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Bienchen und Blume sind out

Aufklärungsunterricht in Österreich

Eva Rottensteiner

#FEATURE #KÖRPER #SCIENCE


Sexualität umfasst weit mehr als den Akt. So sollte das Thema auch in der Schule behandelt werden. Was Sexualpädagogik können muss und was gar nicht mehr geht.


Photo: Dainis Graveris

Manche haben sie vom großen Bruder gelernt, bei manchen hat Pater Rudolf das Wort ergriffen, andere haben sie von der versteckten BRAVO unter dem Bett, wieder andere hatten sie überhaupt nicht, bei manchen wurde sie mit Bienchen und Blume erklärt und bei einigen kam die Anti-Abtreibungslobby mit eingelegten Embryos zu Besuch. Die Rede ist hier von sexueller Aufklärung. Wenn man sich die Erfahrungen der 60er und 70er Generationen mit Sexualpädagogik anhört, kommt man als Millenial ganz schön ins Staunen. Über Sex zu reden war in der Tat bis zur 68er-Bewegung absolut tabu. Umso verwunderlicher ist es, wenn in europäischen Ländern, wie vor wenigen Tagen in Polen, über ein Verbot des Aufklärungsunterrichts abgestimmt wird. Und in Österreich? Dort hat ein Verein bis letztes Jahr Kindern und Jugendlichen gelehrt, dass Masturbieren schädlich und Homosexualität eine Krankheit sei. Der Verein 'Teenstar' wurde aus den Klassenzimmern verbannt und im Nationalrat startete eine Debatte darüber, externe Sexualpädagogik komplett zu streichen.


Grundsätzlich ist sexuelle Aufklärung fix im Lehrplan verankert. Der Grundsatzerlass vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung legt fest, dass Sexualität als ein positives und dem Menschen innewohnendes Potential vermittelt werden soll. Der Unterricht soll altersgerecht sein und auf dem aktuellen Wissenschaftsstand basieren. Ideologien und Verurteilungen haben hier keinen Platz. Lisa Greis (32) ist Biologielehrerin an einer Wiener AHS. Mit ihren Schüler*innen hat sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Besonders bei den Erstklässlern ist das Thema noch mit viel Scham verknüpft. „Ich hatte tatsächlich Kinder, die Zettelchen ausgerissen haben, um die nackten Körper im Buch zu überkleben“, erzählt sie. Den Sexualkunde-Unterricht findet sie trotzdem notwendig: „Viele Schüler*innen haben daheim nicht so die Gesprächskultur. Sehr oft übernehmen ältere Geschwister oder Freund*innen die Aufklärung und da entstehen schnell auch Gerüchte und Mythen.“ Vom allumspannenden Jungfernhäutchen bis hin zur Pille als vermeintliches Mittel gegen Geschlechtskrankheiten hat sie schon einiges gehört. In ihrem Unterricht kann sie damit aufräumen und das finden auch ihre Schüler*innen spannend.


Externe Vereine als wichtige Stütze


Photo: Taylor Wilcox

Für Greis war es sehr wichtig, zur Unterstützung auch einen Verein in den Unterricht einzuladen. Sie hält nichts davon, die externe Sexualpädagogik total zu streichen. Man müsse sich die Inhalte eben vorher genau anschauen. „Als Lehrer*in hat man oft ein Naheverhältnis zu den Schüler*innen, man benotet sie ja auch. Außerdem gibt es Lehrende, denen sich die Kinder nicht gern anvertrauen oder denen das Thema selber unangenehm ist und da würde man total die falschen Signale senden“, sagt Greis. Außerdem kommen sie meist im Tandem, eine Frau für die Mädchen und einen Mann für die Buben. Durch eine Gruppenteilung trauen sich laut ihrer Erfahrung viele, genauer nachzufragen und ein Mann kann mit den Burschen über Erfahrungen sprechen, die Greis als weibliche Lehrende so nicht gemacht hat. Das sollte dann idealerweise auch ein Mann sein, der alte Rollenbilder aufbricht und so Vorbildfunktion einnehmen kann.


