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Bindungsangst

Wenn wir die Liebe fürchten

Petra Fürst

#LOVE

Wer immer wieder unpassende oder für eine Bindung nicht zur Verfügung stehende Partner*Innen wählt, leidet häufig unter passiver Bindungsangst. Dies zu erkennen, ist der erste Schritt zur Heilung.


Photo: Jon Tyson

Viele Menschen haben heutzutage Bindungsangst.


Es sind gemischte Gefühle. Einerseits wünscht man sich eine Beziehung, wünscht sich Nähe und Intimität, doch gleichzeitig fällt es schwer sich auf einen Menschen einzulassen, sich fallen zu lassen und zu vertrauen.


Die Angst davor wieder verletzt, enttäuscht oder verlassen zu werden, sitzt tief.


Bindungsangst bedeutet nicht, dass man sich vor der Beziehung fürchtet, sondern viel mehr vor den möglichen Folgen einer solchen.


Nähe zuzulassen, ist nur möglich, wenn man sich auch öffnet und somit verletzlich macht. Wenn man als Kind sehr instabile Familienverhältnisse hatte und schon früh erleben musste, dass Bezugspersonen nicht zuverlässig sind, oder Liebe entzogen worden ist, dann ist es eine natürliche Reaktion, sich vor einem erneuten Verlust schützen zu wollen.


Auch schwierige Beziehungen oder sehr schmerzhafte, langwierige Trennungen können einen Menschen dazu bringen, sich vor der Liebe zu fürchten.


Es ist sicherer, allein zu bleiben


Für viele fühlt es sich dann sicherer an einfach alleine zu bleiben oder die oder den Partner*In auf Distanz zu halten, um sich so vor weiteren Verletzungen zu schützen.

Niemand will wieder verletzt werden, aber sollten wir deshalb alle einfach alleine bleiben?

Jeder Mensch hat tief im Herzen das Bedürfnis danach, geliebt zu werden und Liebe zu geben. Laut Prof. Dr. Robert Waldinger, Psychiater und Professor an der Harvard Medical School sind glückliche Beziehungen sogar die wichtigste Zutat für ein glückliches und gesundes Leben.


Photo: Andrew Itaga

Was macht glücklich?


In Harvards längster fortdauernder Studie beobachtet man seit 1938, was Menschen glücklich macht und was nicht.


Weder Erfolg, noch Geld oder Gesundheit waren so relevant für ein glückliches Leben, wie erfüllende Beziehungen.


Vermeidet man nun Nähe und Intimität, nur um sich vor Verletzungen zu schützen, dann passiert genau das Gegenteil von dem, was man sich erhofft. Anstatt glücklich und erfüllt zu leben, werden wir einsam und krank. Fehlt uns die Liebe, dann leidet die Gesundheit. Auf kurz oder lang erzeugt die Bindungsangst genau das, wovor sie uns schützen wollte: Schmerz und Frustration.


Photo: Aziz Acharki

Immer wieder die falschen Partner*Innen finden


Die Angst vor engen Beziehungen äußert sich nicht immer nur dadurch, dass man Beziehungen vermeidet. Es gibt auch eine passive Form der Bindungsangst, bei der sich Menschen unbewusst immer wieder Partner*Innen suchen, die nicht verfügbar sind oder selbst unter aktiver Bindungsangst leiden.


Die passive Bindungsangst ist viel schwerer zu erkennen und Betroffene leiden mehr darunter als Menschen, die sich freiwillig gegen eine Beziehung entscheiden.

Wer aus freien Stücken allein bleibt hat zumindest das Gefühl Kontrolle über das eigene Liebesleben zu haben. Wer sich aber immer wieder in Menschen verliebt, die vergeben sind, weit weg wohnen oder aus persönlichen Gründen nicht für eine Beziehung verfügbar sind, der fühlt sich machtlos und von der Entscheidung der oder des Anderen abhängig.


Photo: Nathan Mcbride

„Nicht bereit“ für eine Beziehung sein


Es ist ein schreckliches Gefühl darauf warten zu müssen, ob sich die oder der Traumpartner*In nicht eines Tages doch für eine echte Beziehung mit mir entscheidet.


