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Detox für die Seele – Mehr Zeit für das echte Leben

Auswirkungen des Smartphones auf unsere Aufmerksamkeit

von Patricia Kornfeld


Schon mal an Detox gedacht? Nein, nicht an das für Haut und Darmgesundheit. Sondern für die Seele. Staat Smoothies, Kräutertee und grünes Gemüse zu sich zu nehmen, kommt das so genannte „Digital Detox“ mit lediglich einer Komponente aus und zwar dem Handyverzicht.


Typische Situation: Zwei Freundinnen zusammen am Tisch in einem Café. Eigentlich würde man angeregte Gespräche erwarten, Lachen, Augenkontakt. Doch stattdessen sind beide vertieft in die virtuelle Welt ihres Smartphones, checken Instagram und schauen nach, was andere gerade machen. Nur nichts verpassen, außer das eigene Leben. Das Essen wird serviert. Wie automatisch schießen die Handys in die Höhe und sie machen Fotos, posten diese im Social-Media-Feed und taggen die Begleitperson. Diejenige Person, die eigentlich gar nicht wirklich wahrgenommen und der nicht bewusst zugehört wird, weil ständige Unterbrechungen via Smartphone eintreffen und für Ablenkung sorgen. Zugespitzt soll dieses Beispiel zeigen, dass Smartphones uns die Aufmerksamkeit für die wichtigen Dinge rauben. Das sind u.a. Freunde und Familie, Erlebnisse, die man zusammen macht, kurz gesagt für das echte Leben.


Photo: Glen Anthony

„Wenn Sie eine digitale Diät machen wollen, dann stellen wir Ihnen dazu die Waage zur Verfügung.“ (Alexander Markowetz über die App Menthal)


ForscherInnen der Universität Bonn entwickelten zu diesem Zweck die App „Menthal“, die es HandynutzerInnen ermöglichen soll, zu eruieren, wie lange das Handy täglich im Gebrauch ist und auf welche Anwendungen am häufigsten zurückgegriffen wird. Eine Studie, die mithilfe von Menthal durchgeführt wurde, zeigt, dass die StudienteilnehmerInnen im Schnitt 80 Mal pro Tag auf ihr Telefon sahen. Das entspräche einem Blick aufs Display, der alle zwölf Minuten erfolgt. Da Selbsteinschätzungen und demzufolge Angaben aus vielen Studien meist keine verlässliche Quelle bieten, sollten mit dem Entwurf dieser App tatsächliche Werte der Nutzungsdauer erhoben werden. Laut Universitätsprofessor Alexander Markowetz liefere Menthal zum ersten Mal belastbare Daten: „Die App kann uns detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfällt.“


Dass es kein Einzelphänomen ist und viele Menschen zu viel Zeit am Smartphone verbringen, bestätigt zudem das verstärkte Aufkommen anderer Apps, die anzeigen, wie viele Minuten der/die UserIn sein Handy genutzt hat. Beispiele hierfür sind die App „Quality Time“ oder „Forest“, bei der ein virtueller Baum gepflanzt wird, wenn NutzerInnen eine halbe Stunde lang offline sind. Gelingt es nicht, diese Zeitspanne ohne Handy durchzuhalten, stirbt die Pflanze – ein Versuch, den achtsamen Gebrauch von Smartphones zu vermitteln.


Photo: Ruben Bagues

Verstärktes Gefühl von Langeweile


Wie eine Studie der University of British Columbia zeigt, beeinträchtigt uns bereits die bloße Präsenz unseres Mobiltelefons. Im Zuge dieser Untersuchung wurden mehr als 300 Personen gebeten, sich mit Freunden und Familie in einem Restaurant zu verabreden. Die TeilnehmerInnen wurden in zwei Gruppen geteilt: Eine sollte ihr Handy während des Essens verstauen, die andere jenes auf dem Tisch platzieren. Personen der Gruppe, deren Smartphones präsent waren, fühlten sich vom Treffen mit den Bekannten abgelenkter und konnten das Zusammensein weniger genießen. Außerdem gaben sie an, sich im Beisein des Handys etwas gelangweilter zu fühlen. Eine überraschende Erkenntnis, denn es wurde angenommen, dass das Handy als eine Art „Fluchtmöglichkeit“ wahrgenommen würde, die im Falle eines abebbenden Gesprächs Langeweile entgegenwirken könne.


Treffen mit Freunden sollten eigentlich der Entspannung dienen und Stress abbauen. Doch stattdessen lassen wir Menschen, die uns wichtig sind und mit denen wir Zeit verbringen möchten, links liegen. Dies aber nicht mal bewusst oder absichtlich, wie die Studie zeigen konnte. Höchste Zeit also für eine Entschleunigung. Ein bewusstes Loslassen der vermeintlichen Verpflichtungen und des ständigen Erreichbar-Seins. Abstand gewinnen gegenüber dem Druck, auf ununterbrochen eintrudelnde Mitteilungen und Informationen reagieren zu müssen. Zeit für ein Besinnen auf das Wesentliche: Auf sich selbst, seine Mitmenschen und die Umwelt. Gerade im Frühling fällt dies leicht. Das schöne Wetter, Kirschblütenbäume und die Eissalon-Eröffnungen bieten uns genug Zerstreuung als auch Entspannung.


Photo: Tyler Mullins

Die Kontrolle übernehmen


Push-Nachrichten auszuschalten, also nicht ständig über neue Benachrichtigungen oder Ereignisse informiert zu werden, ist beispielsweise ein guter Weg, um Abstand vom Display zu gewinnen. Auch das Handy über Nacht auszuschalten und ihm nach dem Aufwachen somit nicht sofort Zuwendung zu schenken, kann eine Möglichkeit sein, wie auch das Zurückgreifen auf einen klassischen Wecker der alten Schule. Und – besonders wichtig – beim Treffen mit den Liebsten einfach mal ganz auf das elektronische Device verzichten. Es wird für ein paar Stunden in der Tasche überleben und die Freunde werden es als angenehme Abwechslung empfinden.


Dass Entschleunigung à la Digital Detox auch bei Instagram-Influencer/innen eine große Welle schlägt, zeigt u.a. Madeleine Daria Alizadeh, die auf ihrem Instagram-Kanal dariadaria u.a. über Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder Selbstakzeptanz schreibt und sich von 3. bis 31. März 2019 eine Instagram-Auszeit nahm.


„Analoge Zeiten“ in den Alltag integrieren


Volker Busch, Neurowissenschaftler an der Universitätsklinik in Regensburg, sieht die Thematik allerdings etwas anders und meint, dass Digital Detox in dem Sinne, drei Wochen komplett aufs Smartphone zu verzichten und danach in alte Gewohnheiten zu verfallen, nichts bringt. Seiner Meinung nach wäre es vorteilhafter, bereits im Alltag „analoge Zonen“ einzurichten, in denen Bildschirmmedien nicht permanent verwendet werden.


„Sinnvoll sind mehrere kleine Auszeiten pro Tag, etwa ein kurzer Offline-Spaziergang in der Mittagspause. Eine weitere Möglichkeit wäre der Verzicht auf digitale Medien ab 20 Uhr oder gleich ein digitalfreier Sonntag. Dann tritt eine Art Sickerungseffekt ein, das Gehirn löscht, ordnet und verknüpft.“ Und wir können endlich abschalten.

Links:

Universität Bonn

The University of British Columbia

ScienceDirect

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