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Homoliebe - Ein Generationenvergleich

Zwischen HIV-Pandemie und Intersektionalität: Eine weitere Millenialgeschichte

von Eva Rottensteiner


Über Millenials denkt man sich grundsätzlich so einiges. Sie sind zu individualistisch, zu frei, zu egoistisch, zu wenig politisch, zu viel politisch, zu verwöhnt, zu digital, zu laut, zu bequem, zu selbstdarstellend, zu konsumgeil, zu arbeitsskeptisch, zu hedonistisch, zu viel gesellschaftlicher Wendepunkt. Noch nie zuvor war eine Generation so frei im eigenen Ausdruck wie die Generation Y, Z, alpha, beta und wie sie alle heißen. Sie können lieben, wen sie wollen und wie sie wollen. Individualismus und sexuelle Revolution sind ihr Markenzeichen.


Homosexualität wird nicht mehr grundsätzlich infrage gestellt. Birgit, eine 60-Jährige Sozialpädagogin aus Würzburg erzählt von ihrem Coming Out in ihren 20ern, welches in ihrem familiären Umfeld damals schwierig war. Heute könne die Lesben-Generation sogar die Familienplanung miteinplanen und es mangle nicht mehr an Vorbildern. Jugendliche trauen sich immer früher in ihrer Pubertät zum Outing und können in vielen Fällen mit sozialem Rückhalt rechnen. Grundsätzliche Akzeptanz mussten sich die homosexuellen Millenials weniger hart erkämpfen, als es in den 1980er Jahren der Fall war. Ist der heutige Kampf überhaupt noch ein Kampf?


Foto: Charles Deluvio

Aids-Krise als Wendepunkt


Um das herauszufinden, müssen die Uhren zurückgedreht werden. Wie ging es den homosexuellen Menschen in den 80er Jahren, als Aids wie ein Sturm über Europa hinwegfegte und der Gesellschaft in rasantem Tempo das Leben auspustete? „Schwulenpest“ wurde HIV genannt. Die Homosexuellen bezeichnete man als „AIDS-Terroristen unter uns“. Der SPIEGEL schreibt 1983 von der „Homosexuellen-Seuche“ und die erzkonservativen HomosexuellenhasserInnen reiben sich schadenfroh die Hände.


Es gibt nun einen Grund Schwulensaunas und Bars zu schließen, einen Grund um auszugrenzen und zu diskriminieren. „In Bayern beispielsweise wurde ernsthaft diskutiert alle Staatsbeamte zwangszutesten und alle HIV-positiven in ein abgelegenes Tal umzusiedeln“, so LGBT-Aktivist Hans-Peter Weingand. Homosexuelle Menschen und vor allem jene, die HIV-positiv waren, lebten teils isoliert von der Gesellschaft. Dass Aids nicht nur eine Krankheit schwuler Männer war und auch Familienväter, Frauen und Kinder betraf, wollte man lange nicht wahrhaben.


Aus einem Notstand heraus, haben sich Bewegungen formiert


Durch das wachsende Ausmaß der Krankheit wurde die Politik aber erstmals gezwungen sich mit dem Tabuthema Homosexualität zu befassen und Gruppen für mehr Aufklärung innerhalb der Homosexuellen-Community zu fördern. Aids entpuppte sich paradoxerweise als Chance, welche die Belange und Forderungen einer gesellschaftlichen Randgruppe in die Mitte der gesellschaftlichen Bühne brachte. Die HOSI Wien war die erste Bewegung Europas, die Aids-Info-Flyer herausgab. „Die junge Generation der 80er kämpfte für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung, sie haben großartige Arbeit geleistet, um humane Verhältnisse in vielen Staaten zu schaffen“, erinnert sich Diana (60), eine homosexuelle Lehrerin in Yarmouth, Maine zurück.