Viele meiner Klient*Innen kommen mit genau diesem Problem zu mir:


Sie lieben jemanden, der aus unterschiedlichen Gründen nicht bereit für eine Beziehung ist. Den wenigsten ist bewusst, dass sie selbst unter passiver Bindungsangst leiden und sich somit unbewusst immer wieder in Situationen bringen, in denen echte Partnerschaft unmöglich ist.


Viele ziehen es sogar vor, monate- oder jahrelang darauf zu hoffen, dass die/der Wunschpartner*In plötzlich vor der Türe steht, anstatt einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen eine*N Partner*In zu wählen, die/der verfügbar und frei ist.


Hinter dieser unbewussten Entscheidung steht nicht nur die Angst davor wieder verletzt zu werden, sondern auch die Angst nicht gut genug zu sein.


Photo: Toa Heftiba

„Es begann mit einer Affäre“


Vor Kurzem kam eine 35-jährige Frau zu mir ins Coaching. Sie war in einen Mann verliebt, der verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern war. Die beiden haben sich in der Arbeit kennengelernt, ineinander verliebt und hatten für einige Monate eine heimliche Affäre. Nachdem seine Ehefrau herausgefunden hatte, dass sie betrogen worden war, traf der Mann die Entscheidung, die Affäre zu beenden und für seine Ehefrau und Kinder da zu sein. Meine Klientin war verzweifelt.


Sie wollte den Mann um jeden Preis zurückgewinnen und war gewillt, alles dafür zu tun. Erst schrieb sie ihm Nachrichten in dem Versuch, die Liebe wieder zu entfachen, dann suchte sie das persönliche Gespräch.


Der Mann blieb standhaft; seine Frau und seine Kinder waren ihm wichtiger. Um seiner Affäre nicht mehr zu begegnen, wechselte er sogar den Arbeitsplatz und gab seine gut bezahlte Stelle auf.


Die junge Frau weigerte sich, die Hoffnung aufzugeben, dass er eines Tages zurückkommt. Die Trennung ist nun ein Jahr her, immer noch träumt sie von der gemeinsamen Zeit und hofft auf ein Wiedererwachen seiner Gefühle.


Photo: Brigitte Tohm

Es ist leichter zu warten und zu hoffen


Sie hat passive Bindungsangst. Sie hatte noch nie in ihrem Leben eine lang andauernde, tiefe Beziehung und wartet auf ein Wunder. Es ist leichter für sie zu warten und zu hoffen, als sich wirklich mit einer Partnerschaft auseinanderzusetzen.


Dahinter liegt eine verborgene Angst: Ich bin nicht gut genug, ich bin nicht liebenswert.


Die passive Bindungsangst ist das Gegenstück zur aktiven Bindungsangst. In beiden Fällen bleibt man letztendlich alleine.


Ein anderes Fallbeispiel: Ein Mann Mitte 50, der sich nicht festlegen kann. Er lernt viele Frauen kennen, die potentielle Partnerinnen für ihn sind.


Er trifft sich eine Zeit lang mit ihnen, doch nach wenigen Monaten lässt sein Interesse nach. Er findet tausend Gründe, warum eine längerfristige Beziehung mit genau dieser Frau nicht funktioniert. Sie übt ihm zu viel Druck aus, er will sich nicht festlegen, er hat Angst seine Freiheit zu verlieren.


Für ihn bedeutet Beziehung Einschränkung. Er hat früh in seiner Kindheit die Erfahrung gemacht, dass er von den Menschen, die er liebt und denen er vertraut, verlassen wird. Beziehung bedeutet Kontrollverlust. Wenn er sich trennt, bevor die Beziehung überhaupt richtig begonnen hat, dann kann er nicht verlassen und enttäuscht werden. So schützt er sich vor noch mehr Schmerz.


Was kann man tun, wenn man aktive oder passive Bindungsangst hat?

In erster Linie braucht es die Erkenntnis, dass man sich bewusst oder unbewusst für Partner oder Situationen entscheidet, die tiefe, nahe Beziehungen unmöglich machen. Sobald man die eigenen Muster verstanden hat, kann man beginnen diese sanft, Schritt für Schritt aufzulösen, indem man beginnt sich auf Liebe und Nähe mit verfügbaren Partnern einzulassen. Alles ist heilbar, es braucht nur Zeit und Geduld.



Mehr über Bindungsangst und den Umgang damit findest du hier.

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