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Flaco de Nerja – Ein Portrait

Flamenco. Unendliche Weiten

von Jannis Raptis


Es sind die rhythmischen Schläge des Cajón und das Scheppern von High Tension Gitarrensaiten, die Flaco de Nerja den Weg ebnen. Sein Leben: Flamenco. Seine Absicht: Klar, wie der Horizont Andalusiens.


Flaco de Nerja, zu Deutsch: „Der Schlanke aus Nerja“, ursprünglich slovakischer Herkunft, geboren unter dem Namen Branislav Krajco, hat sich seit Kindesalter gänzlich der Musik verschrieben. Aufgewachsen mit Klassik, Jazz und der Musik der Roma, findet er seine wahre Liebe bereits in frühem Alter in der Flamenco-Musik, als er zum ersten Mal den Titanen Paco de Lucía hört. Diese Begegnung soll nicht nur sein musikalisches Schaffen, sondern sein ganzes Leben entscheidend beeinflussen.


Photo: Val Vesa

Schnell wird klar, dass kein Weg an der Gitarre vorbeiführt. Und Gott weiß, das ist ein steiniger. Umso steiniger der Weg des Flamenco, einer der Königsklassen der akustischen Gitarren. Eine Disziplin, die nichts anderes zulässt außer sich selbst. Kurz: Alles oder nichts. Flamenco oder Nicht-Flamenco. Entweder man spielt oder man spielt nicht. Flaco de Nerja entscheidet sich, zu spielen.


Flamenco ist seine Bestimmung


Recht bald erschließt sich ihm, dass die Gitarre sein Leben leiten wird. Der Flamenco ist seine Bestimmung. Kein Beruf, sondern eine Berufung. Eine Stimme, heiser und voll Schmerz, dringt aus dem Südwesten zu ihm und ruft ihn zu sich. Mit seiner Gitarre am Rücken und dem Blick felsenfester Entschlossenheit lässt er alles und jeden zurück und begibt sich nach Spanien.


War zuvor die Autodidaktik sein Weg, lernt er nun von den Besten der Besten und vertieft seine Studien. Untertags übt er sich die Finger blutig, nachts spielt er mit den Gitanos, den Andalusiern, die vom Flamenco geboren und von jenem ins Grab getragen werden. Er erlernt Sprache und Gepflogenheiten, wird zu einem von ihnen. Flaco nimmt jene Identität an, die seit jeher die Seine war und nur auf ihn gewartet hat. Er verschmilzt mit dem Flamenco, internalisiert ihn und lässt sich von ihm einnehmen, wie ein Kind, das zu seiner Mutter zurückkehrt. Er ist dort, wo er immer hingehört hat. Das beweist auch sein Aufstieg in die Finalrunde des wichtigsten Flamenco-Wettbewerbs in Spanien, des Concurso Nacional del Arte Flamenco de Cordoba. Spanien und der Flamenco sind nun seine Heimat, die Gitanos seine Familie.


Photo: Benedict Park

Der süße Duft des Durchbruchs


Angefeuert von den Flammen des Flamenco und dem Einbruch des neuen Jahrtausends, begibt Flaco sich auf Tour. Alles ist da: Album, Band, Management und der süße Duft des Durchbruchs. Der Künstler spielt auf der ganzen Welt, schreckt nicht davor zurück, diesen Weg zu gehen, den Weg der Ungewissheit, den Weg des tourenden Musikers. Er lernt die Welt kennen, spielt sich in die Herzen der Menschen, verbringt Zeit in Paris und Südamerika, vergisst jedoch niemals, wo er zu Hause ist. In Spanien. Genauer: Südspanien, einem Städtchen namens Nerja, nur unweit von Málaga. Dort, wo alles begann.


Eine reisende Ikone


Photo: Stéphan Valentin

Das Leben von KünstlerInnen ist in vielerlei Hinsicht anders. Ein gemeinsamer Nenner dieser Faktoren, die den meisten Menschen schwer verständlich sind, ist die nicht vorhandene Sicherheit. Das Leben wird gelenkt von Inspiration, Leidenschaft und Schmerz. Hochs und Tiefs wechseln sich viel intensiver ab, als in jedem anderen Beruf. Es ist alles oder nichts.


Routine ist der Tod, Kompromiss die Hölle. Identität und Arbeit sind zu eng miteinander verflochten, um sie voneinander zu trennen. All das spiegelt sich oftmals in der Tätigkeit des Reisens, im Fehlen jeder Sesshaftigkeit wieder. Und wie das Leben so spielt, geht auch Flacos Reise weiter.


Er lernt eine Frau kennen, die er später heiraten soll. Eine Österreicherin, die, genau wie er, den Flamenco liebt und – in ihrem Falle – nicht spielt, sondern tanzt. Aus dem andalusischen Flamenco-Kaleidoskop, im Taumel des kunterbunten Deliriums, geht es nun nach Wien, Österreich.


