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Kathi glaubt an Gott

Sikhismus, Katholizismus und Jugendkultur

Eva Rottensteiner

#FEATURE #SPIRITUALITÄT


Was junge Gläubige an Religion fasziniert und warum sich Jugendkultur und Kirche nicht ausschließen müssen.


Simmis Großvater war 40 Jahre lang oberster Priester im goldenen Tempel in Amritsar, das höchste Heiligtum im Sikhismus. Damals in ihrer Kindheit in Vorarlberg gab es kaum andere Sikhs im Umfeld, Religion spielte sich vor allem innerhalb der Familie ab. Erst in ihrer Jugend hat sich die 32-Jährige Vorarlbergerin so richtig mit ihrem Glauben befasst. Während andere Jugendliche Glauben uncool fanden, hat sich Simmi mit ihren indischen Wurzeln auseinandergesetzt: „Ich habe mich intensiv mit den Fragen befasst: Woher komm ich und was sind meine Grundlagen“. Auch heute ist die Sikh-Community in Vorarlberg überschaubar. Wenn sie einen Tempel besuchen möchte, muss sie nach München oder Zürich reisen.

Der goldene Tempel in Amritsar ist das höchste Heiligtum im Sikhismus. I Photo: Kit Suman

Community-Leben in Österreich spielt sich am meisten in größeren Städten wie Wien oder Salzburg ab. In Innsbruck, wo Simmi für einige Zeit gelebt hat, bildet sich langsam eine Glaubensgemeinschaft und sie kommt manchmal, um an Feiertagen an Gottesdiensten in dafür gemieteten Räumen teilzunehmen. „Meine Religion ist in erster Linie Privatsache, ich lebe meinen Glauben eher nach innen aus“, erklärt Simmi. Morgens auf dem Weg zur Arbeit hört sie sich Gebetsgesänge an - das helfe ihr, gut in den Tag zu starten und ihre Mitte zu finden.


BLASE


Die 25-Jährige Kathi ist mit einer Kirche groß geworden, in der klare Vorstellungen darüber herrschten, was richtig und falsch ist. Ihre Eltern sind evangelische Missionare und sind mit ihr von London über Österreich nach Thailand gefahren, um dort Entwicklungsarbeit zu leisten. Mit eineinhalb Jahren rannte sie durch die Slums von Bangkok, wo sie mit ihren blonden Locken ziemlich auffiel. Kathi beschreibt ihre Kindheit als Blase, in der sie ihre religiösen Eltern erzogen haben. „Wir sind damit aufgewachsen, dass wir vor jedem Essen und Schlafengehen beten und zur Adventszeit haben meine Eltern aus einem Buch vorgelesen,

Das Christentum spielt für Kathi seit ihrer frühesten Kindheit eine zentrale Rolle in ihrem Leben. I Photo: James Coleman

das die Bibel kindergerecht aufbereitete“, erinnert sich Kathi. Als Kinder waren sie zuerst schwer von der Kirche zu überzeugen, weil dort Englisch gesprochen wurde: „Außer es gab Kuchen und wir konnten mit den anderen Kindern Fußball spielen“, fügt sie grinsend hinzu. Nicht immer hat sie sich in dem kirchlichen Umfeld wohlgefühlt, vor allem als ihre Eltern in eine Freikirche gewechselt sind. Mode hat sie schon immer gereizt und sie liebte es, sich zu schminken und obwohl es keiner aussprach, hatte sie sich nicht zugehörig gefühlt. „Ich hatte das Gefühl ein Christ zweiter Klasse zu sein, weshalb ich dann auch in eine andere Kirche in Wien gewechselt bin“, sagt Kathi.


REGELN


Simmi ist nicht getaufter Sikh. Für ihre Religiosität bedeutet das weniger strenge Regeln. „Ich lebe nicht höchst religiös, das ist auch nicht Sinn der Sache. Es geht vielmehr darum, seinen eigenen Weg mit der Religion zu finden“, sagt Simmi. Sie hat die Glaubenssätze des Sikhismus für sich adaptiert. Blind vertrauen dürfe man der Religion jedoch nicht. Viele Glaubenssätze sind vor hunderten von Jahren entstanden, hier müsse man hinterfragen und Entscheidungen für sich treffen, so Simmi. Obwohl es den Sikhs untersagt ist, ihre Haare zu schneiden, hat sich Simmi dagegen gesträubt. „Ich habe als junger Mensch nicht verstanden

Ihr Glaube bedeutet für Simmi, ihren eigenen Weg mit der Religion zu finden und der Religion nicht blind zu vertrauen. I Photo: Dollar Gill

warum das so streng gehandhabt wird.

Mit anderen Gläubigen und Priestern habe ich oft und lange darüber diskutiert“, erklärt sie. Ihre Haare hat sie dann trotzdem irgendwann geschnitten und schneidet sie auch jetzt noch regelmäßig. „Man darf nicht zu engstirnig sein. Die Welt modernisiert sich und es hat schon seinen Grund, warum wir nicht mehr im 16. Jahrhundert leben“, meint sie entschieden auf die Frage nach Alkohol und Sex vor der Ehe. Simmis Partner ist kein Sikh und sie möchte veraltete Muster innerhalb ihrer Community, wie die starke Ausrichtung der Ehe an die Religion, aufbrechen.


