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Ein zweites Leben?

Die Mängel in der österreichischen Trans*medizin

Eva Rottensteiner

#FEATURE #KÖRPER #DIVERSITY


Menschen mit Transidentität sind besonders auf medizinische Behandlungen angewiesen, um endlich ihre wirkliche Geschlechtsidentität leben zu können. Der Weg dorthin ist ein langer und steiniger. Vier Trans*frauen erzählen von ihren Erfahrungen mit dem österreichischen Gesundheitswesen.


Photo: Sharon Mccutcheon

Irina (30) hatte zuerst eigentlich einen Männernamen. Weil sie diesen Namen aber abgrundtief hasst, wird der hier auch nicht erwähnt. Sie ist eine von vielen Menschen weltweit, die mit dem falschen Geschlecht geboren werden. Denn tief in ihrem Inneren war Irina schon immer eine Frau, wenn auch im Körper eines Mannes. Irina ist Transgender. Nach ihrem dritten Suizidversuch vor vier Jahren wusste sie, dass sich etwas ändern muss: Sie hat sich für eine Hormonbehandlung entschieden und die Transition zur Frau begonnen. Für viele Trans*personen ist die Medizin eine wichtige Anlaufstelle, um endlich ihre wahre Identität leben zu können. In Irinas Fall war diese Behandlung lebensrettend. Doch wie in vielen anderen Situationen des täglichen Lebens, sind Trans*personen auch im Gesundheitsbereich mit Marginalisierung und Diskriminierung konfrontiert.

Trans*Expert*innen sind Mangelware

Ein fundamentales Problem der Trans*Medizin in Österreich ist schnell erklärt: Sie existiert kaum. Es gibt viel zu wenige Kassenärzt*innen, die sich in dem Bereich auskennen. „Ärzte, die für Trans*personen qualifiziert sind, kann man auf einer Hand abzählen“, sagt Stefanie Stankovic (28) aus Wien. Sie hat ihre Hormontherapie vor acht Jahren begonnen und erledigt ihre Arztbesuche immer in der Transgender-Ambulanz im Wiener AKH. Auf einen Ersttermin müssen Neuankömmlinge dort schon mal bis zu sechs Monate warten. Wenn man sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt, ist das eine ziemlich lange Zeit. Erst recht, wenn man berücksichtigt, wie viele ärztliche Visiten noch folgen, bis man endlich auf der Warteliste für eine operative Geschlechtsangleichung ist.


Ein solcher operativer Eingriff wird nur am Wiener AKH durchgeführt.* Irina Seebacher lebt in der Steiermark und ärgert sich über die mangelhafte medizinische Versorgung. Zumindest könne man sich auf der Trans-Ambulanz am Grazer LKH die Hoden entfernen lassen, was aber auch schon das Höchste der Gefühle sei. Seebacher bezeichnet die wenigen Ärzt*innen mit Expertise als Trauerspiel, was sich letztlich auch negativ auf die Betroffenen auswirkt. Die Warteliste für die Operation ist lang. Wer es sich leisten kann, geht nach München oder Thailand - hier gibt es Expert*innen auf dem Gebiet. Der Haken dabei: Eingriffe außerhalb Österreichs werden nicht von der Gesundheitskasse übernommen. Außerdem kann man dann auch keine Korrekturen vornehmen lassen, falls erforderlich.

Irina trägt jetzt am liebsten Blumenröcke und Crop-Tops.

Ein weiter Weg bis zur Transformation

Bevor man seine Transformation, also die Umwandlung zum Mann oder zur Frau mittels Hormonen oder Operationen, angehen kann, muss man durch eine Odyssee von Visiten und Therapien. Zuerst wird je eine Diagnose von Psychiater*in, klinische*r Psychologe/Psychologin und Psychotherapeut*in benötigt. Danach folgen mehrere Behandlungsstunden bei allen drei Stellen, um die psychische und soziale Situation der Betroffenen zu verbessern. Erst nach einer urologisch-gynäkologischen Untersuchung, einem Risikoscreening und bei Bedarf nach einer endokrinologischen Untersuchung können Betroffene mit der Hormontherapie anfangen. Auch dann müssen Trans*personen kontinuierlich zu Ärzt*innen, um den Prozess zu kontrollieren.

Wer den Schritt zur operativen Umwandlung weiter geht, muss zuerst ein Jahr Hormone durchziehen und den eigenen Personenstand (sprich: den Namen) ändern. „Es ist mühsam, die eigene Geschichte jedes Mal von Null zu erzählen und sich immer erklären und beweisen zu müssen. Ich verstehe, dass Mediziner sichergehen möchten, aber irgendwie sollte man schon davon ausgehen, dass man als erwachsene Person weiß, was man will“, erzählt Letícia aus Tirol, welche hier nur mit Vornamen genannt werden möchte. Sie hatte oft den Eindruck, dass ihr Psychiater ihr nicht alles geglaubt hat und sie ihn überzeugen musste. Eine Transformation kann außerdem teuer werden. Hormontherapie und Arztvisiten sowie Operation werden zwar übernommen und psychologische Unterstützung gibt es auf Spendenbasis bei der Beratungsstelle "Courage" in Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck. Doch allein die Namensänderung kostete Seebacher 750 Euro. Neue Kleidung und weitere Behandlungen, wie die Bartentfernung, konnte sie sich nur leisten, weil sie auf ein Auto gespart hatte.

