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Die Haut, in der ich wohne

Mit Skin-Positivity für mehr ungeschminkte Wahrheit

Patricia Kornfeld

#FEATURE #KÖRPER #HUMAN


Sie ist unser größtes Organ. Wir haben nur eine. Sie ummantelt Muskeln, Venen, Knochen und Organe, hält alles zusammen und schützt uns vor äußeren Einflüssen. Grund genug also, unserer Haut den nötigen Respekt entgegenzubringen. Doch liegt sie ständig auf dem Präsentierteller und ist unserem Urteil sowie den Bewertungen anderer rund um die Uhr ausgeliefert. Da ein Pickel, dort ein Pigmentfleck und hier – ach du Schreck – eine Narbe! Schon haben wir das Gefühl, als Mensch nicht wertvoll und vollkommen zu sein. Die Skin-Positivity-Bewegung will das ändern.


Photo: Amanda Dalbjorn

Soziale Medien waren noch nie ein 'Safe Space' für Menschen, die mit Hautproblemen zu kämpfen haben. Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und nicht zu der verzerrten Vorstellung passen, die regelt, wie Haare, Hautbild oder die Form der Oberschenkel auszusehen haben, waren auf Social Media noch nie ausreichend vertreten. Instagram und Co. sind nicht gerade hilfreich, wenn es darum geht, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Auch die mediale Landschaft ist kein gemütlicher Rückzugsort, der das körperliche Wohlbefinden steigert. „So bekämpft man unreine Haut am besten“, „Zehn Tipps für reine Haut“ – so oder so ähnlich leiten diverse Magazine in ihre Artikel ein und implizieren bereits, dass etwas falsch ist an unreiner Haut. Sie betonen, dass Pickel, Akne oder Narben ein Problem sind – der Feind, der dem Glück und Erfolg im Weg steht und gegen den mit allen möglichen Mitteln angekämpft werden muss. Höchste Eisenbahn also, dass dieser Missstand endlich endet. Mit der Body-Positivity- bzw. Body-Neutrality-Bewegung, kam endlich auch die Skin-Positivity-Bewegung ins Rollen. Sie hält Menschen dazu an, ihre Haut so zu akzeptieren wie sie ist – auch ohne Schminke.


Photo: Audrey Jackson

Victoria, die von Akne, einer Erkrankung der Talgdrüsen, betroffen ist, spürt den Druck, der von Social Media ausgeht. Bilder, auf denen eine perfekte Haut suggeriert wird, wirken sich stark auf ihre Psyche aus. „Ich werde traurig, wenn ich sehe, wie wenige Probleme andere Menschen mit ihrer Haut im Vergleich zu mir haben“, erklärt sie. Andererseits ist sie sich auch dessen bewusst, dass solche Fotos meist bearbeitet und die abgebildeten Personen oft stark geschminkt sind. Dennoch üben solche Beiträge Druck auf sie aus: „Diese perfekten Gesichter wirken auf mich einschüchternd. Ich folge solchen Profilen nicht mehr.“ Zwar fühlt sie sich durch die vereinzelten Pickel nicht weniger schön, weiß aber, dass ihre Haut nicht gesund ist. Durch die Entzündungen ist ihr klar, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist: „Für mich stehen Gesundheit und Schönheit in Kontrast zueinander, besonders bei Akne. Einerseits versucht man die Haut zu pflegen und etwas gegen die Akne zu tun, andererseits verwendet man viel Make-Up, um sich schön zu fühlen. Schminke bei Akne zu verwenden, macht es aber nicht besser, sondern kann die Symptome verschlimmern.“


Weg zur Selbstakzeptanz


Photo: curology

Aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit findet Victoria es vorbildlich, wenn sich andere Personen ungeschminkt mit ihren Hautproblemen zeigen und sich offen zu ihrer Akne bekennen. „Dass man zu Akne steht, finde ich sehr stark. Gerade, weil ich selbst damit lebe, finde ich es großartig, sich nicht zu verstecken und selbstbewusst mit Akne durchs Leben zu gehen. Ich selbst fühle mich oft beobachtet und denke, dass man jeden Makel sofort sieht“, sagt sie. Aufgrund des äußeren Drucks und des eigenen Wunsches, gesunde Haut zu haben, nahm Victoria mit 14 Jahren die Pille, um ihren Hautzustand zu verbessern. Auch Arzneimittel mit sehr schädigenden Nebenwirkungen kamen bei ihr zum Einsatz: „Ich nahm ein Medikament, das die Poren verkleinerte und die Talgproduktion senkte. Durch die Einnahme schälte sich aber auch die Haut an meinen Lippen ab und ich bekam Depressionen. Auch darf man nach der Einnahme lange Zeit nicht schwanger werden – und das alles nur, um schöne Haut zu haben.“


