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Kampfbereit

Selbstverteidigung als Überlebensstrategie

Veronika Maierl

#FEATURE #KÖRPER #HUMAN


Kampfsport unter Frauen hat seit einigen Jahren an Beliebtheit dazu gewonnen. Doch was oft als Trendsportart abgetan wird, ist oft traurige Notwendigkeit.


Ich stehe im Keller einer Sporthalle im dritten Wiener Gemeindebezirk Landstraße. Es sind circa 15 Personen der Online-Einladung gefolgt, ein öffentlich zugängliches Krav Maga Traning besuchen zu können. Das Training ist für alle offen, egal welche Vorerfahrung man hat, wie alt man ist oder welchem Geschlecht man sich zuordnet. Und das kommt gut an - die Gruppe ist demographisch breit aufgestellt, von Anfang 20 bis Mitte 60 sind alle Altersgruppen vertreten. Die fünf Frauen der Gruppe trainieren hier zum Teil seit mehreren Jahren.

Über Macker im Studio und Plastikköpfe im Training


Photo: Doug Tunison

Steff*, eine kraftstrotzende 32-Jährige und für heute meine Trainingspartnerin, hat den Kampfsport erst vor einigen Jahren für sich entdeckt. Zuvor ist sie viel geschwommen und war zwischendurch auch mal im Fitnesstudio angemeldet, hat das aber wieder sein lassen. Zu viele Macker und zu wenig Angebote für Frauen abgesehen von Bauch-Beine-Po, meint sie. Es geht los. Erstmal Warm-Up. Runden laufen, Partner_innen fangen, zwischendurch Liegestütz. Nach einer sehr knappen Erklärung probieren wir die erste Übung. Wir sitzen in Paaren nebeneinander, zwischen uns ein Puppenkopf, den Steff* mir entgegenstreckt. Das soll die Situation nachstellen, wenn ich im Bus neben einer Person eingeklemmt sitze und diese mich bedrängt. Der Trainer sagt, dass ich zuerst durch Steff* durch muss, um dann über sie steigen zu können. Heißt: erst einmal boxen, Beine rauf und treten - solange bis ich über das kleine Paket, zu dem sich meine Trainingspartnerin mittlerweile zusammengekrümmt hat, hinüber steigen kann. Ziel ist es, sich durch die Person durchzutretenbis man hinter der Person ankommt, anstatt auszuweichen. Im echten Leben wäre es natürlich sinnvoll, die Person so zu treten, dass er mir nicht folgen kann.


Photo: Valentin Salja

Damit ER mir nicht hinterher kann? Klar, weil das erfahrungsgemäß irgendein lästiger Typ im Nachtbus ist - deshalb ER. Weil mir die Situation oder die Angst vor einer solchen Situation nicht ganz unbekannt ist. Okay, die erste Übung war heftig, aber auch total mobilisierend. Wütend bin ich auch ein bisschen - alles zusammen ein ziemlich aufwühlender Moment. Steff* ist dran. Also Puppenkopf wechseln und sie schlägt zu. Ob es für sie genauso aufwühlend war wie für mich, frage ich sie nach der Übung. Sie sagt, dass es ihr an manchen Tagen im Training ähnlich gehe wie mir gerade: „Hab deswegen ja auch mit dem Kampfsport angefangen, weil es solche Typen nun mal zuhauf gibt.“


Anstieg patriarchaler Gewalt

Gewalt an Frauen ist vor allem eines: ein strukturelles Problem. Statistisch gesehen sind die Täter mehrheitlich männlich und die Opfer meist weiblich. Obwohl das Phänomen kein neues ist, schlägt es medial vor allem seit Beginn des letzten Jahres hohe Wellen. Im Januar 2019 kam es zu einem explosiven Anstieg der Morde an Frauen. Die Anzahl der Gewalttaten, welche als Femizide registriert sind, haben sich in Österreich seit 2014 verdoppelt. Gerade in Zeiten von 'Social Distancing' und Ausgangsbeschränkungen nimmt häusliche Gewalt zu. Das stellen vor allem auch die Mitarbeiter_innen der verschiedenen Frauenberatungsstellen fest. Laut den Zahlen der Bundesregierung ist die Zahl der Betretungs- und Annäherungsversuche im März im Vergleich zum Vormonat gestiegen. Auch der 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien verzeichnet seit März einen spürbaren Anstieg der Beratungen. Hier können sich Frauen das ganze Jahr über anonym beraten lassen.

