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Alternative Schulsysteme

Waldorf und Montessori

Sandra Krajco-Riemer

#FEATURE #ERZIEHUNG


Erziehung ist ein schwieriges Thema und wird oft auch als Abenteuer gesehen. Die besten Voraussetzungen herrschen dann, wenn zwischen Eltern und Kindern eine BE-ziehung besteht. Kinder kooperieren mit ihren Eltern. Auch unter den besten Beziehungen tauchen Fragen auf wie: Wie findet man für sein Kind die adäquate Mischung aus Strenge und Lockerheit? Wie viel Freiraum lässt man seinem Kind? Wo sind die Grenzen? Diese und noch viele mehr stellen sich Eltern spätestens dann, wenn das Kind zu laufen und sprechen beginnt und die erste Trotzphase auftritt.


Wurde die richtige Methode gefunden, erwarten Eltern einen großen Schritt. Das Kind kommt in den Kindergarten. Da sind sie wieder: Fragen. Welcher Kindergarten soll es sein? Wo wird die Erziehung, die man für sein Kind gewählt hat, fortgesetzt? Städtisch oder doch alternativ? Diese Wahl ist mitunter eine der schwierigsten, denn wenn dann einmal das passende System gefunden wird, Eltern und Kind damit glücklich sind, wird das System häufig auch für die Schule beibehalten.


Für viele Eltern ist der Umgang mit Individualität und Vielfalt im städtischen Kindergarten und Schulsystem nicht ausreichend. Es gibt nun mal Unterschiede hinsichtlich der Lernvoraussetzungen, sozialem Verhalten und kognitiven Fähigkeiten. Hierfür bedarf es einem besonderen Feingefühl seitens der PädagogInnen. „Nachdem ich mehrere Schulen am Tag der offenen Tür besucht hatte, war ich teilweise geschockt, was da auf die Schüler losgelassen wird. Wo man doch meint, dass sich die Institution und deren Mitarbeiter gerade an diesem Tag von ihrer besten Seite zeigt,“ sagt Anna W., Mutter eines sechsjährigen Sohnes, die sich für die Waldorfschule entschieden hat. „Glücklicherweise gibt es alternative Systeme, wo im Zentrum der Pädagogik die Individualität steht.“, freut sich Anna W. über ihre Entscheidung.

Photo: Nicole Honeywill

„Bei uns wird niemand sitzen gelassen“


Die Grundlage für die Waldorfpädagogik bildet das anthroposophische Menschenbild von Rudolf Steiner. Hierbei handelt es sich um die Gliederung des Menschen in drei Teile, die besagt, dass sich jeder Mensch in Seele, Geist und Leib aufteilt. Somit werden die SchülerInnen in Denken, Fühlen und Wollen geschult und entwickeln gleichermaßen intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten. Sie lernen die Umwelt und Natur zu schätzen und erfahren auch wie Dinge gemacht werden und entstehen.


„Die Kinder erfahren schon im Kindergarten, dass das Brot nicht einfach im Supermarkt gekauft wird, sondern, dass es ein langer Weg vom Samenkorn bis zum fertigen Brotlaib ist. Wenn ich meine Tochter frage, wie ein Brot entsteht, weiß sie, dass der Regen und die Sonne wichtig für das Wachstum sind, dass der Müller das Mehl mahlt und der Bäcker den Laib bäckt“, sagt Braño K., Vater von Kindern im Waldorfkindergarten und an der Waldorfschule. „Ich freue mich jedes Jahr auf das Erntedankfest im Kindergarten, wo diese Entstehung in Form von Liedern und Tänzen dargestellt wird."


Photo: Neonbrand

Worin besteht der Unterschied zu öffentlichen Schulen?


Ein großer Unterschied ist, dass die Kinder die ersten acht Schuljahre gemeinsam verbringen und in dieser Zeit eineN KlassenlehrerIn haben. Sie müssen sich somit nicht schon im zarten Alter von zehn Jahren entscheiden, in welches Schulsystem sie wechseln. Möchten sie danach weiterhin in der Schule bleiben, können sie auch die nächsten vier Jahre in einer gemeinsamen Klasse verbringen. Ein weiterer Unterschied betrifft den Lehrplan, der in der Waldorfschule einen Bogen über zwölf Jahre spannt und nach der momentanen Entwicklung der Kinder ausgewählt wird.


