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Auf ewig dein

Zwischen Liebe und Tod

von Ute Fuith


Seit Anfang des Jahres wurden in Österreich bereits 14 Frauen vom eigenen Partner oder einem männlichen Familienmitglied ermordet. Diesen Tötungsdelikten geht oft ein jahrelanges Martyrium voraus. Trotzdem fällt es vielen Betroffenen schwer, rechtzeitig zu gehen.

Foto: Bill Oxford

„Am Anfang war er liebevoll. Erst nach der Heirat hat er sein wahres Gesicht gezeigt. Ich wurde vom Objekt der Begierde zu seinem Eigentum. Zuerst hat er mich verbal attackiert und mich runtergemacht“, erzählt Karin Pfolz. „Als er mich das erste Mal geschlagen hat, war für mich klar, dass ich ihn verlassen werde, sobald ich mir 1.000 Euro für den Anwalt angespart habe“, sagt die 55-Jährige.


Bis ihr das gelungen ist, sollten zehn Jahre vergehen. „Ich konnte mit niemandem darüber reden, ich war isoliert, ängstlich und habe mich geschämt. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, allein für meinen Sohn zu sorgen“, erinnert sich Pfolz. Um anderen Frauen Mut zu machen, hat sie ein Buch über ihre Erlebnisse, ihre Ängste und ihren Weg in ein gewaltfreies Leben geschrieben. „Es ist wichtig, häusliche Gewalt nicht unter den Tisch zu kehren, sondern offen darüber zu sprechen“, sagt die Autorin. Dabei seien auch die Medien gefordert, denn dort werde meist erst dann über das Tabuthema „Häusliche Gewalt“ berichtet, wenn ein Mord passiert ist.


Foto: Amanda Mocci

Zwischen Scham und Schuld


Im Gegensatz zu Karin Pfolz fällt es den meisten Frauen, die ähnliches erlebt haben, sehr schwer über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. „Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Alleine schon Gewalt durch den eigenen Partner erleben zu müssen, ist für viele Frauen mit Scham und Schuld besetzt. Viele glauben, sie sind schuld daran, dass der eigene Partner gewalttätig ist“, sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser.

Gewaltbetroffene Frauen seien oft lange Zeit davon überzeugt, dass sie das schon alleine schaffen werden und hoffen, dass sich der Partner wirklich ändern wird. Schließlich versprechen Gewalttäter meist nach jedem Vorfall, dass sie sich ändern werden und dass es nicht mehr vorkommen wird.


„Aber leider sind die meisten davon Wiederholungstäter. Sie verfolgen auch eine ganz bestimmte Strategie, die für Frauen nicht leicht zu durchschauen ist. Sie sind ja nicht nur gewalttätig, sie sind zwischendurch wieder nett, unternehmen etwas, auch mit den Kindern, aber sie können keine Probleme und Konflikte gewaltfrei lösen. Das haben sie nicht gelernt oder mussten es auch nicht lernen. Sie haben zwei Gesichter. Nach außen geben sich sehr sympathisch und nett und zu Hause wendet sich das Blatt“, weiß Rösslhumer.


Foto: Taylor Jacobs

In der Kindheit Gewalt erlebt


Speziell Männer, die tiefsitzende patriarchale Denkmuster und damit oft frauenverachtende Einstellungen haben und vertreten, neigen dazu, Gewalt an Frauen und Kindern auszuüben –unabhängig von Nationalität, Herkunft oder Hautfarbe. Bei der Gewaltausübung von Männern handelt es sich oft um ein erlerntes Muster, um ein anerzogenes und sozialisiertes Verhalten, das bereits in der frühen Kindheit verankert ist.


Viele dieser Männer haben meist schon in der Kindheit Gewalt an der Mutter mit ansehen müssen, haben den Frauenhass des Vaters miterlebt und begonnen, sich mit dem Vater zu identifizieren. Diese Männer haben nicht gelernt Konflikte, Probleme oder Streit gewaltfrei zu lösen. Sie haben nicht gelernt mit ihren Gefühlen gesund umzugehen bzw. diese zu zeigen. Sie sind daher oft nicht in der Lage Bedürfnisse, Wünsche und Probleme mit jemandem zu besprechen. Schon gar nicht mit der eigenen Freundin oder Partnerin. Sie machen alles mit sich selbst aus, schlucken persönlichen Verletzungen und Kränkungen hinunter Sie können und wollen auch keine Fehler zugeben. Darüber hinaus haben diese Männer meist kein Schuldbewusstsein bzw. keine Schuldeinsicht sowie starkes Besitzdenken und Eifersuchtsempfinden. Sie geben die Verantwortung an die Frau und an die Kinder ab.


Foto: Steinar Engeland

High Risk Victims


Für gewalttätige Männer spielen Macht und Kontrolle eine zentrale Rolle. Wenn sich Frauen von ihren gewalttätigen Partnern trennen oder scheiden lassen wollen, wenn sie eine Anzeige erstatten, oder die Polizei einschalten, kommt es zu den gefährlichsten Situationen. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie zum Thema „High Risk Victims“.


