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Bester Freund oder Krankmacher?


Smartphone: Auswirkungen auf die Gesundheit

von Patricia Kornfeld


Das Smartphone, unser ständiger Begleiter. Schnell mal was googlen, die Mails checken oder ein Video ansehen. Telefonieren und SMS-schreiben ist längst nicht mehr alles, wozu Handys heutzutage fähig sind. Durch Apps wie Instagram oder WhatsApp haben wir die kleinen Telefone fast immer griffbereit und schauen permanent aufs Display. Ständig erreichbar zu sein, ist das Ziel. Sucht und Abhängigkeit die Konsequenz. Wie smart ist Smartphone-Nutzung wirklich?


Früher gehörte man in der Schule zu den Coolsten, wenn man schon eins hatte. Heute ist es aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Während ein einstiges Smartphone mehr einem Stein glich und man es eigentlich nur „im Notfall“ verwenden sollte, war es einfach das Größte. Heute sieht man zehnjährige Kinder, die modernere Handys haben als ihre Eltern. Und im Gegensatz zu früher, übernehmen diese heute zahllose Funktionen. Landkarten, Lexika oder der altmodische Wecker sind für viele bereits Relikte der Vergangenheit. Ist ja alles jederzeit und überall im kompakten Format verfügbar.


Photo: Tommy Tong

Dass wir uns genau dadurch in eine Abhängigkeit stürzen, ist kaum bewusst. So gaben 63,3% der Teilnehmer im Zuge einer Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts „Marketagent“ an, sich ein Leben ohne ihr Smartphone nicht vorstellen zu können.


Risiko „Handynacken“


Diese problematische Wende ist vor allem eines: Ein Gesundheitsrisiko. Besonders die Gelenke werden durch langfristige Handy-Nutzung in Mitleidenschaft gezogen. Durch die oft unnatürliche Körperhaltung, die während des Scrollens und Tippens eingenommen wird, ist insbesondere die Halswirbelsäule einer überdurchschnittlichen Belastung ausgesetzt.

Der US-amerikanische Forscher Dr. Kenneth Hansraj zeigte, dass beim Herabschauen aufs Handy, bei einer Neigung von ca. 15 Grad, ungefähr 13 Kilo zusätzlich auf die Halswirbelsäule wirken. Folgen sind mitunter verfrühte Verschleißerscheinungen der Halswirbel und Verspannungen. Der Begriff „Handynacken“ fand Einzug ins medizinische Vokabular.


Photo: Daniel van de Berg

„Fear of Missing out“


Ebenfalls Finger- und Handgelenke werden auf Dauer überbelastet. So verzeichnete die deutsche Krankenkasse IKK 2017 bereits bei 1166 versicherten Personen eine Hand-Arthrose – in der Altersgruppe der 21 bis 30-Jährigen ist dieser Wert fünfmal höher als noch vor vier Jahren. Auch „WhatsAppitis“ ist leider kein Scherzwort, sondern äußert sich durch eine Sehnenscheidenentzündung, die durch die exzessive Nutzung des gleichnamigen Chatprogramms entsteht.


Immer und überall erreichbar zu sein, hat nicht nur Vorteile. „Du hast meine Nachricht auf WhatsApp gesehen und nicht geantwortet?“ Solche Situationen haben schon manchen Streit verursacht.


Daneben besteht die Angst, etwas zu verpassen, das im Freundes- oder Bekanntenkreis passiert, wenn das Handy längere Zeit nicht überprüft wird. Dies gaben 13% von 1000 befragten Personen aus der Schweiz im Zuge der „Global Mobile Consumer Survey 2018“ an. FOMO, oder „Fear of Missing out“, entwickelt sich schleichend zur Krankheit der Millenials und charakterisiert sich durch die Angst, z.B. eine Party oder ein Event zu verpassen – ein Grund für das permanente Checken des Instagram-Feeds.


Photo: Paul Hanaoka

Keine Zeit mehr, um inne zu halten


Dass je 23% der Studienteilnehmer_innen ein ständiges Verlangen danach haben, ihr Smartphone zu überprüfen bzw. von eigentlichen Aufgaben durch ihr Mobiltelefon abgelenkt werden, sind weitere Belege für die Handy-Sucht. Darüber hinaus konnten Konzentrationsstörungen durch Smartphones beobachtet werden.


So fand der amerikanische Professor Adrian Ward in Experimenten mit ca. 800 Smartphone-Nutzern heraus, dass kognitive Fähigkeiten beim Lösen diverser Tests im Beisein des eigenen Handys geringer sind.


In seinem Buch „Digitaler Burnout“ beschäftigt sich auch Alexander Markowetz mit dieser Thematik und meint in einem Interview mit der FAZ, dass „wir unsere Aufmerksamkeit zerhackstückeln“. Während uns ein Buch z.B. an einen längeren Text bindet, werde online alles portioniert und unsere Konzentrationsfähigkeit dadurch geringer. Außerdem lauge uns die ständige Erreichbarkeit aus – „(…) früher hatten wir im Alltag eine Grunddosis an Pausen. An der Bushaltestelle, im Zug oder im Wartezimmer hatten wir Zeit (…) inne zu halten.“


Photo: Caleb George

Bildschirmfreie Zeiten und Räume


Meist sind wir so fokussiert darauf, auf keinen Fall etwas zu verpassen und am virtuellen Leben der anderen teilzuhaben, dass wir gar nicht merken, wie unser reales Leben an uns vorbeizieht. Erschreckend oft sieht man Personen im Café, die in ihr Handy versunken sind, anstatt in ein Gespräch. Mütter, die mehr mit ihrem Smartphone agieren, als mit ihrem weinenden Kind. Mobiltelefone sollten uns eigentlich näher zusammenbringen und räumliche Distanzen verringern. Stattdessen entfernen wir uns von Menschen, die uns nahe stehen und verlieren den Kontakt zueinander. Ein kleines Gerät, welches unser Leben eigentlich erleichtern sollte, hat es geschafft, uns zu kontrollieren.


Doch es gibt Auswege aus dem Dilemma. So meint Dr. med. Bert Theodor te Wildt, der Leiter der Online-Sucht-Ambulanz OASIS, in einem Interview, dass es „Zeiten und Räume geben muss, in denen Bildschirmmedien ausgeschaltet sind, damit wir nicht ständig gestört werden. Wenn ein Gerät ständig piepst und irgendetwas von uns will, schaden wir uns, weil wir die Menschen um uns herum aus den Augen verlieren.“


Smartphones mögen praktisch sein und durchaus viele Vorteile bieten, doch müssen wir den bewussten Umgang mit dem Gerät lernen und es sinnvoll in unseren Alltag integrieren. Das sollte in der Schule anfangen und im Erwachsenenalter nicht enden. Mit den steigenden Möglichkeiten, die uns die moderne Welt bietet, wachst genauso unsere Verantwortung. Lieber einmal weniger erreichbar und dafür präsenter im Alltag sein - denn unbezahlbare Momente erlebt man nicht online.

Links:

Digitale Markt- und Meinungsfoschung - marketagent

Deloitte Österreich

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