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Bewusstseinsübertragung in Sibirien

Wie ich russische Buddhistin wurde

Ute Fuith

#FEATURE #ESOTERIK

Im Sommer 2005 verbrachte ich einige Zeit im sibirischen Altai-Gebirge auf einem Mediations-Camp. Dort wollte ich unter Anleitung eines dänischen Lamas lernen, wie man sich ein Loch in den Kopf meditiert.


Die Sache mit der buddhistischen Wiedergeburtslehre ist ziemlich kompliziert. Noch verwirrender sind die spirituellen Vorsorgepraktiken, die damit einhergehen: „Je weiter oben die Seele im Augenblick des Todes den Körper verlässt, umso besser stehen die Chancen dafür, im nächsten Leben in einer höheren Inkarnationsstufe auf die Welt zu kommen“, versuchte Martin, mein damaliger Reisegefährte, zu erklären. Wir saßen im Bus von Barnaul nach Askat und waren schon ziemlich erschöpft. Seit 24 Stunden war die Sonne nicht mehr untergegangen. Das lag an der Zeitverschiebung. Außerdem war ich viel zu warm angezogen, weil ich Sibirien mit Kälte assoziiert hatte. Ein schwerer Irrtum. Im Juli klettern die Temperaturen dort nicht selten bis auf 40 Grad.


Sibirische Idylle. Foto: Ute Fuith.

Von Ute zur Lotusblüte


Während die Klimaanlage im Bus röchelte und Martin weiter dozierte, sah ich mir die anderen „Dharmawarrior“ an, die mit uns im Bus saßen. Die meisten Jünger und Jüngerinnen kamen aus der ehemaligen Sowjetunion. Pjotr aus Omsk war Geigenspieler und Vodkaholic, der sich vorgenommen hatte, seinem Laster abzuschwören. Der Grafiker Viktor und die Malerin Milena waren aus Kaliningrad angereist, der Dokumentarfilmer Maxim mit Frau und Kind aus Minsk, die Musikerin Katja aus Tel Aviv und die Medizinstudentin Auli aus Helsinki. Gegen Abend erreichten wir das Camp im Wald und bezogen unsere Hütte. Noch bevor es richtig dunkel geworden wurde, war ich bereits eingeschlafen.

Der buddhistische Ausweis der Autorin. Foto: Ute Fuith.

Am nächsten Tag mussten alle Meditationsneulinge – so auch ich – erst einmal „Zuflucht“ beim Lama nehmen. Dafür wurde mir zunächst eine Locke abgeschnitten, dann erhielt ich einen Ausweis, in dem mein neuer Name stand. Ich hieß nun Karma Pema, also Lotusblüte. Ich band mir ein rotes Bändchen ums Handgelenk und war nun offiziell russische Buddhistin.


Die buddhistische Gottheit Mahakala. Foto: Ute Fuith.

Das Ego überwinden


Das riesige Zelt, in dem wir die nächsten Tage meditieren würden, war direkt am Fluss Katun aufgebaut. Um das Zelt ein wenig abzukühlen, wurde es immer wieder mit kaltem Wasser abgespritzt. Langsam füllte sich der Raum. Dann ging ein Raunen durch die Menge - der Lama war eingetroffen. Der drahtige 60-Jährige setzte sich an der Kopfseite des Zeltes auf eine Art Thron. An seiner Seite ein Dolmetscher, der simultan ins Russische übersetzte. Der Meister sprach über die Notwendigkeit, das „Ego“ zu überwinden: „Erst wenn uns das gelingt, können wir uns auch vom Leiden befreien. Die Voraussetzung dafür, dass wir Buddha sehen können, ist, dass er in uns ist“, erklärte der Meister. Die Vorstellung von Vollkommenheit haben wir also nur deshalb, weil sie in uns selbst ist. Egal, welche Ideologie oder Glaubensrichtung: Nahezu alle Meditationen beginnen mit der Konzentration auf den eigenen Atem. So auch unsere. Wir wollen, vereinfacht gesagt, „sterben üben“, hieß es. Dafür meditierten wir einige Tage lang an einer inneren Achse entlang, die vom Bauchnabel zum Kopfscheitel führt.