Die Sozialwissenschaftlerin Birgitt Haller vom Institut für Konfliktforschung untersuchte dafür Tötungsdelikte in Beziehungen, um einen Einblick in „high-risk“-Situationen zu bekommen. Haller analysierte 39 Gerichtsakten aus den Jahren 2008 bis 2010, wobei (versuchte) Tötungsdelikte berücksichtigt wurden, die Männer bzw. Frauen gegenüber ihren (ehemaligen) BeziehungspartnerInnen begangen haben.


Zentrale Motive sind Trennung und Eifersucht


Fast drei Viertel der Verbrechen, die in der Studie untersucht wurden, fanden in aufrechten Beziehungen statt. Zwanzig der 39 Gewaltopfer – also gut die Hälfte – waren mit dem Täter verheiratet. In sieben Fällen handelte es sich beim Opfer um die Lebensgefährtin des Täters, dreimal um die Freundin. Bei der Hälfte dieser dreißig aufrechten Partnerschaften stand eine Scheidung bzw. Trennung auf Initiative der Frau konkret an oder die Frau hatte zumindest bereits den Wunsch nach einer Trennung geäußert. Einmal war eine geschiedene Ehefrau das Tatopfer, vier Frauen waren ehemalige Lebensgefährtinnen und vier weitere waren früher mit dem Gewalttäter liiert gewesen, ohne mit ihm zusammen gelebt zu haben. "Die zentralen Motive bei diesen Verbrechen waren Trennung und Eifersucht“, erklärt Haller. Der große Anteil von Beziehungen, die sich auf Initiative der Frauen zum Tatzeitpunkt entweder bereits faktisch in einer Phase der Auflösung befanden oder in denen die Frau zumindest ihren Trennungswunsch aussprach, bestätige, was aus Forschungen zu Partnergewalt bereits seit langem bekannt sei: In Trennungsphasen bestehe ein sehr hohes Risiko massiver Gewaltanwendung.


Mehr als zwei Drittel der von Heller recherchierten Delikte stehen in Zusammenhang mit dem konkreten oder angedachten Ende der Beziehung, verbunden mit Eifersucht und Besitzdenken. „Hier manifestiert sich ein wesentlicher geschlechtsspezifischer Unterschied bezüglich der Hintergründe von Tötungsdelikten in Paarbeziehungen „Frauen töten eher, um eine für sie unerträgliche Beziehung zu beenden (50 %), während Männer eher töten, weil sie das Ende einer Beziehung nicht akzeptieren können (60 %)“, sagt die Sozialwissenschaftlerin.


Foto: Timon Studler

Ein trauriger Rekord


2018 gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik 41 Morde an Frauen. Seit 2014 kam es zu mehr als einer Verdopplung der ermordeten Frauen – ein trauriger Rekord. Monatlich werden mittlerweile etwa 3 Frauen ermordet. Beim überwiegenden Teil der Frauenmorde bestand ein Beziehungs- oder familiäres Verhältnis (z.B. Partner oder Ex-Partner) zwischen Täter und Opfer. Insgesamt gab es im Vorjahr 55 Mordfälle sowie 76 TäterInnen.


2017 wurden 8.755 Betretungsverbote von der Polizei verhängt. „Bei besonders gefährlichen Tätern braucht es aber eine bessere Achtsamkeit und Umsetzung durch die Polizei und durch die Justiz. Wir fordern daher schon lange verstärkt, in die Sicherheit der Frauen zu investieren und eine klare Strafverfolgung von Gewalttaten an Frauen und häuslicher Gewalt“, sagt Maria Rösshumer von den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern.


Auf viele Aussagen angewiesen


Die Polizei selbst ist bei ihren Ermittlungen nicht nur auf die Aussagen von TäterInnen und Opfern angewiesen, sondern auch auf jene der NachbarInnen oder Kinder. Die erwähnte High Risk Victims-Studie zeigt, dass es viele Fälle gibt, wo das Opfer Gewaltdelikte vor der Polizei beschwichtigt oder verschweigt. Wenn das Leib und Leben des Opfers in Gefahr ist, kann ein Betretungsverbot auch gegen den Willen des Opfers ausgesprochen werden. „Je mehr Personen im Umfeld Angaben machen können, desto besser ist es für die Gefahrenprognose. Es fließen hier nicht nur die Angaben der Opfer ein, sondern auch die Angaben der/s TäterIn/s. Um eine genaue Prognose abgeben zu können, braucht es immer mehrere Blickwinkel“, sagt Irina Steirer von der Landespolizeidirektion Wien.


Der Erfolg der Ermittlungsarbeit sei im hohen Maße von der Qualität der Aussagen von ZeugInnen abhängig. Bei Anzeichen von Gewalt im persönlichen Umfeld ist Zivilcourage von ZeugInnen gefragt, denn Wegschauen kann in vielen Fällen tödlich sein.

Links

Bundesministerium für Frauen und Öffentlichen Dienst - Studie: High Risk Victims

Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555, rund um die Uhr, anonym, kostenlos und mehrsprachig und online.

Kinderwebsite

Onlineberatung für Mädchen und Frauen im Helpchat

Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser

Buch von Karin Pfolz: Manchmal erdrückt es mich, das Leben

Institut für Konfliktforschung

Männer haben die Möglichkeit, sich als Täter helfen zu lassen und den Männernotruf zu wählen unter 0800246 247. Oder sich an eine der Männerberatungsstellen in ganz Österreich zu wenden.

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