Betroffene gehen auf die Straße


Photo: Ni Una Menos Argentina

Verhandelt werden diese Entwicklungen jedoch nicht nur in den Medien - viele Frauen werden aktiv und gehen selbst auf die Straße. In Mexiko gibt es vermehrt Massendemonstrationen gegen die hohe (und weiter steigende!) Zahl von Frauenmorden. Am diesjährigen Frauenkampftag am 8. März legten Frauen in ganz Mexiko ihre Arbeiten nieder; in Mexiko-Stadt protestierten laut Polizeiangaben 80.000 Frauen auf der Straße. Von Chile aus ging die Performance 'Un violador en tu camino' des feministischen Kollektives 'Las Tesis' ab November 2019 um die ganze Welt. In der Performance werden die staatlichen Institutionen angeklagt, die Vergewaltigungen verharmlosen und sich damit auch zu Mittätern machen.


Photo: Ni Una Menos Argentina

Auch die von feministischen Aktivist_innen in Argentinien gestartete Bewegung 'Ni una menos' (übersetzt etwa: 'Nicht eine [Frau] weniger' oder 'Keine weitere') hat seit 2015 immer wieder tausende Frauen zu Protestmärschen vereint, um auf geschlechterspezifische Gewalt aufmerksam zu machen. Mittlerweile haben sich die Massendemonstrationen auch auf andere lateinamerikanische Länder ausgebreitet. Die teilweise vermummten FLINT* (Frauen-, Lesben-, Inter-, Trans-) Personen legen in Protesten, Performances und Sprechchören nicht nur die steigenden Zahlen von Gewalttaten offen, sondern klagen an und stampfen ihre Wut heraus. So sollen Betroffene motiviert werden, sich zur Wehr zu setzen. Die Strategie von 'Ni una menos' und anderen feministischen Bewegungen ist es, sich öffentliche Räume zu erkämpfen und sich gemeinsam gegen die bestehenden Gewaltstrukturen zu organisieren.

Und genau das passiert auch in der Sporthalle im 3. Wiener Gemeindebezirk. Dort entsteht ein Raum, in dem sich Frauen ihrer strukturellen Unterdrückung bewusst werden und in einem lockeren Kollektiv lernen, sich zur Wehr zu setzen. Die Gesellschaft bringt uns FLINT* Personen in eine Position, unsere Körper verteidigen zu müssen. Ich werde noch eine ganze Weile von den Begegnungen in diesem Training zehren und besonders von der Erkenntnis, dass Kampfsport für Frauen kein Trend, sondern ein notwendiges 'Empowerment' ist.


* Name von der Redaktion geändert

Links


Der Standard (Video): Performance "Un violador en tu camino" in Wien I online


Autonome österreichische Frauenhäuser: Zahlen & Fakten I online


Notrufe


Frauennotruf Wien: 01 71 71 9

Betroffene in Wien können sich für eine rasche Soforthilfe, aber auch für allgemeine Informationen kostenlos und rund um die Uhr an den Frauennotruf wenden.


Frauenhäuser Wien: 05 77 22

Die Frauenhäuser bieten Frauen und ihren Kindern neben anonymen und kostenlosen Beratungsgesprächen direkten Schutz und Sicherheit durch eine vorübergehende Wohnmöglichkeit. Der Notruf ist Tag und Nacht erreichbar.


Frauenzentrum der Stadt Wien: 01/408 70 66

Das Frauenzentrum der Stadt Wien ist untertags telefonisch und per Mail erreichbar und berät kostenlos zu Themen wie Scheidung, Trennung, Obsorge, Kontaktrecht und Unterhalt.


Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555

Die Frauenhelpline ist die zentrale Informationsstelle der Österreichischen Frauenhäuser in den Bundesländern und bietet 24 Stunden kostenlose Tipps und Antworten. Die Beratung wird in unterschiedlichen Sprachen angeboten.


Nummer der Polizei: 133 oder 112

Bei akuter Gewalt muss die Polizei verständigt werden. SMS an: 0800 133 133 (auch Notruf für Gehörlose)

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