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Glück als Währung

Kapitalismus als Glücksgarant?

Ute Fuith

#FEATURE #KAPITALISMUS


Die Suche nach Glück ist seit jeher Thema der unterschiedlichsten Disziplinen – von der Philosophie bis zur Wirtschaftswissenschaft. Welche Rolle Geld oder Besitz dabei spielt, ist bis heute strittig.


Photo: Pixabay

Zur Gründerzeit der Ökonomie, Anfang des 18. Jahrhunderts, fand der schottische Philosoph Francis Hutcheson die Formel vom „größten Glück der größtmöglichen Zahl“. Durch dieses scheinbar einfache Glücksrezept wurde in der Folge das Geld zum Maß aller Dinge. Fortan galt: Je mehr ein Mensch verdient, umso besser für ihn. Zählen ist schließlich einfacher als den Menschen in die Herzen zu schauen, um herauszufinden, was sie wirklich glücklich macht. Im 19. Jahrhundert formulierten die Utilitaristen die These „Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“. Als Väter dieser Philosophie des Glücks gelten John Stuart Mill und Jeremy Bentham. Sie waren überzeugt, dass „das Glück der Allgemeinheit die Summe allen individuellen Glücks“ sei. Mill vertrat sogar die Ansicht, dass das Prinzip des größten Glücks auch die Grundlage der Moral ist. Die Aufgabe des Staates dabei sei es, das maximale Glück für die maximale Zahl an Personen zu erreichen.


Mehr ist nicht gleich mehr


Photo: Georg11

Auch der britische Philosoph Bertrand Russell beschäftigte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Frage nach dem Verhältnis der Gesellschaft zum Glück des Einzelnen. Er ging aber davon aus, dass das Glück der meisten Menschen, vorausgesetzt die elementaren, menschlichen Bedürfnisse sind befriedigt, von zwei Dingen abhängt: von ihrer Arbeit und ihren sozialen Beziehungen. Für Russell spielt die Gesellschaft eine zentrale Rolle für das Glück ihrer Individuen, denn in einer schlechten Gesellschaft seien die Menschen unglücklicher als in einer mit guter Gesellschaftsordnung. Ein großes Hindernis des menschlichen Glücksstrebens ist nach Russel die Furcht, da diese im täglichen Leben der meisten Menschen „eine größere Rolle als die Hoffnung“ spielt.


Der kalifornische Ökonom Richard Easterlin untersuchte in den 1970er-Jahren den Zusammenhang von Einkommen und Glück. Der Wissenschaftler beobachtete über einen Zeitraum von 25 Jahren das subjektive Glücksempfinden in 19 Ländern und fand so heraus, dass Menschen, trotz Einkommenszuwächsen nicht automatisch glücklicher wurden. Dieses Phänomen kennt die Wissenschaft heute als das „Easterlin Paradox“. Vor zwei Jahren stellte Easterlin erneut eine Studie vor, in der seine These bestätigt wurde. Mit seinem Team hatte er die Entwicklung in 37 Ländern über einen Zeitraum von durchschnittlich 22 Jahren untersucht und dabei erstmals auch Schwellenländer und osteuropäische Staaten im Übergang zur Marktwirtschaft einbezogen. Easterlins Fazit: „Wenn grundlegende Bedürfnisse gestillt sind, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück.“


Innere Quelle des Glücks


Photo: Priscilla du Preez

Eine These, die auch der österreichische Soziologe Ernst Gehmacher bestätigt. „Durch das Streben nach Geld geht das soziale Glück verloren“, meint der 93-jährige Wissenschaftler. Gerade in reichen Ländern, die Vergnügen hauptsächlich im Konsum finden, gingen die „inneren Quellen des Glücks verloren“, so Gehmacher. Es sei ein Tanz ums goldene Kalb. Doch die neuen Götzen, die uns von Werbung und dem gerade angesagten Lifestyle diktiert werden, stehen auf tönernen Füßen. Das zeigt sich in der aktuellen Wirtschaftskrise. Dennoch ist es schwierig, Glück zu kategorisieren, denn „dafür haben wir noch keine Maßstäbe entwickelt“, meint der Sozialwissenschaftler.


Um das Glück dennoch beschreiben zu können, nennt Gehmacher drei Bereiche: „Erstens geht es um Leidvermeidung, z.B. in der Medizin oder bei der Krankenpflege und -Betreuung. Des Weiteren steht die Befriedigung unserer Bedürfnisse im Mittelpunkt. Wir sind soziale Wesen, wissen aber vielfach nicht mehr, was Liebe ist. Und drittens brauchen Menschen eine innere Entfaltung und Sinnfindung. Das kann sowohl im sozialen, politischen als auch religiösen Kontext geschehen“, erklärt Gehmacher. Große Revolutionen seien dabei allerdings nicht zu erwarten.


Photo: Jonathan Saavedra

Situationsabhängig und relativ


„Glücklichsein kann nicht verordnet werden“, ist der Soziologe überzeugt. Er glaubt nicht an die Diktatur des Glücks, sondern an die Kraft kleiner Gruppen. „Hier gibt es noch ein großes Entwicklungspotential. Es gibt substantielle Minderheiten, die das Glück richtig verfolgen.“ Eine durchwegs optimistische Haltung in Bezug auf das Glück vertritt der Soziologe Roland Girtler. Das Glück ist seiner Ansicht nach situationsabhängig und darüber hinaus relativ. Ein Kranker wird seine Genesung als Glück empfinden, wohingegen ein Gesunder mitunter durch einen Schnupfen aus der Bahn geworfen werden kann. Glück hänge aber auch davon ab, wo ein Mensch seine Ziele sieht und schließlich auch davon, was er sich wünscht.


Es sei „wie in dem Märchen vom Bauernburschen, der unter einem Apfelbaum liegt und auf seine Liebste wartet. Ungeduldig wünscht sich der Bursche, dass sie endlich da wäre, da taucht plötzlich ein Zwerg auf, der dem jungen Mann einen Knopf annäht, an dem er nur zu drehen braucht, um sich alle Wünsche zu erfüllen, was der Bursche dann auch macht. Kaum ist die Geliebte da, wünschen sie sich einen eigenen Hof. Kaum ist der Hof da, wünscht sich das Pärchen Kinder und so weiter und so fort, bis der junge Bauernbursch alt geworden ist und sich nur mehr eines wünscht: Die Zeit zurückzudrehen, weil alles zu schnell gegangen ist und der Mann erkennt, dass das Warten eigentlich schöner gewesen ist als die allzu schnelle Erfüllung der Wünsche.


Aber just in diesem Moment reißt der Knopf ab und der (noch immer) junge Bauernbursche wacht auf. Nun kann er das Warten erst richtig genießen.“ Vielleicht verhält es sich im wirklichen Leben mit dem Glück ja auch so wie im Märchen.

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