Weitere Höhepunkte folgen


Gemeinsam mit seiner Frau, der Tänzerin Sandra la Chispa, macht Flaco es sich zur Aufgabe, in Österreich Fuß zu fassen. Schnell erobert das romantische Duo landesweit die wichtigsten Bühnen. Was in Österreich gefehlt hat, gibt es nun auf höchstem Niveau: Eine originelle Flamenco-Show mit allem, was dazu gehört: Tanz, Gitarren und hochkarätige Gäste aus Spanien. Zusammen gründen Flaco und Sandra das Flamenco Festival in Wien. Eine Herkulesaufgabe, die sich jedoch bezahlt macht und dem österreichischen Publikum einen Einblick in den originalen, puren Flamenco aus Spanien ermöglicht.


Photo: Dolo Iglesias

Doch auch hier endet Flacos Wirken nicht. Parallel zu seinem Solo-Projekt kollaboriert er mit etlichen Musikern der internationalen Musikszene, von dem Barockorchester „L’Arpeggiata“, dem „Timna Brauer und Elias Meiri Ensemble“, dem „Janoska Ensemble“, der Moskauer Philharmonie bis hin zu zahlreichen spanischen Giganten der Flamencoszene wie beispielsweise Antonio Rey, Antonio Sanchez oder Lucia Ruibal. Weitere Höhepunkte sind seine Opening Sets für das Jorge Pardo Trio oder die "Gipsy Kings" sowie sein live im nationalen französischen Radio und Fernsehen ausgestrahltes Konzert „Hommage a Paco de Lucía“.


Er wird des Spielens nicht müde, er verkörpert den Flamenco wie er leibt und lebt. Alle Wege führen dorthin zurück. Zum Flamenco. Zur Musik.


Photo: Paula May

Ein schwerer Weg


Wege. Straßen. Spaziergänge. All das steckt in dem Wort Paseos, dem Titel seines neuen Albums. Es ist ein Zyklus aus Kompositionen, die, wie Flaco selbst bestätigt, "eine äußerst persönliche Bedeutung haben." Das Album handelt von jenen Straßen, die Flaco auf der Suche nach sich selbst begangen ist, nach dem Sinn des Lebens und der Herkunft des Mysteriums, welches sich Musik nennt. Es sind endlose Straßen, manche ließen sich spazieren, andere wurden auf allen Vieren begangen. Manche führten zu offenen Türen. Puertas abiertas, wie das erste Lied des Albums, ein bewegter Flamenco Tango, heißt.


Andere führten ins Nirgendwo und waren nichts als Leidenswege – zu hören in der herzzerreißenden Soléa namens Duquelas. Ein Wort, das von den Gitanos stammt und sich zu deutsch nicht direkt übersetzen lässt und bestenfalls als „enormes Leiden“ oder „Hässlichkeit der Welt“ beschrieben werden kann. Nicht zuletzt auf Grund der Diskriminierung, die die Gitanos jahrelang ertragen haben, ist dieses Wort in der Flamencokultur entstanden. Flaco entscheidet sich, ausgerechnet eine Soléa so zu taufen, da es sich bei der Soléa um die älteste Flamencofigur handelt.


Neben offenen Türen und zahlreichen Enttäuschungen bringt das Leben jedoch auch ganz klar wundervolle Geschenke und persönliche Überraschungen mit sich. Für seine Frau und seine beiden Töchter schrieb und nahm Flaco die Lieder A tu vera (Rondeña), My Sweet Alba (Bulerías) und Little Angel Nat (Alegrías) auf.


Inspiriert von der Idee des Gesamtkonzeptes, aber auch für die vielen Musiker, die ihn auf seinem Weg begleiteten oder kreuzten und dabei zu guten Freunden wurden, schrieb Flaco die Flamenco Rumba Paseos. Hierbei handelt es sich um ein klar erkennbares Crossover des Jazz, dem Nuevo Flamenco, für den Flaco eine besondere Liebe hegt.


Und doch bleibt er seinen Wurzeln stets treu. Er kennt die Ursprungsform des Flamenco, kennt die verschiedenen Compás (Rhythmen) wie seine Westentasche und huldigt den alten Meistern und dem Genre als solches wie kein Anderer. Das wird klar erkennbar in der Bulerías Sinceridad (Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit). Ein ehrlicheres Statement zum Flamenco puro konnte Flaco nicht geben.


Das Album „Paseos“ ist der persönliche Erlebnisbericht eines Mannes, der sein Leben lang auf der Suche ist. Auf der Suche nach Antworten und Wahrheit. Flamenco. Unendliche Weiten.

Links

Flaco de Nerja - Official Website

YouTube-Clip: Flaco de Nerja - Guitarra flamenca

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