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Kampf dem Wachstum!

Degrowth kratzt am unantastbaren Kapitalismus

David Böhm

#FEATURE #KAPITALISMUS


Produktion, Konsum, und Wachstum – aktuell läuft alles auf Sparflamme. Wie ein Stein im Getriebe verlangsamt die Coronakrise zumindest vorübergehend diesen scheinbar endlosen Kreislauf der Weltwirtschaft. Doch wie geht es weiter? Zurück zum Status quo? Verfechter*innen von Degrowth-Ansätzen zeigen, wie eine ganz andere Zukunft aussehen könnte.


Photo: Etienne Girardet

Wer in den letzten Wochen auf der Mariahilfer Straße spazierte, dem bot sich ein merkwürdiges Bild. Statt einem stetigen Strom an Menschen schlenderten nur wenige, mit Mund-Nasen-Schutz bekleidete Spaziergänger*innen über die sonst so belebte Straße. Auch die Stadtbahnbögen am Gürtel, eine der Lebensadern des Wiener Nachtlebens, wirken wie ausgestorben. Einzig vor essenziellen Geschäften wie Apotheken und Supermärkten bildeten sich gelegentlich Schlangen. Die Folge: über eine halbe Millionen Menschen in Österreich sind bis dato arbeitslos, der höchste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik. Besonders betroffen sind Arbeiter*innen in prekären Verhältnissen wie Angestellte in der Gastronomie, die wegen kompletter Schließungen meist auch nicht in Kurzarbeit beschäftigt werden können. All dies bedeutet vor allem eins für die Wirtschaft: das Wachstum bleibt aus. Die EU-Kommission prognostiziert für 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 5,5% im Vergleich zum Vorjahr. Der Kapitalismus ist unserer Pandemie nicht gewachsen.


Was kommt nach dem Wachstum?


Photo: Sharon McCutcheon

Zunächst verschwanden Debatten abseits der akuten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gänzlich. Doch mit der schrittweisen Wiederaufnahme des Alltags werden auch Fragen um die Zukunft laut. Denn während die einen dem Krisenmanagement der schwarz-grünen Regierung applaudieren, fordern andere gerade jetzt einen strukturellen Wandel. Darunter fallen auch die Ideen und Konzepte rund um das Stichwort "Degrowth". Degrowth-Ansätze, im Deutschen auch oft unter dem Begriff "Postwachstum" diskutiert, beschäftigen sich mit Ideen, die vom aktuellen Wachstumsparadigma abweichen. Sie kritisieren, dass stetiges Wachstum, oft gemessen am BIP, sowohl ökonomisch als auch ökologisch negative Konsequenzen mit sich bringt. Wirklich nachhaltige Lösungen innerhalb eines Wirtschaftsmodells, welches auf exponentielles Wirtschaftswachstum aus ist, sehen sie nicht. Armut, globale Ausnutzung von Wertschöpfungsketten, sowie der Klimawandel und dessen Folgen sind Teil eines Systems, das Quantität über Qualität und Wachstum über Wohlergehen stellt.


Photo: Markus Spiske

Mitglieder von Degrowth-Bewegungen fordern Entschleunigung: weniger Produktion und weniger Konsum. Außerdem müssen demokratische Strukturen ausgebaut werden. Dadurch können beispielsweise die westlichen Ideen von Entwicklung im globalen Süden an Einfluss verlieren und somit Platz für selbstbestimmte Entwicklungsmodelle machen. Auch um die Folgen des Klimawandels zu verringern fordern Wachstumskritiker*innen, nicht auf technologische Lösungen zu setzen, sondern grundlegend nachhaltig zu produzieren und konsumieren. Während also die Regierungen versuchen das Wirtschaftswachstum mit Kurzarbeit oder Finanzspritzen möglichst schnell wieder anzukurbeln, sind Degrowth-Befürworter*innen davon überzeugt, dass Wachstum keine gesunde und nachhaltige Lösung ist.


Degrowth als wirtschaftliche Alternative nach der Corona-Krise?


Die momentane (wirtschaftliche) Situation sorgt also gerade jetzt für Diskussionsbedarf was Krisenmanagement und Nachhaltigkeit angeht, weil die Art und Weise des aktuellen Wirtschaftens einer Pandemie nicht gewachsen zu sein scheint. Allerdings argumentieren auch Gegner*innen von Degrowth anhand der Coronakirse, dass es vielen Menschen gerade durch ein geringeres Wirtschaftswachstum verursacht vom Lockdown schlechter geht, da Arbeit und Einkommen wegfallen können. Doch dem entgegnet Autor und Dozent Jason Hickel, dass entfallendes Wachstum aufgrund einer Pandemie nicht mit qualitativer Degrowth verwechselt werden darf. Hickel stellte sich Kritiker*innen auf Twitter, und hob vor allem eins hervor: qualitative Degrowth verlangt nach einem kontrollierten und zusammenhängenden Regelwerk, dass auf nachhaltiges Wirtschaften abzielt und das allgemeine Wohlbefinden verbessert. Auch müsse ein besonderes Augenmerk auf Strategien zur Inklusion und Reduktion von Ungleichheit und Einkommensverteilung gelegt werden.


Das Team I Photo: Degrowth Conference Vienna

In Wien organisiert das Team von "Degrowth Vienna" aktuell dazu eine Konferenz, welche von Ende Mai bis Anfang Juni stattfindet. Die Konferenz, die aufgrund der Einschränkungen nun online realisiert wird, besteht aus einer Mischung von Vorträgen, Diskussionen und anderen Veranstaltungen von internationalen Vortragenden und Teilnehmer*innen. Die Veranstalter*innen freuen sich über das große Interesse für die Konferenz. "Im öffentlichen Diskurs gehen unsere Inhalte leider gerade eher unter". Denn anstatt das Dogma des Wachstums zu hinterfragen, dreht sich in Politik und Wirtschaft momentan alles um eine möglichst schnelle Rückkehr zum Wachstum. Im Paradigma des Wachstums antwortet man auf eine Krise auch wieder mit Wachstum und alternative Modelle wie das Degrowth-Modell haben keinen Platz in diesem Diskurs. "Um Alternativen aufzuzeigen werden wir im Rahmen unserer Konferenz eine zusätzliche Podiumsdiskussion zur aktuellen Krise und den Möglichkeiten der Degrowth Bewegung in unser Programm aufnehmen“, erzählen die Veranstalter*innen. „Außerdem werden vermutlich auch einzelne Vortragende ihre Beiträge an die aktuelle Situation anpassen.“


Die Geschäfte auf der Mariahilfer Straße haben mittlerweile – mit Einschränkungen – wieder geöffnet. Da sich das Virus bis zuletzt immer langsamer ausbreitet, dürfen auch die Gürtellokale ab Mitte Mai wieder aufsperren. Doch es bleiben, besonders bei Menschen in prekären Verhältnissen, Zweifel daran ob die Rückkehr zu stetigem Wachstum wirklich ein gutes Leben für alle bedeutet. Denn gerade jetzt, wo sich Politik und Wirtschaft darum bemühen, das Wachstum wieder zu beschleunigen, besteht die Gefahr, die dadurch reproduzierte Ungleichheit noch weiter aus den Augen zu verlieren.

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