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Die sexuelle Wende

Sex Positivity zu Zeiten von Social Distancing

Lisa Kongas

#FEATURE #KÖRPER


Spätestens seit dem Auftauchen der Sex-Positive-Parties in der gewöhnlichen Nachtclubszene ist die Bewegung auch im allgemeinen Bewusstsein der Wiener*innen angekommen. Sex-Positivity ist en vogue - und das inzwischen nicht mehr ausschließlich in der Schwulenszene. Schon bevor Kollektive wie Hausgemacht" ihre Sex-Positive-Parties stärker in die Technoszene integrierten, gab es Veranstaltungsreihen wie den Meat Market", bei denen der Dark Room schon lange zur Grundausstattung gehörte.


Photo: Thought Catalog

Inzwischen fanden in Wien bereits einige Sex-Positive-Parties statt, die sich von Mal zu Mal an mehr Besucher*innen erfreuen. Die Sex-Positive-Bewegung ist trendy und Vögeln im Club plötzlich keine Sache mehr, die man aus Angst, von den nächsten Klogänger*innen entdeckt zu werden, schnell in der Kabine erledigt. Was wie eine erfolgreiche Kommerzialisierung und ein Aufleben von Swinger-Parties erscheint, birgt viel mehr, als nur ein sozial akzeptiertes, gemeinsames Schäferstündchen im Club: eine schleichende, aber präsente gesellschaftliche Wende in Sachen Sex findet statt.


Eigene Sexualität akzeptieren


Sex-Positivity ist, wie viele feministisch geprägte Begriffe, mehr, als der Name verspricht. Es ist zunächst eine Einstellung, die im eigenen Kopf anfängt und an der auch das Coronavirus nicht viel ändern kann. Sex-positiv zu sein bedeutet nicht, wie vielerorts angenommen, permanent und wahllos Sex zu haben und das am besten auf all seinen Social-Media-Kanälen zu promoten. Das kann es natürlich auch sein, wenn es das Anliegen der Person hinter dem Kanal ist. Sex-positiv zu sein bedeutet, sich zunächst einmal eigenständig und abseits aller gesellschaftlichen Erwartungen mit der eigenen Sexualität und den diesbezüglichen persönlichen Einstellungen auseinanderzusetzen und diese zu akzeptieren. Gleichzeitig soll Bewusstsein für die Diversität und das Auslegungsspektrum geschaffen werden.


Photo: Roman Khripkov

Akzeptanz, Respekt, Einvernehmlichkeit, Selbstbestimmtheit, Natürlichkeit und Bewusstsein für und von Sexualität, sind die Hauptanliegen der Sex-Positivity-Bewegung. Was keinen Platz mehr findet sind Verurteilung, Zwang, Grenzüberschreitungen, Objektifizierung und Stigmatisierung. Es gibt viele Arten, sex-positiv zu leben - manche davon sind öffentlich präsenter als andere. Sex-Positivity bedeutet zum Beispiel auch, anzuerkennen, dass jemand keinen Sex mag. Für viele ist das Thema etwas Intimes, für andere wiederum ist es wichtig, einen öffentlichen Dialog zu starten oder Sex-Positivity auch aktiv zu (be-)leben und beispielsweise mehrere Sexualbeziehungen auf einer respektvollen Ebene nebeneinander zu pflegen.


Sex und Body


Eng an Sex-Positivity ist auch das Thema der Body-Positivity geknüpft. Hierbei liegt das Augenmerk noch viel eindeutiger auf dem Körper und die sexuelle Komponente wird weniger beachtet. Es geht um Akzeptanz und ein positives Körperbewusstsein, bei dem sämtliche Verurteilungen ausgeklammert werden – also ziemlich genau um das Gegenteil, was uns (Männern wie Frauen gleichermaßen) – über sämtliche Kanäle zu vermitteln versucht wird. Die Leitsätze lauten: Jeder Körper ist schön, du bist perfekt so wie du bist. Fühle dich wohl und lass dir von niemandem etwas anderes einreden.

Body-Positivity erhielt im Verlauf der letzten Jahre viel Aufmerksamkeit und viele Medien und Konzerne haben zum Glück bereits gelernt, dass sie mit der Vermarktung eines Schönheitsideals nicht mehr im Trend liegen. Dennoch erlebt man Body-Shaming immer noch auf einer täglichen Basis, wogegen die Body-Positivity-Bewegung laut wird und einen Gegenpol schaffen will.


Photo: Jon Tyson

Positiv durch die Selbstisolation


Gerade die jetzigen Zeiten, in denen wir zu Hause bleiben und sich die meisten unserer sozialen Kontakte mit Online-Kommunikation begnügen müssen, sind für das Body-Shaming wieder ein gefundenes Fressen. An vielen Stellen liest man „witzige“ Kommentare und Beiträge, die sich darüber lustig machen, dass man nach der Quarantäne aus seiner Wohnung herausrollen muss, da man so viel zugenommen hat. Solche tollen „Witze“ sind leider alles andere als lustig und in Zeiten wie diesen noch schädlicher. Vor allem jetzt würde es uns allen extrem gut tun, Zuspruch und nette Worte füreinander zu finden, sich zu stützen und zu schützen und gegenseitig für unser emotionales und psychisches Well-Being zu sorgen. Zum Glück gibt es auch positive Beispiele, so hat es sich bei den Mitgliedern einer Pole-Dancing-Gruppe etabliert, sich gegenseitig mit kleinen Home-Videos in einer privaten Gruppe zu bestärken oder zu belustigen. Neben Zusammenhalt wird hier auch das Selbstbewusstsein und die gegenseitige Akzeptanz extrem gefördert.


Diese Zeit ist geprägt von digitaler Kommunikation und Alternativen zu unseren regulären Abläufen. So erfahren auch Plattformen wie "Cam4com" und "Chaturbate" momentan einen Aufschwung. Dass dies nicht an die realen face-to-face (oder eben body-to-body) Erfahrungen herankommt, steht außer Frage, aber auch hier heißt es, diese Zeit zusammen durchzustehen, gemeinsam die Restriktionen einzuhalten und sie dadurch so minimal wie möglich zu halten. Ein guter Zeitpunkt eigentlich, sich eingehender mit der eigenen Sexualität und seinem Körper auseinanderzusetzen und beides lieben zu lernen.

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