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Revolution in der Sowjetunion

Anselm Schindler

#FEATURE #KAPITALISMUS


Die Oktoberrevolution 1917 sollte die alten Eliten stürzen und eine Alternative zum Kapitalismus schaffen, aber mündete schon nach wenigen Jahren in der Diktatur. Warum? Wir haben mit der Autorin Bini Adamczak und dem Blogger Fabian Lehr über die jungen Jahre der Sowjetunion gesprochen. Adamczak gehört zu den linken Kritiker*innen der Politik Lenins, Lehr zu denen, die ihn verteidigen.


Photo: Cullan Smith

Russland im Januar 1917: Der 1. Weltkrieg hat das Land ausgeblutet, die Wirtschaft liegt am Boden, Hunger macht sich breit. Deutsche Kaisertruppen stoßen immer weiter ins Landesinnere vor. Vor diesem Hintergrund jagen im Februar 1917 bürgerliche Kräfte und Kommunist*innen gemeinsam den Zaren davon. Einige Monate lang besteht eine revolutionäre Doppelherrschaft aus einem bürgerlichen Parlament und Räten der Arbeiter*innen und Soldat*innen. Doch viele Menschen sind unzufrieden mit den Bürgerlichen und ihrem Parlament, weil es den 1. Weltkrieg weiter in die Länge zieht: „Die russischen Soldaten waren immer weniger bereit, sich noch zu Hunderttausenden in einem Krieg umbringen zu lassen, der offensichtlich nicht mehr zu gewinnen war“, erklärt Fabian Lehr die Situation von damals. Lehr lebt in Wien, ist Blogger und dient vielen Linken als Referenzpunkt, wenn es um marxistische Gesellschaftsanalyse und Revolutionstheorie geht.


Photo: Tengyart

"Ensemble von Mikrorevolutionen"


„Es kam zu massenhaften Desertionen, Befehlsverweigerungen und Meutereien." Zudem wollen sich die Bauern endlich von der Knechtschaft durch die Großgrundbesitzer befreien und die Arbeiter bestreiken die Fabriken gegen die brutale Ausbeutung. Das ist die Grundlage, auf der sich die Kommunist*innen zur treibenden Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung mausern. Doch die Oktoberrevolution ist mehr als nur der Griff der Kommunist*innen nach der Macht. Die Geschichte von 1917 sei kein linearer Prozess, wie das teilweise auch in der sowjetischen Geschichtsschreibung dargestellt ist, ist Bini Adamczak überzeugt. Sie lebt in Berlin, beschäftigt sich mir queerer Theorie und dem Realsozialismus und hat u.a. ein Kinderbuch über den Kommunismus geschrieben, das in den USA für wütende Furore liberaler Hater sorgte. Adamczak bezeichnet die Revolutionsphase von 1917 als „Ensemble von Mikrorevolutionen“. In ihrem Buch „Beziehungsweise Revolution“ beschreibt sie die die russische Gesellschaft von damals als eine Gesellschaft im Aufbruch: „Bäuerinnen verhafteten ihre Priester, Hausangestellte zogen in die großen Wohnzimmer und verbannten ihre vorigen Herrinnen in die kleinen Kammern, sogenannte Frauen rasierten sich die Haare und forderten gleichen Lohn, Prostituierte traten in den Streik und Soldatinnen forderten in Solidarität mit streikenden Arbeiterinnen den Achtstundentag“.


Im Oktober 1917 (nach julianischem Kalender), nur wenige Monate nach der bürgerlichen Revolution, erobern die Bolschewiki die Macht. Sie sind der radikale Flügel der damaligen russischen Sozialdemokratie und ihr bekanntester Wortführer ist Wladimir Iljitsch Lenin. Die Bolschewiki setzen auf die Unterstützung der Bauern und darauf, dass die Arbeiter – und zunehmend auch Arbeiterinnen in den Fabriken Sowjets, Räte aufbauen. Sie sollen das Rückgrat des neuen Staates bilden. Gleichzeitig errichten die Bolschewiki aber eine Einparteienherrschaft, alle fortschrittlichen Bewegungen und Klassen sollen sich hinter den Kommunist*innen vereinen, um endlich Frieden mit Deutschland zu schließen, den 1. Weltkrieg zu beenden – aber auch, um geschlossen gegen reaktionäre Kräfte vorzugehen. Denn der Sowjetstaat befindet sich nicht nur im Krieg mit dem Deutschen Reich, sondern auch mit reaktionären Kräften innerhalb Russlands. Es sind Zaristen, Antikommunisten und Rechte, sie wollen die Uhr zurückdrehen und planen einen Umsturz.