Kim Gorchs ist für die Kommunikation des Vereins 'achtung°liebe' zuständig. Von dem 2019 diskutierten Verbot wäre auch ihr Verein betroffen gewesen, doch gemeinsam mit anderen Vereinen startete sie die Kampagne #redmadrüber und machte so auf den Mehrwert von externer Sexualpädagogik aufmerksam. Und das mit Erfolg – Vereine dürfen weiterhin an die Schulen, müssen sich in Zukunft allerdings vorher akkreditieren lassen. 'achtung°liebe' stehe voll hinter einem solchen Qualitätscheck und möchte als politisch unabhängige Instanz einen Raum schaffen, wo Jugendliche alles fragen können und nichts bewertet wird. Außerdem sind die Workshopleiter*innen alle noch sehr jung, um durch die geringere Altersdifferenz für mehr Offenheit zu sorgen.


Mehr als Anatomie


Photo: Taras Chernus

Sexualität gehört zu den Themen, die mensch ein Leben lang begleiten. Und Sexualität umfasst weit mehr als nur den Akt an sich. Gerade deshalb ist es Greis wichtig, ihren Schüler*innen den Raum dafür zu geben, auch Fragen zu stellen, die über biologische Aspekte hinausgehen; das sehe sie als Teil des Bildungsauftrags. Dafür sammelt sie die Fragen der Jugendlichen anonymisiert in einer Box und geht auf jede einzelne genauestens ein. „Da kommt dann alles Mögliche: wird der Penis beim Analverkehr schmutzig, muss man Gleitgel verwenden beim 'normalen' Sex, tut Sex weh, was tut man nach dem Sex? Auch das ist so ein Teil, den sieht man weder in Filmen, noch in Pornos und genau das beschäftigt die Jugendlichen“, erklärt Greis. Im Vorfeld klärt die Biolehrerin außerdem, welche Begrifflichkeiten verwendet werden sollen. Gerade bei pornografischen Begriffen, die Jugendliche oft in den Raum werfen ist es bei 'achtung°liebe' zentral, diese auch zu diskutieren. „Wir versuchen neutral darauf zu reagieren, die Begriffe zu erklären und sie auch selber zu verwenden. Somit kann man auch Tabu und Angst entgegenwirken und das hat oft einen großen Effekt“, sagt Gorchs.


Photo: Dainis Graveris

Viele Fragen der Jugendlichen haben außerdem mit dem Thema Normalität zu tun. Pornos und soziale Medien verkaufen einen bestimmten Körpertyp, der die Jugendlichen verunsichert. „Viele Burschen fragen sich wie so ein 'normaler' Penis ausschaut und ganz viele haben das Gefühl, dass ihr Penis in der Umkleide kleiner ist, als der von anderen“, erzählt Greis. Ihre Schüler*innen fragen auch oft, wie man gut im Bett werde. Hier versucht sie ihnen zu erklären, dass Sex eben geübt werden müsse, so wie alles andere auch und versucht, ihnen so Druck zu nehmen. Das wichtigste sei, dass es beiden gefällt und dafür müsse man zuerst herausfinden, was das eben ist. Sexualpädagogik soll den Kindern auch dabei helfen, ihre Bedürfnisse auszudrücken und eigene Grenzen zu definieren. „Konsens ist bei uns immer ein riesiges Thema, das immer wieder in allen Bereichen mit durchkommt“, sagt Gorchs. „Die Jugendlichen sollen lernen, was für sie in Ordnung ist und wie sie es ansprechen, wenn etwas nicht mehr in Ordnung ist oder wo sie sich Hilfe holen können“, erklärt Greis.


Sexualkunde solle die Jugendlichen laut Gorchs dort abholen, wo sie gerade sind und der Austausch müsse auf Augenhöhe passieren. Letztlich sollen damit Tabus und Rollenbilder aufgebrochen werden. Die Jugendlichen sollen lernen, auf ihren Körper zu hören und gegenüber anderen Sexualitäten oder Beziehungsformen tolerant zu sein. Gorchs hat den Eindruck, dass sich schon ein Wandel zu mehr 'sex positivity' vollzieht: „In einer Kleingruppe haben die Mädchen die Jungs gefragt, ob sie sich denn im Intimbereich rasieren sollen und letztlich hat einer der Jungs gemeint, dass es ja nur darum gehe, dass sich die Mädels wohlfühlen“.

Links


Grundsatzerlass 2015 I online


Verein achtung°liebe I online


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