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Kampfzone Körper

Wenn Essen zum Problem wird

Ute Fuith

#FEATURE #KÖRPER


Bei Menschen mit Magersucht, Bulimie oder einer Binge-Eating-Disorder ist die tägliche Nahrungsaufnahme durch ein Zuviel oder Zuwenig gekennzeichnet.


Die Grenze zwischen einem relativ gesunden und normalen bis hin zu einem pathologischen Essverhalten ist fließend. Es fängt mit Kalorienzählen an oder der Nutzung diverser Handy-Apps, mit denen alles Gegessene penibel dokumentiert wird. Man probiert neue Diäten aus, treibt intensiv Sport und macht Fastenkuren. „Das alles sind Ideale einer

Photo: I Yunmai

gesundheitsbewussten Gesellschaft und keineswegs krankheitswertig, dennoch kann das in eine Essstörung münden oder schon der Anfang einer solchen sein, erklärt Sarah Rubenthaler, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. „Neben Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa finden sich gehäuft Menschen mit sogenannter Binge-Eating-Störung in meiner Praxis ein.“


Erste Anzeichen

Allen Essstörungen gemeinsam ist eine völlig übersteigerte gedankliche Fixierung rund um die Themen Essen, Gewicht und der Angst vor Gewichtszunahme. „Bei der Anorexia nervosa kommt es durch eine stark restriktive Nahrungsaufnahme zu einem deutlichen und raschen Gewichtsverlust. Die wenigen „erlaubten“ - meist fett- und kohlehydratarmen - Lebensmittel werden zunehmend reduziert, die Gewichtsgrenze immer wieder nach unten korrigiert.

Sarah Rubenthaler I Photo: Taro Ebihara

Es zeigt sich eine Körperschemastörung – die Betroffenen empfinden sich trotz deutlichem Untergewicht noch immer als zu dick. Veränderungen im Blutbild aufgrund der Mangelernährug sind erkennbar, es kann zu Osteoporose und Amenorrhoe, dem Ausbleiben der Menstruation, kommen“, erklärt Sarah Rubenthaler.

Bei der Bulimia nervosa sind Betroffene meist normalgewichtig. Es kommt zu einem Teufelskreis zwischen Fasten und Heißhunger-Attacken, wobei große Mengen an oft hochkalorischen Lebensmitteln zu sich genommen werden. Um eine Gewichtszunahme zu verhindern, werden gegensteuernde Maßnahmen wie Erbrechen, der Missbrauch von Abführmitteln und vieles mehr ergriffen. Durch das Erbrechen kann es zu Störungen des Elektrolythaushaltes kommen, was zu Herz- und Nierenproblemen führen kann.

Pretty hurts

„Bulimiker*innen planen nicht selten Zeitfenster, in denen sie ungestört und unkontrolliert essen können, ohne dass es auffällt. Betroffene schaffen es so, über lange Zeiträume das gestörte Essverhalten zu verheimlichen“, sagt Clemens Hrobsky, personenzentrierter Psychotherapeut. Essstörungen sind nicht nur für die Betroffenen selbst sehr belastend. Auch

Clemens Hrobsky I Photo: Georg Kippes

Angehörige und Freunde leiden darunter. Oft sind sie mit der Situation überfordert und fühlen sich hilflos. „Es ist wichtig, der Person Verständnis entgegenzubringen. Aber das Problem kann nicht innerhalb der Familie gelöst werden. Betroffene benötigen professionelle Hilfe“, empfiehlt Clemens Hrobsky. Für Angehörige gibt es dahingehend Hilfsangebote. Angehörigenberatung oder therapeutische Gespräche können ihnen helfen mit der Situation und der Essstörung des Kindes besser umzugehen.

Verzerrtes Selbstbild

Bei der Magersucht geht es oft um Themen wie Kontrolle, Autonomie, Leistung oder Perfektionismus. Der eigene Körper wird dabei sehr verzerrt wahrgenommen. Selbst wenn die Betroffenen schon untergewichtig sind, fühlen sie sich immer noch zu dick: „Je mehr das

Katarina Batinic I Photo: Dragan Petrovic

Leben „außer Kontrolle“ gerät, umso mehr wird versucht, über den eigenen Körper das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen. Die Abmagerung wird als „Leistung“ interpretiert und stolz zur Schau gestellt. So auf die Art 'schaut her, wie gut ich mich unter Kontrolle habe' “, beschreibt die Psychotherapeutin Katarina Batinic. Mit der Flucht in die Magersucht kann zudem das Erwachsenwerden verhindert werden. Der Körper bleibt so, wie er es auch vor der Pubertät war: der eines Kindes. Besonders Mädchen tun sich oft schwer mit den körperlichen Veränderungen, wenn es in Richtung „Frauwerden“ geht.

