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Geswiped, geliked, ge-nie-mehr gehört

Beziehungsaufbau via Algorithmus

Von Hanna S. Orell


„It’s a Match!“, zeigt der Bildschirm in geschwungener Schrift und zwei kleine, runde Fotos erscheinen nebeneinander am Handydisplay. Die Liebe des Lebens? Wohl kaum, nur ein weiteres „Like“ in der Sammlung – Nummer 63 um genau zu sein.


Es ist Donnerstagabend, Markus und Tarek gehen nach einem langen Arbeitstag noch in eine Bar, um ein bisschen abzuschalten. Und vielleicht ist ja auch noch das ein oder andere Gespräch mit einer spannenden Dame drinnen. Bei einem Getränk analysieren sie die Lage im Raum und die Radarbrille scannt potentielle Frauen, die ihnen gefallen. Nach ein, zwei Drinks gehen lockere Sprüche auch schon leichter von den Lippen, was bei der Kontaktaufnahme durchaus förderlich ist. Der Abend verläuft gut, einige gute Gespräche ergeben sich und am Ende des Tages hat Tarek ein Date und Markus eine Nummer in der Tasche.


Photo: Tommy Tong

Tinderella statt Cinderella


Und nun ein Sprung. Wir sind 15 Jahre später, im Jahr 2019 um genau zu sein. Millennials werden das geschilderte Szenario vielleicht nur noch aus Filmen kennen. Denn „Liebe nach Algorithmus“ heißt es heute. Es wird nach links und nach rechts geswiped, die Persönlichkeit wird nach maximal 500 Zeichen (die jedoch kaum jemand voll nutzt) und ein paar Fotos beurteilt und die romantische Vorstellung heißt nicht mehr Cinderella, sondern „Tinderella“.


Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Glaube an die Liebe verloren gegangen ist. Ganz im Gegenteil – viele Studien zeigen, dass die Liebe in unserer Spätmoderne wieder an Bedeutung gewonnen hat, vor allem auch für die ontologische Sicherheit, also das Urvertrauen in die Gesellschaft.


Photo: Erik McLean

Die romantische Vorstellung der Liebe


Noch nie war der Beziehungsstatus dafür so wichtig wie heute. Unsere Leistungsgesellschaft spielt hier eine zentrale Rolle, denn nicht nur im Beruf geht es darum, mit harter Arbeit etwas zu verdienen, sondern auch in Beziehungen. Die große Liebe fällt uns nicht mehr zu, sie passiert nicht zufällig. Nein, man muss sie sich ebenfalls verdienen. Und hat jemand keine Beziehung, ist die Angst mangelnder sozialer Anerkennung groß.


Ein Dilemma, in dem wir uns befinden: Denn ist verlieben nicht ein Gefühl, eine Emotion, der man sich hingibt? Doch wie soll das möglich sein, wenn wir Checklisten führen, Interviews, die eher an ein Bewerbungsgespräch erinnern und uns fragen, welche Eigenschaften zu unseren eigenen passen und wie die Zukunft so gemeinsam bestmöglich geplant werden kann. Geplant, wie To-Do-Listen und Ziele, jedoch nicht gelebt. Und genau hier knüpft Online-Dating an.


Photo: Austin Distel

Der Tanzsaal der Gesellschaft


Nicht nur Wirtschaft und Technologien werden immer schnelllebiger, sondern auch die Sichtweise auf Beziehungen. Wir haben keine EhepartnerInnen, von denen wir uns nicht scheiden lassen können, sondern LebensabschnittspartnerInnen. Der offenere Umgang mit Sexualität und die allgemeine Sexualisierung in der Gesellschaft fördern flüchtige Sexualbekanntschaften, welche eben sehr häufig bei Tinder gesucht wird.


Jean-Claude Kaufmann nennt unsere gesamte Gesellschaft einen „Tanzsaal“, womit er meinte, dass man heute über das Internet genauso schnell zu einer/m SexpartnerIn kommt, wie früher in einem Tanzlokal zu einer/m TanzpartnerIn.


Photo: Charles

Wie und warum wird Online-Dating genutzt?


Betrachtet man das aus dieser Perspektive, kommt natürlich schnell der Konsumgedanke in den Kopf. Liebe wird konsumiert, wie ein Fertiggericht, das in die Mikrowelle geschoben wird.

Doch Online-Dating ist nicht gleich Online-Dating. Zahlreiche Studien zeigen die Unterschiede in der Nutzweise dieser Plattformen. Online-Partnervermittlungen, wie Parship, werden von Frauen marginal häufiger genutzt als von Männern und das Durchschnittsalter beträgt hier 41 Jahre.


Bei Online-Kontaktbörsen, die meist kostenlos sind, ist der Anteil an Männern etwas höher und das Durchschnittsalter ist um 10 Jahre niedriger und liegt bei 31 Jahren. Social-Dating-Angebote, wie das bereits erwähnte Tinder, wird vor allem von jungen Erwachsenen zwischen 16 und 26 Jahren genutzt. Letztgenanntes eignet sich perfekt für schnelle Sexbekanntschaften und lockt mit keinen großen Versprechungen. Die sehr bekannte Partnervermittlung Parship hingegen wirbt mit der „11-Minuten-Lüge“.