Buddhismus als Diamtenweg. Zuflucht. Foto: Ute Fuith.

Die zehn Tore


Nach der Auffassung des tibetischen Buddhismus verlässt das Bewusstsein nach Eintritt des Todes den Körper durch eine von neun Körperöffnungen - entweder durch die Augen, Ohren, Nase, den Mund, die Harnröhre oder den Anus. Diese werden auch als Tore zu den jeweiligen sechs traditionellen Wiedergeburtsbereichen definiert. Als ideale Austrittsstelle gilt die zehnte Körperöffnung der Bewusstseinsübertragung, die sogenannte „Brahmanische Öffnung“. Sie liegt auf dem Mittelpunkt des Scheitels, auf der Fontanelle. Ziel unserer Meditation war es demnach, die Übertragung des Bewusstseins zu trainieren und das zehnte Tor für den Bewusstseinsaustritt zu öffnen.


Insgesamt nahmen rund 1000 Leute an der tibetischen Meditation teil – pro Tag fanden mehrere Durchgänge statt. Dabei ging es nicht darum, den Kopf bloß leer zu bekommen, sondern, ganz im Gegenteil, ihn mit Bildern zu füllen, die der Lama beschrieb: Da kamen rote Buddhas vor und andere Wesen der tibetischen Mythologie, Wälder, Wiesen, Flüsse und vieles mehr. Dazwischen wurde auch gesungen. Ich kann sagen, dass wir uns alle ziemlich im Einklang mit uns selbst fühlten.

Warten auf den Lama. Foto: Ute Fuith.

Erfolgsgeschichten


Die Pausen verbrachten wir unten am Fluss. Den schönsten Zeltplatz hatte sich Maxim ausgesucht, mit Blick auf's Wasser. Seine Tochter döste im Schatten. Viktor machte ständig Selfies und mir war so heiß, dass ich in den Fluss sprang. Zu Mittag aßen Martin und ich am liebsten im vegetarischen Zelt, dort kochte Katjas Freund ganz vorzügliches Baba Ganoush. Am Abend tranken wir Bier im kleinen Camp-Restaurant. Auli war vor dem Meditationscamp durch die Mongolei gereist. Sie ist überzeugt, dass sie in einem früheren Leben einmal Mongolin war. Das glaubt auch Martin. Ich war mir da nicht so sicher, und trank lieber noch einen Wodka, während Viktor erzählte, wie ihn der Tod seines Vaters aus der Bahn geworfen hatte. Durch diese persönliche Krise sei er zum Buddhismus gekommen. Dort fühle er sich aufgehoben. Später kam auch Elly zu uns an den Tisch. Sie ist in Bulgarien aufgewachsen und hat dort jahrelang als Journalistin gearbeitet. Jetzt lebt sie auf der Insel Saipan oberhalb des Mariannengrabens, wo sie einen Job als Tourguide hat. „Seit ich den Lama getroffen habe und Buddhistin geworden bin, läuft bei mir alles wie am Schnürchen. Ich habe einen tollen Job und den Mann meines Lebens gefunden, einen Skydiver.“ Zum vollkommenen Glück fehle ihr nur noch ein Kind. Sie hoffe auf den Segen des Lamas.

Die Autorin im Camp. Foto: Ute Fuith.

Am fünften Tag war Showdown, bei einer letzten Runde des Meditierens gaben alle noch einmal ihr Bestes, um das zehnte Tor zu öffnen. Anschließend versammelten wir uns vor dem Zelt. Der Lama schaute bei jedem einzelnen nach, ob sich die Fontanelle geöffnet hatte. Endlich war ich an der Reihe. Der Meister drückte genau auf die Stelle meines Kopfs, an der sich meinem Empfinden nach tatsächlich etwas geöffnet hatte. Erstaunlich. Bei fast allen findet der Lama ein solches „Loch im Kopf“ - außer bei Milena, der Armen. Sie würde es im Folgejahr wieder versuchen.


Zum Ausklang feierten wir alle unten am Fluss. Pjotr war auch da. Diesmal ohne Wodka. Für's Erste schien ihm sein Kampf gelungen zu sein.



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