VERURTEILUNG


Kathi meint, dass man erst durch eine krasse Erfahrung lerne, seinen Glauben zu hinterfragen. Obwohl ihre Eltern ihr stets beigebracht haben, kritisch zu sein, hat erst eine Krise das Fundament ihres Glaubens auf die Probe gestellt. „Ich habe geglaubt, weil das alle von mir so erwartet haben und nicht weil ich davon überzeugt war“, sagt sie. Bei Kathi war diese Krise ihre Scheidung. Mit 21 hat sie ihren damaligen Freund geheiratet, der Mitglied derselben Kirche war. Doch schon bald hat das für sie nicht mehr gepasst, sie wollte die Scheidung

Photo: Annie Spratt

einreichen, was ihr innerhalb der Community viel Kritik einbrachte. Die Leute hätten über sie geredet und als sie die Jugendarbeit in der Kirche mitgestalten wollte, sei sie von vielen Mitgliedern darauf angesprochen worden, dass sie kein Vorbild sei, erzählt Kathi. Unterstützt von den Pastoren, hat Kathi aber doch weitergemacht. Sie bezeichnet die Zeit der Trennung als einschneidendes Erlebnis: „Jeder erwartet von dir, dass du so gut bist und so heilig“. Auch das Weltbild ihrer Eltern habe sie ziemlich auf den Kopf gestellt, für die Kathis Entscheidung nicht von vornherein nachvollziehbar war. Sogar einige Freundschaften seien deswegen in die Brüche gegangen. Diese Zeit habe ihren Glauben nachhaltig verändert. „Ich habe Gott kennengelernt als verurteilend und streng, so haben mir das die Leute in der Kirche vorgelebt“, sagt Kathi. In der Zeit der Krise habe sie ihren Gott jedoch als liebevol kennengelernt, meint Kathi.


ZUSAMMENGEHÖRIGKEIT


Als Simmi einmal in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, war, sei sie von einem verzweifelten Mann auf der Straße angesprochen worden. Ihm stand eine schwere Operation bevor und er benötigte Hilfe beim Ausfüllen einiger Papiere. Erkannt habe der Mann sie anhand ihres Kara - ein Armreif, den Sikhs zur Außenwirksamkeit tragen, um anderen Sikhs zu signalisieren, dass sie zusammengehören. „Er hat mich um Hilfe gebeten, weil er mich als eine von ihm erkannt hat. Er sagte mir, hier helfe ihm sonst keiner. Und so hält man zusammen“, sagt Simmi. Das Prinzip der Nächstenliebe ist im Sikhismus stark verankert.


Während einer Reise nach Malaysia erkannte ein Sikh Simmi an ihrem Armreif - dem Kara. Diesen tragen Sikhs, um zu signalisieren, dass sie zusammengehören. I Photo: Akshat Vats

Simmi faszinieren die Sikhs, die sie als sehr gastfreundlich und offen wahrnimmt. Sie erzählt vom Goldenen Tempel im Norden Indiens, der vier Eingänge hat – einen Eingang für jede Weltreligion. Gleichstellung ist ein Grundsatz bei den Sikhs, Simmi findet das wahnsinnig spannend, da die Religion vor hunderten von Jahren entstanden ist. Sie erzählt, dass sie sich auf einer Weltreise manchmal verloren gefühlt habe. Wenn sie dann einen Sikh Tempel besucht hat, fühlte sie sich sofort aufgehoben: „Auch wenn du tausende Kilometer von zuhause und von deinen Freunden entfernt bist, weißt du, dass du den Menschen hier vertrauen kannst“.


LIEBE


„Was mich am christlichen Glauben so fasziniert, ist, dass du dir nichts verdienen musst. Du kannst einfach glauben und dein Glaube zeigt sich dann in deinen Taten, nicht umgekehrt“, erklärt Kathi. Der zentralste Punkt ihres Glaubens ist Liebe, womit sie im kirchlichen Umfeld oft aneckt. Von dem Bild der perfekten Christin habe sie sich getrennt und würde sich auch von anderen Kirchenmitgliedern mehr Mut zur Schwäche und Verwundbarkeit wünschen. „Ich will nicht wissen, wie heilig du bist und wie gut du die Bibel gelesen hast oder wie toll du betest. Ich möchte wissen, welches Problem du hast und wie ich helfen kann“, sagt die junge Christin.


Photo: Ben White

Einigen aus ihrem Umfeld scheint es ähnlich zu gehen, Kathi bekommt immer wieder Nachrichten von Menschen, die um ihren Rat fragen. „Ich bin lieber die nicht Perfekte, die Fehler gemacht hat und trotzdem eine Beziehung zu Gott hat, die viel tiefer ist“, sagt Kathi dazu. Sie möchte, dass ihre Mitmenschen sich mit ihr identifizieren können und wissen, dass sie bei ihr nicht verurteilt werden. Wie andere junge Menschen geht auch Kathi gerne feiern und trinkt auch gelegentlich Alkohol. Mittlerweile hat sie ihren eigenen Modeblog und studiert nebenbei Kommunikationswirtschaft in Wien. Nur schaut sie sich dann eben Livestreams von Messen auf Youtube an oder hört sich Podcasts mit Predigten zu aktuellen Themen an. Kathi ist davon überzeugt, dass jeder Mensch ein bestimmtes Fundament braucht, das ihm Halt gibt. Bei ihr ist es eben der Glaube.


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