Die Biologie ist schuld!


Die Kommunikation passiert in erster Linie via Nachricht, wobei nur 16 Prozent aller Erstkontakte beantwortet werden. Von diesen 16 Prozent schafft es nur ein Bruchteil zu einem „in-persona“-Treffen, wobei hier Frauen zurückhaltender sind und vorab längeren Kontakt benötigen. Ebenfalls bekannt ist, dass Männer eine aktivere Haltung beim Online-Dating haben und dem ansozialisierten Zwang unterliegen, den ersten Schritt machen zu müssen. Diese veraltete Vorstellung der Geschlechterrollen macht diese Plattformen zu einem Nährboden für Missbrauch, so Whitney Wolfe, Mitbegründerin von Tinder und CEO von Bumble. Dies könnte auch daran liegen, dass Männer und Frauen Online-Dating anders nutzen.


Photo: Sebastian Letorre

Während Männer sich bestätigt fühlen, wenn sie viele SexualpartnerInnen haben, reicht für die Steigerung des Selbstwertes einer Frau die Anzahl der Matches und Dates. Hier könnte der biologische Aspekt eine nicht unwichtige Rolle spielen. Die Fortpflanzung ist für Frauen eine heikle Angelegenheit und geht mit Schwangerschaft, Geburt und Sorge für Nachkommen einher. Männer hingegen können ihre Spermien ohne große Sorgen und Gedanken verbreiten. Dies war biologisch gesehen immer so und ist auch aktuell nach wie vor der Fall.

Dies zeigt sich auch an der Wisch-Tätigkeit von Männern und Frauen. Erstere Spezies „swiped“ beinahe 100% nach rechts, also in Richtung Match. Letztere Spezies ist mit der „Like-Vergabe“ weit nicht so großzügig. Wie Männer das erklären? Sie haben die Befürchtung, keine Matches zu erhalten, sind sie wählerisch. Natürlich führen die Matches auch zu Selbstbestätigung. Da aber in den meisten Fällen attraktive Personen, egal ob Frau oder Mann, Matches erhalten, entsteht quasi dasselbe Phänomen wie in der tatsächlichen sozialen Gesellschaft: attraktive Menschen haben es scheinbar leichter.


Photo: Gary Tresize

Den Frosch geküsst – wo ist mein Prinz?


Es ist ein Match, sie finden sich wahnsinnig attraktiv und haben viele Gemeinsamkeiten. Das Gespräch via Chat verläuft perfekt und Gefühle werden via Emoticons ausgedrückt. Das erste persönliche Treffen steht an, die große Liebe kann kommen. Doch dann das Niederschmetternde. Ja, er gefällt mir und ja, er ist nett, aber eben nicht mehr. Wie kann das sein, dass der Funke nicht überspringt, obwohl er doch beim Schreiben so stark vorhanden war. Es war perfekt, und doch platzt die Blase der Wunschvorstellung. Wie können sich die beiden nur so sehr getäuscht haben?


Die sogenannte „Codierung der natürlichen Emotionen“ macht es möglich. In der textbasierten Kommunikation können Gefühle schnell inszeniert werden, ganz unbewusst natürlich. Die Darstellung des Selbst wird beschleunigt und eine Selbstoffenbarung geschieht oft innerhalb kürzester Zeit. Dies verursacht oftmals eine Idealisierung, welche die potentielle Partnerin oder den potentiellen Partner auf ein Podest hebt. Das ist tückisch, da es sich um keine reale Intimität handelt – denn diese braucht Zeit und zwischenmenschlichen Kontakt, um aufgebaut zu werden.


Photo: Aziz Acharki

Diese Form des Datings ist im Vergleich zum Face-to-Face Kennenlernen auf eine sehr rationale Ebene reduziert. Die Intimität ist bis zu einem gewissen Grad vorgetäuscht, die Erwartungshaltung an das erste Treffen ist dadurch übersteigert und die Wahrscheinlichkeit, dass die selbst konstruierte Vorstellung, die meist viel mehr mit der eigenen als mit der anderen Person zu tun hat, tatsächlich zutrifft, ist äußerst gering bis nicht vorhanden.


Warum es trotzdem funktioniert? Es macht Spaß, es ist unverbindlich und die eigenen Anteile können perfekt auf das Gegenüber, das vorerst auf einem Algorithmus basiert, übertragen werden. Und natürlich weil wir alle zumindest eine „Tinder Happy End Story“ kennen. Also swipen wir fleißig weiter, bis wir selbst zu dieser Happy End Story werden.

Links:

Wera Aretz: Date me up. Ein Vergleich von Online-Dating-Portalen.

Wera Aretz: Match me if you can: Eine explorative Studie zur Beschreibung der Nutzung von Tinder

Hug R.: Sehnsuchtsort Tinder- Was Männer und Frauen tatsächlich mit Tinder treiben. SRF Schweizer Radio und Fernsehen

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