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Alltagssüchte

Unsere zweite Natur

Ute Fuith

#FEATURE #SUCHT


„Die Gewohnheit ist eine gefährliche, eitle Göttin. Sie lässt nichts zu, was ihre Regentschaft unterbricht“, schreibt Nina George in ihrem Roman „Das Lavendelzimmer“. Als strenge Zuchtmeisterin hindert uns die Gewohnheit daran, so zu leben, wie wir wollen oder könnten, weil wir zu träge sind, etwas aus den gewohnten Bahnen auszubrechen.


Dabei geht es noch gar nicht um die großen Veränderungen des Lebens, wie einen anderen Job oder eine neue Liebe. Auch die unzähligen Mikro-Gewohnheiten, die unseren Lebensalltag bestimmen, sind so stark mit uns verwachsen, dass wir sie wie eine „zweite Natur“ empfinden. So beschrieb es schon der römische Philosoph Cicero vor 2000 Jahren. Und seit damals hat sich wenig geändert.


Photo: Emma Matthews

Die Dosis macht das Gift


Der feine Duft von Kaffee gehört für die meisten von uns zum täglichen Morgenritual. Österreich zählt zu den Nationen mit dem höchsten Kaffee-Konsum weltweit. Laut österreichischem Kaffee- und Teeverband werden hierzulande täglich rund 1.000 Tassen, beziehungsweise 145 Liter Kaffee getrunken. Damit liegt der Pro-Kopf-Verbrauch der Alpenrepublik mit 7,4 Kilogramm deutlich über dem europäischen Durchschnittskonsum von 2,8 Kilogramm. Über die positiven oder negativen Effekte von übermäßigem Koffein-Genuss gibt es in schöner Regelmäßigkeit unterschiedliche, nicht selten widersprüchliche Thesen. Erstaunlich ist jedenfalls, wie sehr sich das Image des Kaffees in den vergangenen Jahren gewandelt hat: Während er die längste Zeit als Gift für Herz und Magen galt, wird Kaffee mittlerweile - ohne Zucker und Milch getrunken - als wertvoller Bestandteil einer gesunden Ernährung eingestuft.


Etliche Studien haben nicht nur gezeigt, dass Kaffee keine negativen Effekte auf die Gesundheit hat, sondern sogar vor Krankheiten wie Darmkrebs und Diabetes Typ 2 schützen kann. Ernährungsstudien haben gar ergeben, dass der moderate - also mäßige - Kaffeegenuss das Leben verlängern kann. Aber wie viel Kaffee ist zu viel? Im Vorjahr untersuchten australische Forscher den Zusammenhang zwischen Koffein und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Ergebnis ihrer Analyse zeigt, dass ab der sechsten Tasse Kaffee am Tag das Herzinfarktrisiko um bis zu 22 Prozent ansteigt. „Um ein gesundes Herz und einen gesunden Blutdruck aufrechtzuerhalten, müssen die Menschen ihren Kaffee auf weniger als sechs Tassen pro Tag beschränken - basierend auf unseren Daten war sechs der Wendepunkt, an dem Koffein begann, das Herz-Kreislauf-Risiko negativ zu beeinflussen“, erklärt Studienleiterin Elina Hyppönen. Hoher Blutdruck sei häufig der Auslöser für Herz- Kreislauf-Erkrankungen und dieser werde auch von übermäßigem Kaffeekonsum ausgelöst. In ihrer Studie formulierten die australischen Forscherinnen und Forscher so erstmals eine „gesunde Obergrenze" für Kaffee, der wohl zu den meist konsumierten Aufputschmitteln weltweit zählt.


Photo: Katarzyna Urbanek

Ausrauchen


Ein gesundes Maß - wie beim Kaffee - gibt es bei Zigaretten leider nicht. Das ist inzwischen auch den hartnäckigsten Zweiflern klar. In Österreich zählt Rauchen trotzdem immer noch zur Sucht Nummer Eins. Aber sogar bei uns sind die Zahlen mittlerweile rückläufig. 1998 wurden hierzulande noch durchschnittlich sieben Zigaretten pro Tag geraucht. 2018 waren es nur noch fünf. Und es werden immer weniger. Laut einer Erhebung von „Gesundheit Österreich“ möchte nämlich rund ein Drittel der Raucherinnen und Raucher aufhören.


Besonders verpönt ist der blaue Dunst bei Jugendlichen. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der rauchenden Schülerinnen und Schüler halbiert. Einen ähnlichen Trend gibt es bei den Erwachsenen: Knapp ein Drittel der 560.000 Rauchenden versucht, aufzuhören – allerdings mit meist geringem Erfolg. Bei der Anzahl der rauchenden Frauen belegt Österreich übrigens den ersten Platz im Europavergleich. Das Raucher-Ranking bei Männern führt die Türkei an. Das Rauchverbot, das in der heimischen Gastronomie seit vergangenem November gilt, dürfte die Zahl der Raucherinnen und Raucher noch weiter senken.