Roter Terror


Photo: Valentin Salja

Die Einparteienherrschaft verspricht Lenin, sei in dieser kritischen Phase notwendig, aber wenn der Sozialismus erst einmal gesiegt habe, werde die Führung durch die kommunistische Partei unnötig, dann würden die Räte die Geschicke der Gesellschaft in die Hand nehmen. Nach der Revolution lösen die Bolschewiki ihr Versprechen, endlich Frieden zu schaffen, ein. Lenin schickt Millionen von in Uniformen gesteckte Bauern von der Front nach Hause. Doch die Friedensverhandlungen zwischen den Bolschewiki und dem Deutschen Reich führen in der jungen Sowjetunion zum Streit bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Linken. Viele empfinden den Rückzug als Schmach, auch wenn er viele Menschenleben rettet. Es kommt zu Protesten und Attentaten auf Lenin, der den Widerstand rigoros niederschlagen lässt. Es ist der Beginn des „Roten Terrors“, der sich nicht nur gegen linke Dissidenten und rechte Kräfte richtet, sondern bald auch schon gegen aufmüpfige Teile der Arbeiterschaft. Diese streiken, weil sie mit der wirtschaftlichen Lage unzufrieden sind. Lehr verteidigt die Repression der Bolschewiken als als „traurige Notwendigkeit“. Notwendig, um die junge kommunistische Regierung durch die Wirren des Bürger*innenkrieges zu führen und einen Frieden mit Deutschland nicht zu gefährden.


Im Februar 1921 wird der Sowjetstaat vor eine neue Zerreißprobe gestellt. Es liegen bereits vier Jahre Bürgerkrieg hinter Russland. Und die Revolution hat viele Menschen enttäuscht, die sich nach mehr Freiheit und einer Demokratie von Unten sehnten. Immer wieder kommt es in den Städten zu wilden Streiks und Protesten. Nicht gegen den Sozialismus (mehr für ihn), aber eben für einen „richtigen“, demokratischen Sozialismus. Unter denen, die gegen die Führung der Bolschewiki aufbegehren, sind viele, die im Februar und Oktober 1917 noch an der Seite Lenins gekämpft hatten. Sie sehen ihre Ideale verraten. Auch in Kronstadt, nahe der russisch-finnischen Grenze, regt sich Protest: Die Kronstädter Matrosen, viele von ihnen überzeugte Kommunisten, schließen sich dem Aufruhr gegen die Bolschewiki an. Sie stellen Forderungen auf: "Freie Wahlen! Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für Arbeiter und Bauern!" sowie „Alle Macht den Räten – Keine Macht der Partei!“ Leo Trotzki, der damals die Rote Armee anführt, schickt Truppen nach Kronstadt, die den Aufstand niederschlagen. Insgesamt sterben auf beiden Seiten mehrere tausend Menschen.


Photo: Clem Onojeghuo

Enttäuschte Hoffnung


Es sei wahrscheinlich, dass Agenten imperialistischer Mächte versucht hätten, diese Bewegung zu infiltrieren, und „ganz sicher, dass man in allen imperialistischen Regierungen auf ihren Erfolg hoffte“ schätzt Lehr die Situation von damals ein. Die Mehrheit der Kronstädter Rebellen seien wohl aber „aufrichtig davon überzeugt gewesen, dass sie die wahren Erben der Revolution seien, die deren Errungenschaften gegen die Verräter Lenin und Trotzki verteidigen müssten“. Trotzdem findet Lehr die Niederschlagung richtig. Denn eine Ausweitung der Rebellion hätte die Sowjetunion ins Wanken gebracht und in einen neuen Bürger*innenkrieg geführt. Adamczak bewertet die Situation anders. Denn 1921 sei der Bürger*innenkrieg für die Roten bereits gewonnen gewesen. Nach Adamczaks Lesart hätten die Bolschewiki die Einparteienherrschaft an den Nagel hängen und mit den Kronstädter Matrosen in Diskussion treten können, anstatt zu schießen. „Es war eine Situation, in der die Menschen neue Hoffnung hatten und genau diese Hoffnung wurde von den Bolschewiki enttäuscht.“


Ein Jahr nachdem die Matrosen aufbegehrt hatten, wird Josef Stalin Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Er wird Russland nicht nur mit harter Hand führen, sondern auch endgültig mit den Idealen der Oktoberrevolution brechen. Hatte es so kommen müssen? Hatten die äußeren Umstände der kommunistischen Führung keine andere Wahl gelassen? Diese Fragen beschäftigen Linke bis heute. Sowohl Lehr als auch Adamczak plädieren in diesem Zusammenhang für eine kritische Aufarbeitung und eine Geschichtsschreibung, die klar macht, dass die Geschichte nicht determiniert, sondern offen ist. So wie in der Sowjetunion, wo es immer wieder „die Möglichkeit auf Umkehr zu einem solidarischen Sozialismus“ gegeben habe, wie Adamczak sagt. Vor Kronstadt, nach Kronstadt, vor Stalin und nach ihm.


Das birgt auch einen offenen Möglichkeitshorizont für das Hier und Jetzt: Nicht obwohl, sondern gerade weil die Geschichte der Sowjetunion in der Diktatur endete, warten die Forderungen und Ideale der Revolutionär*innen von 1917 immer noch auf ihre Umsetzung.



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