Photo: Elyssa Fahndrich

Diskriminierungen im Wartezimmer

Mobbing, verbale Übergriffe und sogar Gewalt gehören für viele Trans*personen zum Alltag. Auch bei Ärzt*innen ohne spezifische Expertise können unangenehme Situationen geschehen. Immer wieder kommt es zu Verwirrungen bezüglich des Geschlechts oder abweisenden Ärzt*innen. Stankovic hatte schon öfter das Gefühl, in einer Ordination nicht erwünscht zu sein: „Ich war aufgrund von Bauchschmerzen beim Allgemeinmediziner. Er meinte, es ist sicher die Periode, worauf ich ihm erklärte, dass ich keine habe, weil ich Transgender bin. Er wusste nicht einmal, was ich meine und sagte, er kenne sich mit sowas nicht aus“. Ihre Ärzt*innen hat sie deshalb mittlerweile so ausgesucht, dass sie LGBT-freundlich sind.

Auch Letícia wurde schon mal auf der Endokrinologie, die auch auf Trans*personen spezialisiert war, von der Sprechstundenhilfe lautstark mit einem „Das ist hier nur für Frauen“ darauf hingewiesen, dass sie hier falsch sei. Ein anderes Mal wollte ein Arzt sie nicht ins Besprechungszimmer lassen und sie musste ihm vor allen Wartenden Rede und Antwort stehen, weil er nicht zu verstehen schien, was das jetzt sein solle, so eine Geschlechtsanpassung. Letícia lässt sich deshalb nach Möglichkeit vom Innsbrucker Transgender-Zentrum an Expert*innen überweisen. „Viele Ärzte glauben, sie müssen sich nicht spezialisieren oder denken gar nicht daran. Wir sind eine marginalisierte Gruppe, uns vergisst man gern“, sagt Stankovic.

Es braucht eine gesellschaftliche Wende

Auch politisch ist sehr wenig Interesse für die Bedürfnisse von Trans*personen da. Viele haben den Eindruck, dass die Regierung in der Transgender-Medizin eher einspart. Für einen Ausbau des Wiener Transgender-Zentrums im Sinne einer Zusammenarbeit zwischen mehreren relevanten Abteilungen kämpft Sarah-Michelle Fuchs (47) mittlerweile seit 15 Jahren. Es habe immer wieder Beteuerungen von Arztstellen gegeben, aber von einem Ausbau sei nichts zu sehen. Im November 2019 war sogar die Rede von einer Schließung der Ambulanz. Sie selbst ist Psychotherapeutin in Wien und hat bis vor einiger Zeit in der Transgender-Ambulanz gearbeitet. Mit der Organisation "Transgender Team Austria" (TTA), in der sich Fuchs ehrenamtlich engagiert, startete sie deshalb eine Petition von 2.000 Unterschriften - die Überreichung wird durch die COVID-Krise allerdings verschoben.


Photo: Denin Lawley

In der neuen Version der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-11 wurde die Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ durch die Diagnose „Geschlechtsspezifische Abweichung“ ersetzt. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Entpathologisierung von Trans*personen. Fuchs ist aber überzeugt, dass solche Zugeständnisse nicht ausreichen: „Gesellschaftlich muss sich was tun. Für viele einfach denkende Leute wirken wir Trans*personen noch heute als abnormal und das gibt es natürlich auch im medizinischen Bereich.“ Irina Seebacher vermutet auch, dass sich die Änderungen sogar negativ auswirken könnten. Wenn es keine Diagnose mehr gäbe, dann werden Behandlungen vielleicht irgendwann nicht mehr von der Krankenkasse übernommen.

Irina ist froh, noch eine zweite Chance bekommen zu haben. Für sie war es ein Privileg, zu sich selbst finden zu können und noch einmal von vorne anzufangen. Und dieses Privileg wünscht sie auch anderen Betroffenen. „Viele trauen sich nicht zu dem Schritt und auch die Suizidrate ist exorbitant groß. Mein Appell an Betroffene ist, zu sich selbst zu stehen und den Traum zu leben und sich nicht unterkriegen lassen. Ich habe vorher eigentlich nicht wirklich gelebt und jetzt kann ich endlich mein Leben genießen.“



*Nachträgliche Ergänzung: auch ich der Wiener Rudolfsstiftung werden geschlechtsangleichende Operationen angeboten.

Infos

Transgender Team Austria (TTA): Trans-Ambulanzen in Österreich | online

TransX: Medizinische Informationen für Trans*personen in Österreich | online


Courage: kostenlose psychologische Beratungsstellen für Trans*personen | online


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