Photo: Rami al Zayat

Wischen & Liken


Wie der Frühstückskaffee, gehört auch der Griff zum Handy für die meisten von uns zur Routine. Lange bevor man seinen Liebsten einen „Guten Morgen“ wünscht, hat man schon sämtliche Statusmeldungen und sonstige News am Smartphone durchforstet. Und das geht den ganzen Tag über so weiter. E-Mails checken, SMS versenden, Musik hören, telefonieren und dabei vielleicht auch noch schnell etwas essen - wir erledigen auch im Straßenverkehr oft mehrere Dinge gleichzeitig. Nicht ohne Risiko. Denn wir sind nicht so multitaskingfähig, wie wir glauben. Die Heerscharen von Smartphone-Zombies, die unbeeindruckt von roten Ampeln oder heranbrausenden Autos, weiter gebannt auf ihre Telefon-Displays starren, lassen Zweifel aufkommen. „Vielen Fußgängern ist nicht bewusst, welches Risiko Unkonzentriertheit birgt. Sie liegen falsch in der Annahme, dass sie ohne Einschränkungen mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen könnten", bestätigt Armin Kaltenegger vom Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien.


Abgesehen von der realen Gefährdung draußen, gibt es aber auch ein beträchtliches Potential an Risiken im Inneren. Im Durchschnitt schauen Smartphonebesitzer alle 18 Minuten nach, ob neue Nachrichten eingegangen sind. Wo aber hört „normale” Nutzung auf und wo fängt Sucht an? Oliver Scheibenbogen vom Anton Proksch Institut hat untersucht, wann Smartphone-Abhängigkeit zur realen Bedrohung wird. „Gefährlich wird es dann, wenn durch die „Übernutzung“ andere Aktivitäten, wie zum Beispiel Hobbies, in Mitleidenschaft gezogen werden und zu kurz kommen. Eine negative Konsequenz ist auch der Rückzug aus der sozialen Kommunikation. Das kann sich sowohl beruflich, als auch privat niederschlagen. Ein Warnhinweis ist auf alle Fälle, wenn Kritik von außen kommt. Wenn einem der Partner oder die Kinder sagen, dass man zu viel Zeit am Smartphone verbringe und nicht mehr richtig ansprechbar sei, sollte man das ernst nehmen“, sagt der Gesundheitspsychologe.


Photo: Eran Menashri

Der schöne Schein


Prinzipiell gibt es aktive und passive Nutzer und Nutzerinnen. In letzterem Fall schauen sich die Menschen nur noch die Welt der anderen an und kommunizieren gar nicht mehr. Das ist aber gefährlich, weil einem in den sozialen Netzwerken eine perfekte Welt vorgegaukelt wird. Durch die Diskrepanz zum „schönen“ Leben im Netz, verschiebt sich das Selbstwertgefühl ins Defizitäre. Dieser fehlende Bezugsrahmen zur realen Welt kann langfristig depressiv machen. Die Wissenschaft definiert Smartphone-Sucht zwar noch nicht als klar definiertes Krankheitsbild, aber sie ist bereits ein Forschungsgegenstand der Psychologie. Die steigende Zahl von - vorwiegend jugendlichen - Abhängigen zeigt auch, wie notwendig das ist.


Mittlerweile konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass die intensive Nutzung eines Smartphones nicht nur das soziale Verhalten von Menschen ändern kann, sondern auch die Gehirnaktivitäten. „Durch exzessiven Smartphonekonsum wird die Erregbarkeit des präfrontalen Cortex reduziert“, erklärt Oliver Scheibenbogen. Dieser Teil des Gehirns empfängt sensorische Signale, wirkt hemmend auf unsere Emotionen, lässt uns kontrolliert und vorausschauend handeln. „Bei einem exzessiven Smartphone-Konsum kommt es zu einer Über-Erregung des präfrontalen Cortex. Studien haben gezeigt, dass dabei auch gesunde Probanden und Probandinnen ähnliche Symptome ausbilden, wie Patienten und Patientinnen, die am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS leiden“, sagt der Psychologe.


Photo: Marjanblan

Offline-Zeiten verordnen


Im Sinne der viel zitierten „Work-Life-Balance“ ist es empfehlenswert, sich das eigene Smartphone-Nutzungsverhalten genau anzuschauen. Die diversen Handy-Hersteller bieten hier zwar schon Möglichkeiten der Nutzungskontrolle an, aber es ist wahrscheinlich besser, das selbst in die Hand zu nehmen. Ständige Verfügbarkeit oder die „Angst, etwas zu verpassen“ erzeugen nämlich ungeheuren Stress - das kann mitunter Richtung Burn-Out gehen. Da sollte man sich Strategien überlegen und das Firmenhandy z.B. abends ausschalten.


Kriterium für eine Smartphone-Sucht ist beispielsweise der Kontrollverlust: Wenn man sich vornimmt, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen und es trotzdem nicht schafft, ist das ein Warnsignal. Weitere Anzeichen sind Dosissteigerung, die Angst, etwas zu verpassen, aber auch Gereiztheit oder Entzugserscheinungen. Die Smartphone-Sucht hat wie alle Verhaltenssüchte die Schwierigkeit, dass es keine totale Abstinenz gibt. Beim Alkohol ist das vergleichsweise „einfacher“.


Das Anton Proksch Institut arbeitet bei Süchten mit dem sogenannten Ampel-Modell: Grün ist erlaubt – im Fall des Smartphones wäre das das Telefonieren oder Navigieren. Gelb steht für das Risiko eines Rückfalls, das könnte im Fall eines Smartphone-Abhängigen z.B. das Verwenden von „WhatsApp“ sein. Online-Spiele am Handy sind im roten Bereich.

Links


Anton Proksch Institut I Online

Kuratorium für Verkehrssicherheit I Online

Universität Südaustralien I Online

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