„Ein typisches Beispiel ist die Pubertät, wo die Kinder in Aufruhr sind und ihre altbekannten Muster über den Haufen werfen. Sie müssen ihren Weg zum Erwachsenensein alleine gehen, ohne zu wissen, wohin sie all das führt. In diesem Moment werden in der Waldorfschule die großen Entdecker zum Thema, weil auch sie in dieser Unsicherheit nicht wussten, wohin sie kommen und was sie erwartet,“ sagt Eva G., ehemalige Waldorfschülerin und heutige Lehrerin in einer städtischen Schule. „Im öffentlichen Schulsystem haben die kreativen Fächer nicht so einen hohen Stellenwert wie die kognitiven. In der Waldorfschule wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass künstlerische Fächer ebenso wichtig sind wie kognitive. Die Kreativität wird bis zur zwölften Klasse wirklich ernst genommen, mit sehr vielen Möglichkeiten, mit denen die Kinder sich eben auch im Tun ausleben können“, sagt Eva G.


Es geht auch ohne Noten und Leistungsdruck!


Wesentliche und altbekannte Unterschiede zwischen Waldorfschule und öffentlicher Schule sind etwa der Leistungsdruck, das Konkurrenzdenken, die Noten und das Sitzenbleiben. Im öffentlichen System gibt es Noten, in der Waldorfschule nicht. In der städtischen Schule entscheidet sich in der vierten Klasse wohin ein Kind gehen kann, eben je nachdem wie die Noten sind. „Es gibt Unmengen an Tests, die teilweise durchgeführt werden müssen, teilweise von den Lehrern durchgeführt werden wollen. Somit wird der Fokus eigentlich auf die Schwächen gelegt. In der Waldorfschule wird die Leistung genauso erbracht, allerdings ohne jeglichen Druck und ohne Sitzenbleiben. Dem Kind wird Zeit gegeben und es werden ihm verschiedene Angebote gemacht. Die Beurteilung ist anstelle von Noten eine verbale, wo es nicht darum geht, was das Kind nicht kann, sondern was das Kind gelernt und welche Fortschritte es gemacht hat.“, beschreibt Eva G. ihre Erfahrungen.


Eva G., selbst ehemalige Waldorfschülerin sieht ihren Auftrag an einer öffentlichen Schule vollkommen klar: „Meiner Meinung nach ist man eine gute Lehrkraft, wenn man aus Erfahrungen schöpfen kann. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meine eigene Erfahrung aus der Schulzeit in meinen Unterricht einzubringen, damit meine SchülerInnen ein umfassenderes Bildungsangebot bekommen können.“

Photo: Angelina Litvin

„Hilf mir es selbst zu tun!“


Das zweite Beispiel an alternativen Schulsystemen wurde im 20. Jahrhundert von Maria Montessori in Italien begründet und stellt auch das Kind und seine Individualität in den Mittelpunkt. Die Pädagogen im Montessori-System haben die Aufgabe die Kinder in der Entwicklung des eigenen Willens, dem selbstständigen Handeln und beim Treffen von Entscheidungen zu unterstützen. Der Unterricht ist offen und experimentell und soll dem Kind einen Freiraum schaffen, indem es sich selbst für Spiele und Lernangebote entscheidet, in welcher Zeit es sich dem zuwendet und wo es seinen Arbeitsplatz vorbereitet. Allerdings hat auch dieser Freiraum klare Rahmenbedingungen und Regeln, die von den PädagogInnen geschaffen werden und als „vorbereitete Umgebung“ bezeichnet wird.


Um diese Voraussetzungen schaffen zu können, müssen die PädagogInnen sehr gut beobachten und die sogenannten „sensiblen Phasen“ der Kinder erkennen können. Diese Phasen sind Abschnitte in der Entwicklung, in denen das Kind besonders aufnahmebereit ist und das Lernen mit Freude und spielerisch erfolgen kann. Die große Herausforderung für die Erwachsenen ist einerseits Unterstützung und Hilfe anzubieten, sich aber auch zurücknehmen zu können, um dem Kind genügend Zeit zur Selbsttätigkeit zu lassen. „Hilf mir, es selbst zu tun,“, war die Bitte eines kleinen Mädchens und wurde zu einem Leitsatz in der Montessori-Pädagogik.

Ein gutes System für Integration


Das Montessori-System ist besonders für alle Arten der Integration geeignet, was es in der heutigen Zeit sehr interessant macht. „Der Weg, den die Schwachen gehen, um sich zu stärken, der gleiche, den die Starken gehen, um sich zu vervollkommnen“, sagte einst Maria Montessori. Das Zusammenleben, das gemeinsame Arbeiten und Lernen aller Menschen, ob alt oder jung, ob mit Behinderung oder nicht, ob unterschiedlicher Interessen oder Herkunft, ist mit der Montessori-Methode vereinbar.


In beiden der genannten alternativen Systemen wird sehr viel Wert auf die Gemeinschaft, das Soziale und das Miteinander gelegt, was in unserer Zeit leider oft vergessen wird. Durch Angst und Panikmache werden Menschen und Kulturen entzweit. Es liegt an uns, unseren Kindern und deren Kindern Hoffnung zu geben.



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