Fragwürdiges Schönheitsideal

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Schlanksein idealisiert wird. Komplimente für das Dünnsein ist dann Futter für die Aufrechterhaltung der Essstörung. Besonders Frauen werden noch immer stark nach Äußerlichkeiten beurteilt. Vermittelt wird, man müsse Mitte 40 noch faltenfrei sein und den grazilen Körper eines jungen Mädchens haben. Typische Frauenzeitschriften werben mit Diäten und bilden sehr schlanke, attraktive Frauen ab. „Gerade Mädchen machen ihren Selbstwert besonders oft an ihrem Aussehen fest: 'Wenn ich dünner bin, dann bin ich beliebter' , sagt Rubenthaler. „Eine Patientin, die sehr unter ihrer Essstörung leidet und deutlich untergewichtig ist, berichtete, dass sie immer wieder Komplimente für ihre tolle Figur bekommen würde. Oft stehe sie kurz davor zu sagen: 'Ich bin nicht schlank, sondern sehr krank' “, so Sarah Rubenthaler.


Photo: Thought Catalog

Für Katarina Batinic ist der schlanke, zarte Frauenkörper ein Produkt unserer leistungsorientierten Gesellschaft: „Er wird bereits in Jugendmagazinen und den sozialen Medien als Nonplusultra angestrebt. Es gibt mittlerweile „Thinspiration“ Webseiten, mit Tipps zum Abnehmen sowie Foren für essgestörte Mädchen, in denen die Essstörung fanatisch idealisiert wird und Jugendliche Tipps austauschen, wie sie ihre Essstörung verstecken können“, weiß Batinic. Das hänge natürlich mit dem heutigen Schönheitsideal zusammen und dem Druck, schlank zu sein - besonders als Frau. So habe Victoria's Secret im vergangen Jahr voller Stolz ein „Plus-Size“- Model präsentiert, die Größe 38 trägt. Aus Sicht von Batinic absoluter Wahnsinn.

Genderspezifisch sei es zwar so, dass Essstörung eine Frauenkrankheit ist, aber in den vergangenen Jahren erkranken auch immer mehr junge Männer daran - wenn auch im Durchschnitt etwas später und oft in Kombination mit exzessivem (Kraft)Sport.

Behandlung & Heilung

In der Behandlung von Essstörungen ist es meist eine Kombination aus Psychotherapie und medizinischer Betreuung, die zu Erfolg führt. In einer Psychotherapie lernen Betroffene, sich selbst besser zu verstehen. In der Therapie können sie sich über Ursachen und Bedingungen für die Entstehung der Störung bewusst werden, ihren Selbstwert steigern und neue Strategien im Umgang mit belastenden Situationen entwickeln. Oft kommt es dabei auch zu Veränderungen im Umgang mit dem sozialen Umfeld. Spätestens dann, wenn eine Essstörung bereits von körperlichen Begleiterscheinungen und körperlichen Folgen begleitet wird, ist auch eine medizinische Betreuung erforderlich. Diese erfolgt in vielen Fällen

Photo: Bill Oxford

ambulant. Es kann aber auch Gründe für einen stationären Aufenthalt geben: „Beispielsweise dann, wenn der Gewichtsverlust bereits lebensbedrohliche Ausmaße annimmt. Manchmal ist die Aufnahme in einer stationären Einrichtung für Betroffene auch ein förderlicher Rahmen, der bei der Bearbeitung der Störung hilft, da dadurch ein vorübergehender Abstand zum Alltag und zum sozialen Gefüge entsteht. Da Essstörungen in vielen Fällen mit anderen psychischen Erkrankungen, wie Depression, Angststörungen, Zwängen oder Sucht einhergehen, kann dies auch begründen, dass sich eine fachärztliche Betreuung und damit verbunden eine medikamentöse Unterstützung empfiehlt“, sagt Clemens Hrobsky.

Der Begriff der Heilung ist allerdings in Bezug auf psychische Erkrankungen oft schwer

anzuwenden oder uneindeutig. Eine Essstörung kann zwar im Sinne der diagnostischen Kriterien bewältigt und geheilt sein, jedoch bedeutet das nicht, dass Betroffene anschließend einen vollkommen sorglosen und unbedachten Umgang mit Essen und dem eigenen Körper haben. Die gedankliche Beschäftigung mit Essen und dem eigenen Körpergewicht ist meist weiterhin ausgeprägter als im Vergleich zu anderen Menschen. Dieser wird von ihnen jedoch nicht mehr als belastend empfunden.

Generell gilt: Je früher eine Essstörung erkannt und eine Therapie begonnen wird, bevor die Krankheit vielleicht schon eine Eigendynamik erreicht hat, desto besser sind die Heilungschancen. Da Essstörungen sehr komplex sind, muss mit einer längeren Therapie gerechnet werden.

Links


Information, Beratung und Hilfe für Menschen, die von Essproblemen betroffen sind I online


Sarah Rubenthaler, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision

I Praxis online


Katarina Batinic, Psychotherapeutin I Praxis online


Clemens Hrobsky, Personenzentrierte Psychotherapie I Praxis online


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