Aus einem Notstand heraus haben sich Schwulen- und Lesbenbewegungen formiert und mehr Rechte für eine gleichberechtigtere Gesellschaft gefordert. „Die Diskussionen um eingetragene Partnerschaften hingen stark mit Aids zusammen, weil sich Paare in Zeiten von unzähligen Krankheitsfällen rechtliche Absicherung wünschten, was Versicherung oder Erbrecht anging“, so Weingand. Es ging früher mehr um Grundlegendes, während man heute in bestimmten Bereichen wie dem Adoptionsrecht Forderungen aufstelle, erklärt Birgit.



Foto: Lorenzo Herrera

Schubladisierung als Syndrom der Millenials


Was die queeren Millenials von den 1980er-Kids unterscheidet, ist die zunehmende Ausdifferenzierung der unterschiedlichsten Geschlechtsidentitäten innerhalb der LGBTQ+-Community. Plötzlich ist es wichtiger denn je, ob non-binär oder pansexuell oder beides. Alles muss „gelabelt“ werden. Weingand erzählt von Forderungen im Universitätskontext, die sich für ihn oftmals wie eine Speisekarte lesen, den LGBTQ+ Buchstabensalat als Beilage: „Nur die Queerenbewegungen kamen irgendwann mal auf die Idee, um niemanden zu vergessen, muss man jeden dazuschreiben und eine Pseudovollständigkeit erreichen. Doch das führt nicht zu mehr Solidarität. Was hier passiert ist eine unglaubliche Schubladisierung, wo einzig die Frage wichtig ist, was man ist“.


Millenialistischer Individualismus meets Klassendenken. Der Ursprung läge eigentlich darin, gegen gesellschaftliche Heteronormativität und das Patriarchat anzukämpfen, doch in der Realität würden die Schubladen nur noch kleiner und manchmal gehe in der ganzen Fragmentierung verloren, worum es eigentlich überhaupt geht.


Foto: Mikael Kristenson

Intersektionalität oder szeneinterne Diskriminierung?


Während vor allem im akademischen Diskurs Generation "Y und Co." die älteren Generationen dafür kritisieren, dass sie ihre Kämpfe zu wenig intersektional führen (sprich andere Diskriminierungsfaktoren wie Herkunft und soziales Milieu nicht miteinbinden), versteht Weingand diese zunehmende Kritik innerhalb der Communities eher als „szeneinterne Diskriminierung“, auch wenn ihm durchaus bewusst ist, dass Rassismus ein Thema innerhalb der Community ist.


Dennoch fände er es sinnvoller, sich zusammenzuschließen, so wie die Schwulen- und Lesbenbewegungen ab den 90ern beschlossen hat, Seite an Seite gegen gemeinsame Feinde zu kämpfen. „So einfach ist der Diskurs allerdings nicht, denn ein Bewusstsein für die Probleme Anderer ist der Grundstein für eine funktionierende Gesellschaft“, kritisiert Theresa, 22-jährige Studentin in Wien.


Foto: Tallie Robinson

Wünsche an die Generationen


Während Birgit teils noch verankertes patriarchales Gedankengut bei jungen Schwulen anprangert und sich mehr politisches Engagement von den Millenials wünscht, ist Diana beigeistert vom Diskurs zwischen den 80's und 2000: „Während die ältere Generation verschiedenste queere Formen kennenlernt, möchte die jüngere Generation wissen, wie die Alten es geschafft haben, als ein normales, menschliches Wesen akzeptiert zu werden“.


Alex, ein 26-jähriger Student aus Graz, denkt eher negativ über seine Generation, welche sich teilweise mit vorhandenen LGBT-Rechten schon zufrieden gebe und mehr die eigene Selbstverwirklichung und den Spaß in den Vordergrund stelle. „Es braucht mehr Verständnis zwischen den Generationen für ihre Themen, denn alles was einmal großes Thema war, kann schnell wieder zum Thema werden.“

In jedem Fall braucht es ein gesellschaftliches Nachziehen an den rechtlich-politischen Entscheidungen der letzten Jahre.

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