder Diskriminierungen.


Photo: Tim Mossholder

Wie sich dieses „Rausfallen“ aus einer vorgegeben Norm anfühlt, schildert Alex Jürgen, ein Gründungsmitglied des 2014 errichteten „Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich“ (kurz VIMÖ) in seinem Text „Das kleine Ich-bin-es“ wie folgt: „[…] Was ist eines, wenn es nicht Mann ist und nicht Frau? / Ich bin das! / […] /Frau Alex Jürgen, NEIN, das bin ich nicht, und Herr Alex Jürgen wollt´ ich lange sein, kann ich aber nicht […] /Genauso wenig, wie ich Frau Alex Jürgen sein kann. / Hab keine Eierstöcke, keine Gebärmutter – nie gehabt, / keinen Penis, keine Hoden – war´n nicht „schön“ genug und wurden mir von schlauen Ärzten weggeschnitten […] / Was bin ich jetzt? Wie wollen Sie mich ansprechen? […]“


Photo: Jen Theodore

Pathologisierung und Medikalisierung immer noch vorhanden


Ein wesentlicher Aspekt, der in diesem kurzen Textabschnitt angesprochen wird, sind die diesbezüglich immer noch vorhandenen Missstände in unserem Gesundheitswesen. Vor allem die Pathologisierung, also die Deutung von Intergeschlechtlichkeit als Krankheit, birgt massive Risiken für die Betroffenen.


Bereits seit den 50er Jahren gibt es unterschiedliche Methoden, um scheinbar „abweichende“ Personen der vorhandenen Geschlechternorm anzupassen. Und auch heute noch finden operative und hormonelle Eingriffe unter dem Deckmantel von Heilbehandlungen statt. Besonders im Kindesalter passieren „geschlechtsanpassende“ Eingriffe häufig ohne eigenes Einverständnis oder genauer Aufklärung der Eltern und verursachen somit ein Aufdrängen von einem der beiden Geschlechter. Dabei seien diese Eingriffe meist weder nötig, noch sinnvoll, wie der VIMÖ klarstellt: „Intergeschlechtlichkeit ist kein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Problem!“


Photo: Nicholas Gercken

Der Kampf um die Gleichstellung geht weiter


Obwohl seit 2019 das dritte Geschlecht als Option, beispielsweise in Urkunden, anerkannt ist, muss in der Gesellschaft weiterhin ein Um- und Weiterdenken der klassischen Zweiteilung der Geschlechter angestrebt werden. Intergeschlechtlichkeit darf nicht länger ein Tabuthema darstellen, sondern bedarf einer besseren Aufklärung und Verankerung in den Köpfen der Menschen.


Eben dieses Ziel wird auch vom VIMÖ verfolgt und soll durch ein Angebot an Informationen, Geschichten von intergeschlechtlichen Personen sowie Hilfestellungen für Betroffene erreicht werden. Geschlechtervielfalt als Schlagwort, um gesellschaftlich konstruierte Normen aufzubrechen. Denn so können Alex Jürgen sowie zahlreiche andere intergeschlechtliche Personen endlich ihren Platz in einer vielfältigen Gesellschaft finden.

Links


TransInterQueer-Projekt »Antidiskriminierungsarbeit & Empowerment für Inter*«

im PDF


Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich I Online

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