Hinzu kommt bei ihr eine Zwangsstörung namens „Skin Picking Disorder“. Hier kratzen und zupfen Betroffene an ihrer Haut, an Pickeln und Krusten oder auch an gesunden Hautstellen, um zum Beispiel vorherrschende Anspannung oder Ängste zu mindern und sich Linderung zu verschaffen. Dadurch können sich die Entzündungen der Haut aber umso mehr verschlimmern und Narben bilden – ein Teufelskreis. Die nähere Beschäftigung mit sich selbst führte bei Victoria allerdings zu einem größeren Bewusstsein und zu mehr Verständnis mit dem eigenen Körper: „Man muss nicht immer mit sich zufrieden sein. Man muss sich nicht ständig wohlfühlen. Wenn ich unzufrieden mit mir bin und etwas ändern kann, finde ich, dass ich es versuchen sollte. Das Ziel, einen gesunden Körper und gesunde Haut zu haben, kann sich auch auf den generellen Blick auf den Körper auswirken. Man sollte sich nicht von sich selbst entfremden oder sich als Feind betrachten, sondern sich in jedem Entwicklungsstadium akzeptieren.“


#iamnotmyskin


Photo: Nathan Dumlao

Werbeanzeigen und Posts mit vermeintlich perfekten, makellos aussehenden Models gibt es zuhauf. Skin-Positivity sei Dank, folgen nun auch Posts von Personen, die offen ihre Akne, Dehnungsstreifen (aka Tigerstripes) oder Pigmentstörungen präsentieren. So postete die deutsche Nachhaltigkeits-Influencerin Luisa Dellert auf ihrem Instagram Kanal „luisadellert“ ein Foto ihrer Dehnungsstreifen mit dem Hashtag #tigergrüße. Die ehemalige GNTM-Teilnehmerin Hanna Bohnekamp lässt sich ohne Schminke ablichten und zeigt auf Instagram unter dem Namen „hanna_bohnekamp“ ihre Akne, die sich bei ihr besonders nach Absetzen der Pille entwickelt hat. Unter den Hashtags #iamnotmyskin, #skinconfidence, #acnepositivity oder #freethepimple stehen Betroffene der Talgdrüsen-Erkrankung offen zu ihrem Hautbild.



Photo: Jana Sabeth

Und auch die österreichische Fair-Fashion-Designerin und Umweltaktivistin Madeleine Alizadeh spricht sich auf ihrem Account „dariadaria“ für Body-Neutrality aus: „Körper müssen vor allem eines: funktionieren. Einer schlanken Frau bringt ihr Schlanksein wenig, wenn sie chronische Schmerzpatientin ist. Unsere Körper sind das Vehikel unseres Lebens und sie gesund zu halten ist ohnehin schon schwierig genug, geschweige denn die Ausgrenzung, die Menschen erfahren, deren Körper nicht ‚intakt‘ sind. Wenn unsere Körper ständig das Thema sind, um das sich alles dreht, wird dieser Körper zur ewigen Baustelle. Mehr Neutralität und Normalität, das wäre richtig schön“, betont sie in einem ihrer Posts. Auch schön ist es, zu sehen, dass selbst große Textilketten endlich auf Natürlichkeit setzen und ihre Models ohne dicke Make-Up-Schicht und Photoshop-Retusche ablichten. Durch deren Cellulitis, Pickel oder Dehnungsstreifen wird nun erkennbar, dass es sich auch bei diesen Models um menschliche Wesen handelt.


Wir sollten unsere Körper und unsere Haut wertschätzen, für all die Leistungen, die sie tagtäglich vollbringen. Unser Körper ermöglicht es uns zu leben. Unsere Haut grenzt uns von der Umwelt ab – Kratzer, Unreinheiten und Narben sind dabei ganz und gar unvermeidlich. Diese vermeintlichen „Makel“ sind lediglich Erinnerungen an unsere Abenteuer, an unsere Erlebnisse und an all die Aufgaben und Herausforderungen, die wir bereits gemeistert und überwunden haben. Wir sind nicht unser Körper, wir sind nicht unsere Haut – wir sind viel mehr! Der Wert als Mensch bemisst sich nicht an der subjektiv wahrnehmbaren Schönheit, auch wenn es uns Werbung und Social Media oft schwer machen, das zu erkennen.


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